Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 erhoben haben. Dies ist der Grund des Streites, in welchem das Zentralkonsistorium dertürkischen Israeliten, auf welches man so große Hoffnungen setzte, unterlegen ist. Das Seminar ist nunmehr der Subvention verlustig gegangen, zu welcher sich das genannte Konsistorium verpflichtet hatte.- Was hat nun diese unverständliche Rivalität sür einen Zweck? Nächst dem Seminar lenkt die Schule Choulei - Möarif allgemeines Interesse auf sich. Diese Institution ist ein türkisches Lyceum, völlig identisch mit allen muselmännischen Lyceen, nur mit dem Unterschiede, daß dasselbe ausschließlich für jüdische Kinder bestimmt ist. Im Herzen des Ghettos, in Haskenh, belegen. Die Schule ist in demselben Raum untergebracht, in welchem sich die ehemalige Institution Camondo befand, die den Rang einer Vorbereitungsanstalt einnahm, in welcher die für das Studium, sür die Medizin, Jurisprudenz re. bestimmten jungen Leute zur Universität vorgebildet wurden. Auch in der Choulei-Mearis werden hauptsächlich die ersten Elemente für die jungen Juristen, Mediziner und Pharmazeuten, deren die Stadt eine große Zahl aufweist, gelehrt. Die schlechte Finanzlage des Zentralkonsistoriums, welches auch diese Institution subventioniert, hat das Fortbestehen dieser Vorbildungsanstalt stark in Frage gestellt, und darüber herrscht in der Oeffentlichkeit große Aufregung. Was nun das Nationalhospital Or-Chaim anbetrifft, so erfreut es sich fortgesetzt einer großen Beliebtheit. Die Juden. des Orients haben die löbliche Gewohnheit angenommen, bei glücklichen und traurigen Familienereignissen jene Institution mit Spenden zu bedenken. Türkische Juden, die in Paris, in Bombay, in Singapore und in Newhork ihren Wohnsitz genommen haben, senden unausgesetzt ihre Gäben an Or- Chaim. Dieses schöne Liebeswerk verdankt seine Begründung und seine Erhaltung zwei Männern, die in ihrem Wohltätigkeitssinn und in ihrer Opferwilligkeit noch die einheimischen Israeliten übertreffen, namens Dalmödico, einem Italiener, und de Castro, aus einer berühmten kretensischen Familie. Auf geistigem Gebiete hat uns die letzte Zeit ein besonders erfreuliches literarisches Ereignis gebracht. Der gelehrte Abraham Danon, Direktor des israelitischen Seminars, hat soeben in der Sammlung der Publikationen der orientalischen Sektion der ethnographisch-ungarischen Gesellschaft in Budapest eine Abbandlung von dreißig Seiten in Duo in französischer Sprache veröffentlicht, die den Titel führt: Essai über die türkischen Vokabeln im Jüdisch-Spanischen. Das ist eine segensreiche Arbeit. Sie ist das Ergebnis einer unermüdlichen zwanzigjährigen Forschung, das der Autor hier gibt über die von Jahrhundert zu Jahrhundert überkommenen türkischen Ausdrücke, die von den orientalischen Juden im Sprachgebrauch angewandt und welche ein Gemisch vorn Spanischen und Hebräischen waren. Der Verfasser hat Leute aller Stände befragt, vom einfachen Lastträger bis hinauf zum reichen Finanzmann, und hat die Ausdrücke zusammengestellt, deren sich jeder im täglichen Leben bedient. Dem Herausgeber haben sowohl die Werke über jüdisches Recht wie auch die Archive der Synagogen Material zu seinen Studien geliefert. Der berühmte französische Naturalist Buffon hat einmal erklärt, daß das Genie die Geduld ist. Auf Mr. Danon müssen wir diesen Ausspruch in umgekehrter Form anwenden, daß nämlich die Geduld — das Genie ist. Da nun einmal von literarischen Ereignissen die Rede ist, darf ich auch einen jungen Mann nicht übergehen, der das allgemeine Interesse auf sich zu lenken beginnt, Herrn Isaak Fereira Effendi, der aus einer sehr einfachen Familie einer der bevölkertsten Vorstädte am Goldenen Horn stammt und die Advokatur ausübt. Er hat sich bereits einen Namen unter den jungen ottomanischen Literaten erworben. Seme Gedichte und seine Prosaschristen sind von der gesamten türkischen Presse außerordentlich günstig beurteilt worden. Er hat schon zwei Bände Gedichte in türkischer Sprache herausgegeben. Man kann wohl sagen, daß dieser junge Mann, der sich wohl bewußt ist der schwachen Anteilnahme der Juden an der türkischen Literatur, alles daran setzt, nach dieser Richtung hin die Ehre seiner Glaubensgenossen zu retten, von denen auch nicht ein einziger während ihres sechshundertjährigen Aufenthalts (1300—1900) sich in türkischer Sprache literarisch betätigt hat. Tatsächlich hat auch einer der gefeiertsten und fruchtbarsten zeitgenössischen türkischen Schriftsteller, Exzellenz Ahmed Midhat Effendi, in einem neuerlichen Interview erklärt: „Es hat mich schmerzlich berührt, wahrzunehmen, wie sehr die türkischen Juden die Landessprache vernachlässigten. Jetzt ist es glücklicherweise anders geworden, und zu meiner großen Freude habe ich nunmehr von jüdischen Dichtern verfaßte Verse gesehen. Gott allein weiß, welche Freude ich darüber empfunden, daß die jüdische Jugend begonnen hat, sich für die ottomanische Literatur zu begeistern. Zu meiner größten Freude habe ich erfahren, daß die türkischen Juden nunmehr ihren jüdischspanischen Jargon ablegen und die Landessprache als Nationalsprache annehmen wollen. Das hat mich mit Begeisternng und Anerkennung für die Juden erfüllt. Ich will die Vergangenheit vergessen, um mich ganz der Gegenwart zu freuen, und ich beglückwünsche von ganzem Herzen diejenigen, welche sich dieser patriotischen Pflicht widmen!" Bei dieser Gelegenheit spielte Ahmed Midhat Effendi auf die beiden Advokaten Isaak Fereira Effendi und Abraham Nahon Effendi an, die beide unter den türkischen Autoren einen ehrenvollen Platz behaupten. Die jüdische Presse des Orients gibt mit stolzer Genugtuung ihren Lesern hiervon Kenntnis. Werfen wir nun einen Blick auf die Küste von Kleinasien, das vom Marmarameer und vom Aegaeischen Meer umspült ist, so erheben sich dort mehr oder minder nahe dem Meer ein Dutzend Ortschaften, die ebenso viele jüdische Gemeinden in sich bergen, so Smyrna, Magnesia, Tirich, Menemen, Casfaba, Aidin, Rhodos, Dardanellen, Broussa zc. Smyrna mit seinen 30000 Juden bietet seit langer Zeit, kaum irgend etwas Bemerkenswertes, seit Jahrhunderten möchte ich sagen, seit den Tagen Sabbatai Zewis wunderlichen Angedenkens. Wenn Smyrna keine inneren Zwistigkeiten infolge der Wahl eines Großrabbiners hat, wenn nicht Erdbeben es erschüttern, wenn nicht die Cholera oder die Pest ihr Domizil dort ausgeschlagen, so exportiert es in ununterbrochener Ruhe seine Feigen und Korinthen und berauscht sich am Anblick seines schönen Meerbusens. Augenblicklich findet Smyrna, das jüdische Smyrna, recht großes Gefallen an der Wahrsagekunst. In seinen Zeitungen findet man eine ganz versteckte Annonce, welche in regelmäßigen Zwischenräumen sich wiederholt und durch welche im ernsthaftesten Tone der Welt mitgeteilt wird, daß ein Herr £., ein Schüler des berühmten Wahrsagers und Rabbiners Pontremoli, in der Kunst die Zukunft zu deuten, bewandert ist. Er steht, wie es weiter lautet, dem Publikum an dem und dem Tage zu der und der Stunde zur Verfügung. Ein ähnliches Inserat in den gleichen Zeitungen meldet, „daß die in der Kunst des Gedankenlesens wohl bewanderten undbewährten Gebrüder 36. eine wunderbare Sitzung an dem und dem Tage zu einer bestinnnten Stunde im Saal des Kaiserkasinos gegeben haben oder geben werden." Das ist kein Scherz, sondern Tatsache, die jeder leicht zu kontrollieren vermag. Also, meine verehrten