Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228652--61628-3275459- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' . — 173 --; allein die notwendigen Entschlüsse zu fassen gezwungen sei. Herr Benas Levy 'unterstützt diese Mahnung und begrüßt mit Genugi'.umg die Mietung des Saales Tiergartenhof, wodurch wenigstens vorläufig die Bewohner des Hansaviertels versorgt seien. Professor Blaschke und später Rechtsanwalt Dr. Cohn bestätigen ebenfalls die größere Notwendigkeit der Errichtung einer Synagoge im äußersten Westen, da hier etwa 6000 Steuerzahler ohne Gottesdienst ivären, wogegen im Hansaviertel nur 1300 Steuerzahler wohnhaft seien. Beide Herren geben als Grund für den schwachen Besuch der Kommissionssitzungen die augenblicklich vielfachen Urlaube der Repräsentanten an. Dr. Cohn weist auf den Widerspruch hin, daß für die Plenarsitzungen an Stelle der Repräsentanten zwar Stellvertreter einberufen werden, die aber merkwürdigerweise nicht in den Kommisfionssitzungen mittätig sein dürfen und somit unmöglich für die Beratungen im Plenum genügend informiert seien. Herr Martin Simon fügt hinzu, daß es der Gemeindeverwaltung nunmehr endlich möglich sei, durch die Mietung der beiden neuen Lokale im Nordwesten einen Iugendgottesdienst abzuhalten und so den vielfachen Wünschen der Gemeindemitglieder Rechnung zu tragen. Hier wird die Tagesordnung unterbrochen, da für 12 Uhr die Einführung des jüngst gewählten Aeltesten-Stellvertreters Justizrat Bert hold Timend orser angesetzt ist. Der Vorsitzende Geheimrat Blumenthal begrüßt den Gewählten als neues Mitglied des Vorstandes; er weist darauf hin, das; der Gewählte kein Neuling auf dem Gebiete der Wohlfahrtsbestrebungen sei, da er an der Spitze einer großen, fast weltumfassenden Verbrüderung der jüdischen Gemeinschaft, des Ordens Benai Brith. stehe, der unter feiner Leitung so außerordentlich glänzende Erfolge erzielt hätte. Das bisherige Wirken des Gewählten in der Glanbensgemeinde habe bewiefen, daß er der geeignete Mann sei, aus den auch in der Gemeindeverwaltung hervortretenden divergenten Ansichten eine konzentrische Wirkung hervorzubringen. Der Vorsitzende verpflichtete den Kandidaten auf sein Amt, indem er die Hoffnung und sichere Erwartung aussprach, daß das Wirken Timendorfers für die Gemeindeverwaltung ein ebenso segensreiches werde, wie es ein nach Außen segensreiches durch seine Tätigkeit sür den Orden Benai Brith, sei. Die Tagesordnung tvurde darauf wieder ausgenommen. Die Versammlung hatte sich zunächst mit einer dringlichen Vorlage zu beschäftigen, nämlich mit der Mietung der Prachtsäle des Westens in der Spichernstraße zum Festgottesdienst. Der Referent Justizrat Dr. S i mo n berichtet, daß der Gemeindevorstand im vorigen Jahr davon Abstand genommen hätte, diese Säle wieder zu mieten, nachdem sie zu Versammlungen des Grafen Pückler abgegeben worden seien, während jetzt hierzu die Möglichkeit ausgeschlossen sei, da der öffentlichen Tätigkeit dieses Redners von der Behörde ein Ziel gesetzt sei. Der Referent kommt in längeren Ausführungen zur Ablehnung der Vorlage. In ausgedehnter Debatte treten dagegen für die Mietung der Säle die Kommissare Martin Simon und Syndikus Lilienthal, ferner Professor Geiger, Dr. Cohn, Dr. Minden und Professor Blaschke ein. Sie alle betonen die große Schwierigkeit, ein geeignetes Lokal in der dortigen Gegend zu erlangen, und die dringende Notwendigkeit, für einen Gottesdienst in diesem Viertel Sorge zu tragen. weist auf den prinzipiellen Unterschied der Kurse der Gemeindeverwaltung und des Gemeindebundes hin. Während die ersteren sür die nur seminaristisch vorgebildeten Lehrerinnen sein sollen, seien die vom D. I. G. B. eingerichteten für die akademisch gebildeten Lehrkräfte, die an höheren Anstalten unterrichten, bestimmt. Die Anregung, mit den Behörden in Verbindung zu treten betreffs der Erteilung einer kaeultas docendi für den Religi onsuuterricht werde mit Freuden vom Gemeindevorstand, der dieser Frage stets ein ungemindertes Interesse entgegengebracht hätte, ausgenommen werden. Für die Vorlage treten auch Justizrat Lilienthal, Dr. Cohn und Ben as Levy ein, die sämtlich die Bedürfnisfrage dieser Kurse betonen während Dr. Minden die Zurückverweisung der Vorlage an den Schul-und Talmud-Thora-Vorstand empfiehlt. In der Abstimmung wird der Antrag des Gemeindevorstandes abgelehnt, ebenso der Antrag Blaschke, dagegen mit Mehrheit die Anträge Simon angenommen. Debattelos wurden alsdann zwei dringliche Vorlagen angenommen, nämlich die Bewilligung von 200 Mark zur Speisung Inhaftierter in Brandenburg; unter den 26 Häftlingen befinden sich 20 Berliner. Ferner bewilligte die Versammlung die Kosten sür den durch den Neubau notwendig werdenden provisorischen Unterricht der Zöglinge der jüdischen Knabenschule im Betrage von 57 750 Mark. — Die Einrichtung einer vierten Abteilung in der Religionsschule in Weißensee findet die Genehmigung der Versammlung. Der Gemeinde Schochare Hatob und Bne Brith werden aus Grund wiederholter dringlicher Eingaben 950 Mark als einmaliger Zuschuß zur Schuldentilgung und eine Erhöhung der Jahressubvention von 2500 Mark auf 3500 Mark pro 1905/06 gewährt. Die israelitische Vereinigung in Friedrichsberg erhält zu den Kosten der Einrichtung ihrer neuen Synagoge einen Beitrag in Höhe von einem Drittel der Gesamtkosten, höchstens jedoch 2000 Mark, und für das Jahr 1905/6 eine Subvention von 2000 Mark. Dem Verein für Arbeitsnachweis wird eine jährliche Beihilfe in der bisherigen Höhe von 2000 Mark bewilligt. Rechtsanwalt Dr. Cohn bittet, dieser segensreich wirkenden Institution, die bekanntlich eine Schöpfung des Ordens Bne Brith ist, wärmste Förderung zuteil werden zu lassen. Der Israelitische Fortbildungsverein Montefiore sowie der Verein Jüdisches Kinderheim erhalten ihre jährlichen Subventionen in bisheriger Höhe, nämlich je 300 Mark. Mit der Wahl der Herren Eugen Proskauer und Heinrich Bock in den Vorstand der Synagoge Rhkestraße, des Maurermeisters Samuel Weile in die Kommission sür die baulichen Angelegenheiten, des Herrn Berthold Israel in die Fürsorge-Kommission und schließlich der Herren Bernhard Joseph, Max Lichtenstein, Salo Cassirer und Rentier Emil Cohn in die Kommission zur Unterstützung hilfsbedürfliger Durchreisender schließt die ausgedehnte Sitzung. Lrirk sus drm Orient. Die Vorlage wurde mit 12 gegen 4 Stimmen angenommen. In einer weiteren Vorlage bittet der Gemeindevorstand auf Grund einer großen Zahl von Anmeldungen einem Beschlüsse beizutreten, zu den von der Gemeinde eingerichteten Religionskursen für Seminaristinnen auch geprüfte Lehrerinnen sowie Hospitantinnen für alle oder einzelne Stunden zuzulassen. Der Referent Professor Blaschke bekämpft diesen Antrag und erklärt sich aus pädagogischen Gründen gegen die Vorlage. Er beantragt, die Beschlußfassung auszusetzen und den Talmud - Thora - Vorstand zur Begutachtung aufzufordern, ob geprüfte Lehrerinnen und Hospitantinnen nicht den vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund eingerichteten Kursen überwiesen werden sollen. Der Korreferent Justizrat S i m o n bittet um Annahme der Vorlage; er beantragt, daß zu den Religionskursen auch geprüfte Lehrerinnen und Hospitantinnen zugelassen lassen werden sollen, sobald sie sich verpflichten, den ganzen Coctus (drei Jahre) durchmachen zu wollen. Er empfiehlt ferner einen Antrag zur Annahme, wonach der Gemeindevorstand mit den Behörden wegen Erteilung einer Qualifikation an die Lehrerinnen für den Religionsunterricht in Verbindung treten soll. Sanitätsrat Stern Konstantinspel, int SlPril. Tn den beiden letzten Monaten hat sich hier nur wenig ereignet, was allgemeines Interesse verdient. Die Aufmerksamkeit der hiesigen jüdischen Gemeinde, die, wie bereits mehrfach erwähnt, 65 000 Seelen zählt, scheint sich besonders auf drei Dinge zu konzentrieren: auf das jüdische Seminar, das nationale Hospital und die Choulei-Mearif, das sind Schulen der Alliance Israelite. Um das Seminar, das man allgemein als die Vorbereitungsschule für die künftigen geistigen Führer betrachtet, welche dereinst die jüdische Gemeinden des Orients leiten sollen, ist augenblicklich ein heftiger Streit entbrannt; hier kämpfen die jüdische Geistlichkeit, d. h. der Großrabbiner und sein Anhang auf der einen Seite, und andererseits die Pädagogen um den Vorrang. Die Mitglieder des Rabbinats möchten gern für sich das Recht in.Anspruch nehmen, die Fonds dieser Institution zu verwalten, wogegen die Schulleiter energischen Protest