Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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’ -.■■■ - ■ i72 - ' ■■ ■ Wir sind fest überzeugt und halten es für unsere Pflicht auszusprechen, daß all dieses Unheil, welches in der letzten .Zeit eine solche scharfe Form angenommen hat, durch nichts anderes beseitigt werden kann, als durch die vollkommene Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevölkerung des Landes; wir sind überzeugt.' daß jede teilweise Abänderung der Beschränkungsgesetze bloß ein gesetzgeberisches Palliativ sein würde, welches den Zweck nicht erreicht: in der Sache der Verwirklichung der elementaren Gerechtigkeit kann es keine Etappen geben. Keine religiöse und nationale Kombinationen können die Entziehung der angegebenen Menschenrechte rechtfertigen! Die allgemeine Hoffnung teilend, daß Rußland in eine neue und viel glücklichere Aera seiner Entwicklung eintreten wird, sprechen wir die Ueberzeugung aus, daß jetzt endlich der Moment zur Verwirklichung der vollen politischen und bürgerlichen Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevölkerung angebrochen ist." Wie es heißt, hat das Ministerium des Innern alle Materialien in bezug auf den Ansiedlungsrayon der Juden, wie. auch deren Wohnrecht außerhalb desselben, und die Arbeiten der verschiedenen Kommissionen über diese Frage gesammelt. Diese Materialien wurden nunmehr dem Ministerkomitee übergeben, wo die Frage sowohl über den Ansiedlungsrayon, als auch über die anderen Rechte der Juden beurteilt werden soll. Wenn nur alle diese Arbeiten nicht „schätzbares Material" bleiben! Denn der neueste Kurs scheint wieder direkt auf Hetze gegen die Juden zu gehen, wie die Nachrichten aus allen Teilen Rußlands traurig genug lauten. fius der Berliner Grmrinde. 8. Berlin, 9. März, mehr als dreistündiger Sitzung tagte heute unter dem N Vorsitz des Herrn Geheimrats .Dr. Blumenthal die Repräsentanten Versammlung, die insofern ein eigenartiges Bild bot, als fast sämtliche Stellvertreter für die teils erkrankten, teils aus anderen Gründen beurlaubten Repräsentanten einberusen waren. Die zu bewältigende Tagesordnung bestand aus nicht weniger als 27 Vorlagen, an die sich zum Teil sehr ausgedehnte und angeregte Diskussionen anschlossen. Vor der Tagesordnung richtete Herr Weinberg die Anfrage an den Gemeindevorstand, ob ihin etwas über die Gründe der Amtsniederlegung einer verdienten Ehrendame im Hospital der jüdischen Gemeinde bekannt geworden sei, und rief hierdurch eine bemerkenswerte Debatte hervor. Der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Jacob h, erwiderte, daß der Vorstand bereits darüber informiert sei, daß aber begründete Aussicht bestehe, die Angelegenheit bald zur Zufriedenheit zu erledigen. Das um die Entwicklung des Hospitals hochverdiente Mitglied des Kuratoriums Herr Manheimer wurde etwas deutlicher. Er verriet, daß unter den Ehrendamen des Hospitals sich „revolutionäre Bestrebungen" geltend gemacht Hütten, daß die Ehrendamen sich nicht mehr beschränken wollten auf die Inspektion der Küche und des Haushalts, sondern daß sie sich auch mit der ihrer Ansicht nach vernachlässigten oder gar nicht geübten seelischen Pflege der Hospitanten beschäftigen wollten. Er gestand offen ein — und das war erfreulich, denn nur durch die Oeffentlichkeit kann eine baldige und wirksame Remedur geschaffen werden — daß einige Mißstände vorhanden und einer Besserung dringend bedürftig seien. Herr Loewenthal verwies die Ehrendamen auf den ihnen statutarisch zugewiesenen Wirkungskreis und bedauerte gleich Herrn Jacoby, daß die Angelegenheit in öffentlicher Sitzung angeschnitten worden sei. Der Vorsitzende der Versammlung wie auch Herr Manheimer waren im Gegensatz hierzu der Meinung, daß diese Dinge, die, wie beide Herren bezeugten, bereits in weiteren Kreisen bekannt geworden, in der Versammlung, nachdem sie einmal angeschnitten worden sind, auch ohne jede Vertuschung behandelt werden müssen. Damit fand die Interpellation ihren Abschluß und die Versammlung wandte sich dann der Tagesordnung zu. Mit der Annahme einer durch letztwillige Verfügung vom 8. April 1872 hinterlassenen Zuwendung der Frau Ottilie Hirsch geb. Marknse auf Gereuth in Höhe von 36000 Mark zur Errichtung einer Hirsch Jacob und Minna Markuse-Stiftung erklärt sich die Versammlung vorbehaltlich der landesherrlichen Genehmigung einverstanden. - Rach dem nunmehr erfolgten Tode der bisherigen Rentenempfängerin soll das Kapital zu einer Stiftung für arme jüdische Wöchnerinnen verwandt werden. Von den Zinsen des Kapitals soll jährlich ein Zehntel zum Kapital geschlagen werden, der Rest möglichst an den Todestagen der Eltern der Stifterin zur Verteilung gelangen. Herr- Weinberg bittet hierbei, bei der Verteilung hauptsächlich diejenigen Vereine und zwar nach Maßgabe der Höhe der von ihnen gewährten Unterstützungen bedenken zu wollen, die sich die Pflege armer jüdischer Wöchnerinnen zu ihrer speziellen Aufgabe gemacht haben. Kommissar- Martin Simon sagt Berücksichtigung dieses Wunsches zu. Zwei Zuwendungen der Frau Pauline Caspary geborene Treuherz zur Jahrzeitfeier und zur Grabeserhaltung von 1000 Mark und 500 Mark wurden debattelos angenommen. Die Dienstanweisung für den anzustellenden Schularzt gelangte dann zur nochmaligen Beratung, nachdem sie infolge der von den Repräsentanten vollzogenen Aenderungen erneut den Schul- und Talmud-Thora-Vorstand passiert hatte. Der Gemeindevorstand ist nunmehr der Mehrzahl der Aenderungen beigetreten, hat jedoch an seinem früheren Beschlüsse festgehalten, behufs Vermeidung von bedenklichen Unzuträglichkeiten dem Schulärzte nur dann die Behandlung erkrankter, von ihm in amtlicher Eigenschaft untersuchter Kinder zu gestatten, wenn er bereits vor der Aufnahme des Kindes in die Schule in der Familie desKindes Arzt gewesen ist, während die Repräsentantenversammlung bekanntlich beschlossen hatte, dem Schulärzte auch dann die Behandlung der Kinder zu gestatten, wenn er bereits vor der Erkrankung des Kindes Arzt in der Familie des Kindes gewesen ist. Neu ist in die Instruktion ein Passus eingefügt worden, wonach der Schularzt verpflichtet ist) auf Ersuchen des Schulleiters über die Dispensation der Kinder von einzelnen Teilen des Unterrichts Gutachten abzugeben. Es handelt sich hierbei besonders um Dispensation von Gesang oder Turnen oder auch von einzelnen Stunden, etwa dem Nachmittagsunterricht. Die gewünschte Unterrichtsbefreiung ist nach Ansicht des Gemeindevorstandes vom Standpunkt der Schule und des Arztes häufig nicht unbedingt am Platze und eine Aenderung scheint hier im Interesse beider Faktoren zu liegen. In der Diskussion bemühte sich Herr Dr. Feilchenfeld, aus ärztlichen Gründen die betreffs der Behandlung der Kinder festgesetzte Bestimmung in der von der Repräsentantenversammlung beschlossenen Form wieder herzustellen, wogegen Syndikus Justizrat Lilienthal Einspruch erhebt und zugleich bittet, die langwierigen Verhandlungen endlich einmal zum Abschluß zu bringen und die Anstellung des Schularztes danrit in die Wege zu leiten. Die Instruktion wurde alsdann in dieser veränderten Fassung mit großer Mehrheit angenommen. Zu Punkt 5 der Tagesordnung erfolgt darauf die Genehmigung betreffs Abschluß. beziehungsweise Verlängerung von Mietsverträgen für die gottesdienstlichen Veranstaltungen in den folgenden Sälen: Moabiter Gesellschaftsbaus (Wiclefstraße 24) für 2350 Personen, Tiergartenhof 800 Personen, Gesellschaft der Freunde, Brauerei Königstadt, Saal der Philharmonie, Oberlichtsaal der Philharmonie, Brüder-Verein, Logenhaus Joachimstalerstraße. Herr Weinberg rollt bei diesem Thema die Frage der Errichtung einer Synagoge im Hansaviertel wieder aus und weist auf die dringende Notwendigkeit eines Gotteshauses in dieser Gegend hin, eine Notwendigkeit, die ja durch die Mietung zweier Lokale zu Festgottesdiensten in diesem Stadtviertel genügend dargetan sei. Justizrat Lach mann erwidert, daß nach einem geänderten Beschlüsse zunächst eine Synagoge im äußersten Westen auf Charlottenburger Gebiet in Angriff genommen werden solle und daß es der Gemeindeverwaltung aus finanziellen Gründen unmöglich sei, zwei Synagogen zu gleicher Zeit zu errichten. Bei dieser Gelegenheit fordert er die Mitglieder zu fleißigerem Besuche der Kommissionssitzungen auf, die sich mit der Prüfung der eingereichten Platzprojekte zu beschäftigen haben, ebenso wie mit der Frage des Neubaus des Krankenhauses, da sonst beide Angelegenheiten unmöglich vorwärts kommen können; er droht, daß bei fortdauernder Beschlutzunfähigkeit dieser Kommissionsberatungen der Vorstand