Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 7. April 1905. Jahrgang. So. 14. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deA Judentums lkorrklponden?kn und Mschrichten. Deutschland. e/s Berlin, 2. April. Der im Frühjahr 1904 begründete Verband der deutschen Juden, dem nunmehr fast ausnahmslos alte größeren jüdischen Gemeinden und sonstigen Verbände beigetreten sind, hat in Berlin einen ständigen Ausschuß gebildet. Die Tätigkeit des letzteren erstreckt sich unter anderem auf Wahrung der Rechte der Inden bei der für Preußen vorbereiteten Schulreform; ferner ist eine im ganzen Reiche veranstaltete Umfrage im Gange über Zurücksetzungen, welche Juden ihres Glaubens halber in den verschiedenen Zweigen der Staats- und Kommunalverwaltung, im Zivil- und Heeresdienst erleiden. Besonders ins Auge gefaßt ist hierbei auch eine aktenmäßige Feststellung des Ausschlusses jüdischer Bürger vom Schöffen- und Geschworenendienste. Der Verband plant für den Oktober 1905 eine öffentliche Hauptversammlung. Berlin, 31. März. In voller geistiger Frische und in unermüdlicher Arbeit an seinem neuesten großen Werke, einer Bibliographie der jüdischen Geschichtsquellen, hat Professor Dr. Moritz Steinschneider heute seinen 89. Geburtstag still gefeiert. Sein reiches, emsiges und selbstloses Schaffen, seine geradezu bewundernswerte Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit in diesem Alter und bei den Beschwerden, die dasselbe nun einmal mit sich führt, zu rühmen lverden wir uns wohl hüten, da der Meister solchen Ruhm nicht liebt und auch — nicht benötigt. Aber aus vollem Herzen dürfen wir heute mit all' seinen Verehrern wohl den innigen Wunsch aussprechen: Ad meo we-esrim sclionoh! Berlin, 1. April. Das Jüdische Mädchenstift, Lothringerstraße 16, bietet nach seinem eben ausgegebenen 16. Jahresbericht in einem besonderen, von der Hausmutter Frau Henriette Vaer geleiteten Heim, 16 unbemittelten jüdischen Mädchen unentgeltlichen Unterhalt und hauswirtschaftliche Ausbildung. Die Anstalt hat im abgelaufenen Jahre acht und im ganzen bereits 76 Zöglinge in den Dienst treten lassen und unter diesen 13 für zwei- bis neunjährige treue Pflichterfüllung bei derselben Dienstherrschaft durch eine Prämie ausgezeichnet. Zur Fortführung seiner verdienstlichen Wirksamkeit bedarf das Stift, das im ganzen 9547 Mark, d. h. pro Kopf 596 Mark ausgegeben, ein Vermögen von rund' 49 500 Mark hat, dringend größerer Mittel. Vorsitzende sind Waisenhausdirektor Dr. Strelitz und Frau Juli Neumann. S. Berlin, 2. April. Der „Verein für jüdische Krankenpflegerinnen" hat, wie wir seinem Bericht pro 1904 entnehmen, sein elftes Arbeitsjahr seit seiner Begründung vollendet. Die Nachfrage nach den vom Verein ausgebildeten Schwestern hat noch ständig zugenommen, so daß das Verlangen nach tüchtigen Krankenpflegerinnen noch immer nur teilweise befriedigt werden kann. Trotzdem hat sich der Verein verständigerweise nicht von seinem Grundsatz abbringen lassen, nur körperlich und geistig völlig gesunde, sittlich gefestigte, möglichst intelligente und mit einem warmen Herzen für die Krankenpflege als Schülerinnen einzustellen. Von 70 Anmeldungen konnten nur 16 berücksichtigt werden, und von diesen haben noch vier wieder entlassen werden müssen. Der Bestand betrug am 31. Dezember 1904 60 Schwestern, der Bestand an Schülerinnen 14. neu eingestellt wurden 14 Schülerinnen, von denen elf zu Schwestern ernannt wurden und fünf entlassen resp. ausgeschieden sind. Mit zwölf Schülerinnen ist somit der Verein in das Jahr 1905 eingetreten. Mehrfach wurden von anderen Gemeinden und von der Großloge für Deutschland U. O. B. B. dem Verein überwiesene geeignete Mädchen zu Krankenpflegerinnen ausgebildet. Zurzeit wirken unter Leitung je einer Oberschwester sechs Schwestern in München, drei Schwestern in Nürnberg; ferner sind stationiert eine Schwester in Dortmund, zwei in Mannheim, je eine in Posen und Danzig, eine Schwester leitet als Oberin das Israelitische Siechenheim in Hamburg. In auswärtigen Kuranstalten übten zwei Schwestern im Israelitischen Kurhospital in Kolberg, je eine im Genesungsheim in Lehnitz und in der Israelitischen Kinderheilstätte in Königsdorff-Jastrzemb die Pflege der dort untergebrachten Patienten aus. Von den Berliner Schloestern sind sechs in den Frauenabteilungen und eine Schwester als Operationsschwester des Krankenhauses der jüdischen Genieinde tätig, während 35 Schwestern für Privatpflege unserer Stadt zur Verfügung stehen. In Berlin wurden in Privatpflege 171 vollbezahlte, 56 ermäßigte und 131 unentgeltliche Pflegen ausgeübt, wobei die ambulanten Hilfeleistungen und Armenbesuche nicht inbegriffen sind. Den außerordentlich starken Anforderungen, welche die Armenpflege an den Verein stellt, wird nach Möglichkeit entsprochen. Gemäß der Zunahme der Zahl der Schwestern haben sich natürlich die Ausgaben des Vereins für Gehälter, Beköstigung sowie für Gesundheitspflege erhöht; bedauerlicherweise sind nicht in gleichem Maße die Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen gewachsen. Nur zum Teil werden die Ausfälle durch einige opferwillige Zuwendungen ausgeglichen. Eine erhöhte Anteilnahme der Glaubensgenossen an den so außerordentlich segensreichen und in der gedeihlichsten Entwicklung begriffenen Bestrebungen des Vereins ist jedoch um so wünschenswerter, als der Verein bereits nach zehnjähriger Dienstzeit seinen Schwestern eine Pensionsberechtigung in Höhe von jährlich 800 Mark zugesichert hat und demgemäß zur Bestreitung der in absehbarer Zeit an ihn herantretenden Ansprüche gesteigerter Einnahmequellen dringend bedarf. Der Rechnungsabschluß pro 1904 stellt sich in Einnahme und Ausgabe auf 65 056,06 Mark. — In der am 26. v. M. stattgehabten Generalversammlung widmete zunächst der Vorsitzende des Vereins, Stadtverordneter Louis Sachs, dem verstorbenen Vorstandsmitgliede Frau Stadtrat Weigert und dem früheren Vorstandsmitgliede Max Metzenberg ehrende Nachrufe und gab alsdann an der Hand des gedruckt vorliegenden Berichtes den Geschäftsbericht für das verflossene Jahr. Er erklärte die Befürchtungen für völlig überwunden, daß sich nicht genügend geeignete Personen als Krankenpflegerinnen melden würden und daß andererseits etwa keine Verwendung für die ausgebildeten Schwestern vorhanden sein könnte. Als das größte Werk des Vereins bezeichnete er die Tatsache, daß schon heute in fast allen großen jüdischen Gemeinden jüdische Schwestern wirken; in Stuttgart wird demnächst ein neues Schwesternheim mit drei Schwestern eröffnet werden. In einer in Frankfurt a. M. stattgehabten Delegierten-Versannnlung der Vereinigungen für jüdische Krankenpflegerinnen ist die Gründung eines Verbandes aller gleichstrebenden Vereine beschlossen worden, welcher neben der Ausbildung der Schwestern und außer der Hebung des Ansehens derselben hauptsächlich die dauernde Versorgung der Krankenpflegerinnen zu sichern bemüht sein wird. Aus dem Terrain des hiesigen neu zu errichtenden jüdischen Krankenhauses wird ein eigenes Gebäude sür die Unterbringung des Schwesternheims aufgeführt werden, voraussichtlich zunächst sür Gemeinderechnung. — Auf den Bericht der Kassenrevisoren hin wird dem Schatzmeister Decharge erteilt. Die turnusgemäß ausscheidenden sechs Vorstandsmitglieder wurden wieder- und anstatt der verstorbenen Frau Dr. Weigert, die Gattin des Vorsitzenden, Frau Rosa Sachs, neugewählt. Die bisherigen Kasfenrevisoren wurden gleichfalls wiedergewählt. In einer humorvollen Rede, in der er interessante Vergleiche zwischen der ehemaligen und jetzigen jüdischen Krankenpflege in Berlin zog, stattete Herr Urh namens der Vereinsmitglieder dem Vorstand für treue Mühewaltung herzlichen Dank ab. o. Königsberg, 1. April. Das israelitische Waisenhaus sür Stadt und Provinz versendet soeben seinen 44. Jahresbericht. Die Verwaltung der Anstalt ist mit der Errichtung eines neuen Waisenhausgebäudes beschäftigt, das im Rohbau bereits vollendet, im September d. I. bezogen werden soll. Die Anstalt unterhält zurzeit 31 Zöglinge, Knaben und Mädchen, darunter sieben, die bereits in beruflicher Ausbildung begriffen sind. Zur Entlassung kamen im vergangenen Jahre-zwei Knaben und ein Mädchen nach vollendeter Berufsausbildung, ein Uhrmachergehilfe, ein Klempnergeselle und ein