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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-07 · Heft 14 (7.4.1905) · p. Seite 168

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 168 (sequence 12)
Language
German
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„Weil das andere wohl nicht der Wahrheit entsprochen hätte." „Nun also," sagte der Alte nur. „Es ist wahr," meinte Joseph, „die Folgen wären unabsehbar gewesen." „Unabsehbar?!" ries der Alte erregt, „nein, absehbar. Sehr wahrscheinlich wären wir heute ein mächtiges Volk in Zion, — aber wir waren zu ehrlich." Wieder herrschte lautlose Stille im Zimmer. Das Ticktack der Wanduhr auf dem Kamin schallte förmlich. — Jeder der beiden Männer hatte die Ellbogen auf den Tisch gesetzt und hing seinen Gedanken nach. So mochten etwa zehn Minuten vergangen sein, als der Alte, ohne aufzublicken Plötzlich fragte: „Ludanyi weiß, daß du Jude bist?" Joseph fuhr zusammen. Dann, lächelte er. „Hast du mich erschreckt, Großvater! Ob er cs weiß? Bei den: Ponim!" Der Alte ging nicht auf den Scherz ein. „Und doch behält er dich, — der Antisemit?" „Das hat doch wohl seine Gründe," meinte Joseph ruhig. „Zwar behauptet er, als er mich engagierte, wußte er nicht, daß ich Jude sei. Er habe es erst erfahren, als ich ihm einmal meine Meinung sagte für einige antisemitische Aeußerungen, die er in meiner Gegenwart fallen ließ; so sagt er! Ich meine, er hat sich's schon immer gedacht, konnte aber sonst den rechten Mann nicht finden." Der Alte lächelte stolz, während Joseph fortsetzte: „Als er es nun von mir gehört hatte, meinte er, wenn alle so wären wie ich, dann gebe es keine Antisemiten, aber die Ausnahme beweise auch in diesem Falle nur die Regel. Dafür gab's wieder einen ordentlichen Streit. Jetzt stehen wir uns ganz gut. Ich bin eben die Ausnahme für ihn." Nach einer kurzen Pause fuhr Joseph fort: „Aber weißt du, Großvater, ich glaube, den Hauptgrund habe ich dir noch nicht genannt. Ich habe so eine Ahnung, daß er, der Antisemit, in diesem Falle einem Juden sogar den Vorzug gegeben hätte, denn daß er große Sachen mit seiner Tochter vor hat, das wissen Marie und ich ganz genau. Und so ein gewöhnlicher Jude, — der konnte seiner Tochter nicht gefährlich werden, das war doch gänzlich ausgeschlossen. — Komisch, was?" Der Alte nickte ernst. „Der ist wohl sehr stolz aus seinen Adel, was?" fragte er. „Und ob. Adel ist für ihn der Inbegriff alles Hohen und Großen. Das isbs ja eben. Reich ist er, steinreich. Also Geld braucht sein Schwiegersohn nicht zu haben. Aber adlig muß er sein, sehr adlig. Je adliger, desto mehr Mitgift." „Und was sagt Marie?" „Das gute Kind! -- Die wird sich verschachern lassen und an gebrochenem Herzen zu Grunde gehen." Der Alte nickte wieder. „Nicht so schnell," murmelte er dabei. Dann hob er plötzlich seinen Kopf und blickte seinen Enkel gespannt an, während in seinen Augen jenes Feuer aufflammte, das da jedesmal zu sehen war, wenn ihn etwas stark bewegte oder seine Energie aufrüttelte. „Also so stolz ist er aus seinen Adel,'was?" fragte er so ruhig wie möglich. „Und wie alt ist dieser Adel, wie weit kann er seinen Stammbaum zurückführen?" Joseph war aufmerksam geworden. Er kannte diese Symptome, dieses Leuchten der Augen. Der Alte hatte etwas in petto, irgend einen Gedanken, von dem er sich viel versprach. Joseph war sehr neugierig, als er antwortete: „Bis zum 11. Jahrhundert sind wir schon gekommen, in ganz gerader, männlicher Linie, doch da hört die Spur plötzlich auf." „Großartig," meinte der Alte feurig. Und dann fügte er leiser, zuerst nachdenklich, dann zuversichtlicher hinzu: „Es wird vielleicht schwer halten, aber — mit Gottes Hilfe wird's schon werden." „Was, Großvater?" fragte Joseph gespannt. Der Alte sah den Neffen einen Moment starr an, dann antwortete er langsam: „Einen Jehudi aus ihm zu machen." „Ans wem," rief Joseph, der seinen Ohren nicht traute. „Ans Ludanyi," antwortete Reb Jehuda ruhig. „Schau mich nicht so schrecklich an," setzte er lachend fort, als Joseph keine Worte finden konnte, „ich bin durchaus nicht verrückt, wie du zu glauben scheinst." Und einen Moment später: „Komm, mein Kind, jetzt istts wirklich Zeit, schlafen zu gehen." . Und ohne weiteres machte sich der alte Mann daran, sein Nachtgebet zu verrichten. Joseph folgte seinem Beispiel. Aber seine Gedanken waren nicht bei seinem Gotte — wieder und wieder fragte er sich, ob denn sein Großvater schon so alt sei — doch ein Blick auf die noch rüstige Gestalt und die lebhaften Augen genügte, um ihm die richtige Antwort zu geben. Und so beendete er denn kopfschüttelnd sein Nachtgebet; kopfschüttelnd löschte er die Lampe ans; kopfschüttelnd legte er sich zu Bett. (Fortsetzung folgt.) SprechsM. Geehrte Redaktion! ^ltt dem Beitrage zur Geschichte der Bibliotheca Merzbaclieriana Monacensis, der in Nummer 12 enthalten ist, ist die Jahreszahl 5103 (1343 der weltlichen Zeitrechnung) verdruckt; der Münchener Codex ist demnach 562 Jahre alt und nicht etwa nur 262; das Pergament, auf welches das Werk des Moses aus Couch geschrieben ist, ist nicht aus Alexandria in Aegypten, sondern aus Alcssandria iu Italien. München, 28. März. —t. Geehrter Herr Redakteur! « ^^>aß die Zahl derjenigen Leute, die jüdischer Abstammung sind, diese jedoch aus irgend einem Grunde zu verleugnen sich veranlaßt sehen, größer ist, als man gemeiniglich annimmt, ist wohl unbestritten. Wohl recht wenig bekannt dürfte es sein, daß der kürzlich verstorbene phantasievolle Autor naturwissenschaftlicher Nonrane, Jules Berne, ein polnischer Jude war! In jedem Lexikon wird seiner eigenen, falschen Angabe nach sein Geburtsort mit Nantes angegeben. Berne heißt eigentlich: Julian Olschewitz und ist zu Plotzk in Polen gebürtig. Er leitete den Namen Olschewitz von dem russischen Olsclia — Erle ab und hat das Wort — ins Französische übertragen — als Familienname angenommen. Meine Quelle, eine bejahrte ältere Dame, erinnert sich noch lebhaft, wie dem jungen Olschewitz bei seinem Abschied von ihrer Schwägerin die Seitenlocken (Peies) abgeschnitten wurden; er war übrigens als junger Mann ein recht guter Talmudist. Hochachtungsvoll Berlin, im März. L. B. Druck und Verlag von Rudolf Masse iu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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