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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-07 · Heft 14 (7.4.1905) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
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' ■ - : . —— 167 „Weiß es ihr Vater?" „Um Gottes willen nicht," rief Joseph erschrocken ans. „So ungefähr Hab ich's mir gedacht," erwiderte der Alte. „Was soll nun aber daraus werden?" „Ich weiß es nicht," erwiderte Joseph tonlos, „schade, daß bit davon gesprochen hast, Großvater, ich liebe Marie, sie liebt mich — und daran ist nichts zu ändern. Was weiter werden soll? — Wir wollen gar nicht daran denken. Vorläufig nur so dahin leben. Ob wir uns jemals werden angehören dürfen, — das steht in Gottes Macht!" „Ich weiß ein Mittel," erwiderte der Alte. Gespannt blickte ihm Joseph in die Augen. „Ja ein Mittel. — Laß dich taufen!" erwiderte jener ruhig. „Großvater, das ratest du mir?!" rief Joseph aufspringend. „Das bewahre Gott!" erwiderte Reb Jehuda, „ich Hab dir nur das Mittel genannt." „Das würde ich nie tun," sagte Joseph fest. „Gott sei Dank! Eine andere Antwort habe ich von dir eigentlich nicht erwartet, — aber hören wollte ich sie doch! Und nun hör' zu, mein Sohn. Fühle dich nicht unglücklich, und liebe deine Marie ruhig weiter. Du wunderst dich," unterbrach er sich selbst, als er merkte, wie sich Joseph's Gesicht in freudiger Ueberraschung färbte, „daß ich dir diesen Rat gebe. Aber ich habe dir doch gesagt: Ich will dich glücklich sehen. Lieb sie ruhig weiter und bleib ein guter Jude derweil. Gottes Macht ist groß. Wer weiß, was noch passieren kann. Ich will zu Gott beten — und will auch lernen, forschen und — lächle nicht," unterbrach er sich wieder, „ich weiß, wie ihr jungen Leute über den Talmud und die jüdische Gelehrsamkeit überhaupt denkt. Aber wenn ihr recht hättet, dann müßten wir doch sehr dumm sein. Und sind wir wirklich dumm? Ich, — gut — ja. Aber sind unsere großen Gelehrten wirklich dumm gewesen? Wer will das behaupten!" Mit erhobener Stimme stellte er die Frage, dieweil seine Gestalt sich emporreckte und er sich mit blitzenden Augen umschaute, als erwarte er von irgend woher eine Antwort. Dann fuhr er ruhiger fort, langsam, als ob zu sich selbst sprechend: „Liebe sie ruhig weiter, — sei glücklich durch die Gegenwart und denke nicht an die Zukunft. Soll es nicht sein, so wirst du noch früh genug unglücklich werden." Wieder herrschte lautlose Stille im Zimuler. Ein jeder saß da mit seinen Gedanken beschäftigt. Der Alte hatte den Kopf in feine Hände gestützt, der Jüngere im Folianten blätternd, ohne den Versuch zu machen, darin zu lesen. Schließlich unterbrach er die Stille mit der Frage: „Was hast du denn heute so eifrig „gelernt", Großvater?" Des Alten Augen leuchteten. Jedesmal wenn von Dingen gesprochen wurde, die ein Ruhm des Judentums - bedeuteten, ging eine Veränderung mit dem Manne vor; seine Züge belebten sich in heiligem, freudigen Eifer. Er schien sich zu verjüngen, zu wachsen. So auch jetzt. „Von einem Lichtpunkt in der dunklen Zeit der jüdischen Verfolgungen , des Golus. Den Sefer Hakusari — das Buch „Kufari" — habe ich einmal wieder durchstudiert. Oh, wie ist das schön! Damals hätte ich leben mögen." „Das — Buch — Kusari —?" sagte Joseph nachdenklich. „Ach ja," setzte er fort und seine Züge erhellten sich. „Das ist eine herrliche Geschichte." Und das Buch durchblätternd fragte er: „Jbn-Tibbon?" „Nein," erwiderte der Alte, „sondern die herrliche Bearbeitung von Jehuda ha-Levi durch Jbn-Tibbon. Es ist ein wundervolles Werk. Je öfter man's liest, desto mehr fesseln die großartigen Wahrheiten." Der Alte war schon wieder Feuer und Flamme. „Die herrlichen Gestalten — der große, jüdische Meister und der heidnische Chakan, und nachher der große jüdische König von Kusar und der jüdische Stamm der Chazaren!• Ja, mein Kind, das müssen Zeiten gewesen sein! Damals hätte ich leben mögen; da hätte ich dabei sein mögen, wie der jüdische König aller Völker ringsumher unterjochte, wie er gegen die Mohammedaner zu Felde zog und ihre Moscheen zerstörte; wie der jüdische Kampfesgeist, das jüdische Heldentum von Davids Zeiten her wieder in Blüte stand." — Er brach kurz ab/ Dann setzte er wehmütig hinzu: „Und zu denken, daß das knapp 800 Jahre her ist!" „Das Resultat eines Traumes" — bemerkte Joseph nachdenklich. „Wie man's nimmt," sagte der Alte, „wir Jehudim sind zu ehrlich." „Wie meinst du das?" fragte Joseph. „Nun," sagte sein Großvater, „stelle dir die Sache mal so vor wie Jehuda Ha-Levi, und du wirst bald sehen, was ich meine. Er erzählt von dem großen Volke der Chazaren, das Süd- Rußland und so ziemlich das ganze jetzige Ungarn bevölkerte, und von einem sehr weisen, guten König, einem Heiden, mit Namen Balan, regiert wurde. Dieser Fürst befolgte genau die Vorschriften seiner Religion, er brachte die Opfer seinem Gotte, wie sein Gebetbuch es ihm vorfchrieb. Und dann hatte er einen Traum. Er träumte, daß zwar seine Gesinnung, nicht aber sein Tun gottgefällig sei. Und dieser Traum wiederholte sich einigemal und beunruhigte den König. Gewissenhaft, wie er ist, will er sich Aufklärung verschaffen, und fragt einen Philosophen, der seine Ausführungen mit der philosophischen Lehre von der Nichterschaffung der Welt, von der Vollendung des Menschen durch Denktätigteit und von dem über alle Einzelheiten erhabenen Gott begründet, was aber dem Traume des Königs direkt zuwiderlüuft. Was tut dieser kluge König? Er.spricht mit einem Jslamiten, einem Christen, einem Edomiten und noch mehreren. Jeder dieser erklärt seine Religion für die einzig richtige, aber — und darin sind sie alle einig — die zweitbeste ist die jüdische. Ein jeder erklärt: Gäbe es nicht meine Religion, so wäre die jüdische die richtige, denn aus der ist erst die Moral hervorgegangen. Alle anderen Religionen aber sind verwerflich — auch darin sind sich alle einig. Nachdem so die Gelehrten aller Nationen selbst ihm den richtigen Weg gewiesen, läßt sich Bulan mit dem großen jüdischen Meister ein. Es folgten die herrlichen Gespräche des Buches Kusari, und — das Land der Chazaren ist ein jüdisches Königreich." Ein Weilchen hing jeder seinen Gedanken nach. Dann fragte Joseph. „Du sagtest vorhin, wir Jehudim seien zu ehrlich, Großvater?" „Aber siehst du's denn noch nicht, mein Kind? Villau träumte. Ja, warum träumte er. Vielleicht war's ein Engel, der ihm erschien! Ein von Gott gesandter Engel. Religionen, mächtige Religionen,' sind schon aus solche Träume hin gegründet worden, nur hieß es: Gott sagte — ein Engel erschien. Warum hieß es hier nicht, auch so!" Er gestikulierte heftig, während er sprach: „Warum haben die jüdischen Gelehrten Bulan, dem mächtigsten damaligen König, nicht zu verstehen gegeben, daß er eine Mission Gottes zu erfüllen, — die Juden aus der Knechtschaft zu befreien habe! Er hätte es getan, — es wäre ihm gelungen. Was hätten da andere Völker daraus gemacht! Ja andere! — Warum haben die Gelehrten ihm nicht von einer göttlichen Mission erzählt, anstatt einfach bei dem Traume zu bleiben."

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