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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-07 · Heft 14 (7.4.1905) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
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' ——' 166 sittlichen Arbeit, welche der Glaube zu leisten und zu bedeuten, hat, erworben werden kann, so bleibt sie doch immer zwar, nicht ein Geschenk, aber eine Offenbarung, die von außen aru den Menschen, in den Menschen kommt." Der „Gottmensch" vollzieht die Erlösung. „Dieses Musterbild einer Person wider-) spricht durchaus dem Begriff der Freiheit, wie er für das Selbstbewußtsein zu bilden ist. Es darf nicht gefragt werden, was Christus getan hat, oder gar, was er getan haben würde, wenn ich den rechten Anfang für meinen Weg nehmen soll. Es liegt in den: Dualismus des Gottmenschen, daß er dieses. Dvppelverhültnis zur Freiheit bilden muß." (Forts, folgt.) Dir gekundrnr hsndlchrikt. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. I. Tn dem armseligen Giebelstübchen der Kerepesi nt in Budapest saß ein alter Mann hinter dicken Folianten und studierte. Auf den ersten Blick war der jüdische Gelehrte zu erkennen, der Talmudforscher, der Mann, der sein Leben/ über Bücher gebeugt verbringt und keine höhere Wonne kennt!' als eine neue Auslegung irgend eines schwierigen Wortes zu entdecken. Und so vertieft hatte er sich in sein Studium, baB' er das Knarren der rostigen Türangel ganz überhörte und auch das Eintreten eines jungen Mannes nicht bemerkte, der,' als er den Alten so eifrig bei der Arbeit sah. wie angebannt im Nahmen der Tür stehen blieb. Eine geraume Weile' verstrich, dann räusperte sich der Jüngere, doch auch das überhörte der Alte. Da näherte sich der Jüngling dem Greise; auf Fußspitzen , umschritt er im Bogen den Tisch, bis er hinter. dem Alten stand, und blickte ihm über die Schulter. Dann gab er ihm. Plötzlich einen Kuß auf die welke Wange, so daß der Alte erschreckt zusammenfuhr. „Joseph — du?" sagteer. „Ich horte dich nicht eintreten." „Was hörst du überhaupt, wenn du beim „Lernen" bist," sagte der andere lächelnd. „Schau, Großväterchen, es ist. 12 Uhr vorbei, da solltest du doch schon zu Bette gehen oder wenigstens nicht mehr studieren. Du wirst dir deine alten. Augen verderben." Der Alte lachte vergnügt. „An dieser schönen Quadratschrift? Niemals. Dä kannst du wieder sehen, wie vorzüglich alles ist, was jüdisch ist, selbst die Schrift. An der Schrift hat sich noch kein Mensch die Augen verdorben. Offen ist sie, ehrlich — leuchtend!" „Aber Großvüterchen, sängst du schon wieder an?" unterbrach ihn der junge Mann, „sogar die Schristzeichen ziehst du heran zu deinen Beweisen. Schlechter wie die andern sind 'wir nicht, ganz gewiß nicht. Aber dieser Wahn des „auserlesenen Volkes" das „Turmhochstehen über alle andern" — ist es nicht ein großes Unrechteine Sünde gegen uns selbst, daran festzuhalten? Und kannst du es den „andern" verübeln, wenn sie es uns verübeln?" Der Alte sah den Sprecher ein Weilchen ruhig an. Dann klappte er mit einer energischen Bewegung, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, seinen dicken Folianten zu, rückte sein Käppchen hinüber zur anderen Seite des Kopfes und drehte sich in seinem Stuhl herum. „Mein Kind — komm her— setz dich. Ich möchte noch ein Weilchen mit dir Plaudern, ehe wir uns schlafen legen. Setz dich — so mein Sohn." Der andere hatte der Aufforderung Folge geleistet. Jetzt saßen sie sich gegenüber, Großvater und Enkel und blickten einander in die Augen. Und aus diesen Blicken sprach so viel Liebe zueinander, es. lag soviel Verehrung darin für den Alten, soviel väterlicher Stolz auf den Jungen, daß man sich nicht Hütte wundern können, wenn sie sich Plötzlich in die Arme gefallen wären. Lautlos verstrich eine Minute, der Greis hatte die Hände seines Enkels ergriffen und streichelte sie zärtlich. Und Plötzlich, ganz unvermittelt, unterbrach er die Stille. „Was macht deine Marie?" fragte er. Josephs Gesicht färbte sich kirschrot. „Groß — Großvater," stammelte er, von der Frage augenblicklich ganz verwirrt, „Großvater — ich verstehe dich gar nicht." „Nun, nun," beschwichtigte der Alte lächelnd, „ich meine doch nur, wie es mit ihrem griechischen Studium geht." „Ach so!" Joseph atmete erleichtert auf, -was dem Alten nicht entging; er lächelte nur noch etwas merklicher. „Oh, sie begreift ganz gut." „Ist ja auch ein sehr kluges Mädchen — nicht?" fragte er nach einer Pause, als keine Antwort auf seine Bemerkung erfolgte. „Gott — ja —" „Wozu so ein Mädchen nur Griechisch studieren muß," bemerkte Reb Jehuda so nebenbei. „Du weißt doch, wie ihr Vater ist! Jetzt hat er aus einmal entdeckt, daß er mit seinen magyarischen Forschungen ohne Griechisch nicht weiter kann, und da er zu alt ist, um jetzt noch selbst damit anzufangen, läßt er's seine Tochter erlernen, damit sie ihm helfe." - „Hm," meinte der Alte bedenklich, seinen Kopf in seine Hand stützend und Joseph von der Seite betrachtend, ,7das wäre doch eigentlich gar nicht notwendig. Wozu hat er dich denn, du liest griechisch wie ein Zeitgenosse des Homer — oder will er dich entlassen, sobald sie ausgelernt hat?" fügte er neckisch hinzu. Keine Antwort. „Darauf weißt du nichts zu erwidern," meinte der Alte. Und den Kopf des Jünglings in seine Hände nehmend, fuhr er fort: ° „Schau mein Sohn, ich bin ein alter Mann. Siebzig Jahre zu gesund. Und der jüdische Wunsch hat sich an mir bewährt: „Ohne Brille und ohne Stock!" Aber auch mein Geist ist frisch geblieben, Gott sests gelobt — denkst du, dein alter Großvater sieht nicht? Dann irrst du! — Wie du mir von der schonen Tochter Ludanyi's erzählt hast, bist du dabei ganz rot geworden. Da habe ich mir manches gedacht. Wie du aber angefangen hast, ihr griechische Stunden zu geben, da Hab' ich gewußt! Und nun schau, Joseph — wie deine Mutter selig gestorben ist, und ich dich zu mir genommen habe, da Hab ich mir vorgenommen, dich nicht nur zu einen: nützlichen Menschen und guten Juden zu erziehen, sondern aus dir vor allen Dingen einen glücklichen Menschen zu machen. Mit Gottes Hilfe wird es mir gelingen. Aber darum darfst du mir auch nichts verheimlichen. Darum antworte mir offen: Du liebst Marie?" Joseph nickte langsam mit dem Kopfe und sah zu Boden. „Und Marie - liebt sie dich?" Wieder war ein Nicken die Antwort. - „Nu — und?" Ein vielsagendes, verzweifelndes Achselzucken.

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