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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-07 · Heft 14 (7.4.1905) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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165 Judentums: Gerade bei der höchsten Idealisierung des Protestantismus gibt sich die Superiorität des prophetischen Judentums, zu erkennen. Cohen führt aus: „Im Altertum konzentriert sich alle Sittlichkeit im Staate. Die Freiheit der Vernunft hat ihre Grenze an der Omnipotenz des Staates. Plato schreibt seine Ethik in feinem Staate." „Das Mittelalter hat aus diesem Staate die Kirche gemacht. Es wird als eine buchstäbliche Wahrheit durchgeführt, daß der Papst der Stellvertreter Gottes wird, und zwar nicht bloß auf Erden; denn er vermag auch im Jenseits über die Seligen zu verfügen und sie zu Heiligen erhöhen. Es ist die Kirche." „Alle intimsten Angelegenheiten des sittlichen Daseins werden der Kirche überantwortet. Das Individuum hat keine eigenen sittlichen Pflichten oder Befugnisse; der Spruch der Kirche regelt sein Gewissen. Wenn dennoch hier von Freiheit geredet wird, so konnte diese bei günstiger Auffassung nur als eine psychologische Fähigkeit der Lenksamkeit der Gedanken verstanden werden; nicht aber als ein selbständiges Prinzip der Ethik; als ein Prinzip, welches kraft seiner Ursprünglichkeit und Selbständigkeit die Ethik selbständig macht. Dennoch wäre es verfehlt, dem christlichen Mittelalter alle Tendenz der Freiheit abznsprechen." Es ist namentlich der Grundbegriff der christlichen Religion, die Sünde, in dem Cohen eine tiefgehende Tendenz der Freiheit erblickt. Die ethische Bedeutung des Sündenbegriffs tritt nainentlich bei erneut Vergleich der christlichen Ethik mit der Ethik der Griechen hervor. „Der ewige Wert der griechischen Ethik liegt, abgesehen von ihrer wissenschaftlichen Begründung, in der Erweckung und Dttrchleuchtung aller geistigen Kräfte für den Begriff, für die Idee des Guten, und für die objektiven begrifflichen Merkntale der Tugend. Aber es ist, als ob ihr scharfes, auch in der Moralisierung so scharfes Auge vornehmlich auf die Politische Sittlichkeit gerichtet wäre; weniger genau und interessiert dagegen auf die privatett Jrrgänge des menschlichen, des sittlichen Labyrinths. Das ist ja eben das intime Verdienst, welches dem Monotheismus für die innersten Vehikel der Ethik zuerkannt werden muß, daß er in dem Verhältnis des Menschen zu Gott, das Verhältnis des Menschen zu sich selbst zu einer lebendigeren Bedeutung brachte, als dies dem Polytheisnms gelingen konnte durch das Verhältnis des Menschen zu den vielen Göttern: Eine Tugend gegen den einen Gott kann zur Sünde gegen den anderen werden. Ueberhaupt aber muß die Zerlegung der sittlichen Kräfte in die Abstraktionen besonderer Götter die Genauigkeit und Bestimmtheit der sittlichen Fragen beeinträchtigen, da diese nun einmal nicht anders als in übersichtlicher Verbindung und Durchdringung zu .durchschauen sittd. Diese Uebersicht gewährt allein das Eine, der einzige Gott. Das Verhältnis wird in allen seinen sittlichen Nöten auf den Einzigen konzentriert. Daher konnte der tnythische Gedanke des Polytheisnms von der Ate der Geschlechter, wie mißverständlich sie auch noch anklingt, hier nicht, unwidersprochen bleiben." Und nun hebt Cohen die Bedeutung der Propheten in einer Art hervor, wie sie bis jetzt noch bei keinem Religionshistoriker zutage trat. Der Sündenbegriff, der Bußbegriff, jene Grundschöpfungen des Prophetismus, erscheinen in einem ganz neuen Lichte. „Der Prophet Ezechiel hat nach dem Vorgänge von Jeremia dieses große Aergernis für den Begriff Gottes aus dem Wege geräumt. Es ist nicht die Sünde eines Familiengeschlechts, noch auch etwa die Sünde des Menschengeschlechts, welche sich forterbt, sondern es ist „die Seele, welche - sündigt." Die Seele, die Person, sie ist das Individuum. Und in der Sünde ist das Individuum zur Entdeckung gekomnten. Und es ist keineswegs die Freiheit der Verdammnis, welche hiertnit festgestellt wurde, sondern zugleich mit der Sünde des Individuums entdeckt Ezechiel den Begriff der Buße, wie das besser bezeichnende hebräische Wort der Umkehr nach dem juristischen Kirchenbegriffe des Lösegelds gewöhnlich übersetzt wird. In der Kraft der Buße wird die Freiheit als die Fähigkeit zur positiven Sittlichkeit anerkannt. Dennoch aber darf es nicht verschleiert und verkleinert werden, daß die Sünde der vermittelttde Begriff wurde für die Erfülluttg der Tugend. Zuerst mußte in der Freiheit zuut Bösen die Freiheit entdeckt werden." Gelang es nun Cohen, den Begriff der Sünde als der Freiheit zur negativen, den Begriff der Buße als der Freiheit zur positiven Sittlichkeit zu würdigen, so verabsäumt er nicht, die Bedeutung des Sündenbegriffs in der Kirche ztt beleuchten, zutnal ja hier der Sündenbegriff im Hinblick auf die Erlösung noch weit schärfer betont werden nmßte, als im Judentum. „Es galt als die eigentliche Aufgabe der religiösen Moral, alle geheimsten Falten des Herzens zu durchsttchen und zu entblößen, um das Dimkel der Sünde grell zu lichten. Man kennt die Schatten, welche dadurch über den Sonnentag der Sittlichkeit sich festgelegt haben. Man kennt die Schäden, welche die Beichte aus der Buße herbeigeführt hat. Dennoch aber dürfen wir darüber die Verdienste nicht übersehen, welche die alte, die entstehende Kirche durch diese anscheinende! Mechanisierung des Sündenregisters trotz alledem sich erworben hat." Die Demütigung des Heroentums hat das Christentum durch den Sündenbegriff vollzogen. Es hat jenen titanischen Urmenschen zu verstehen gegeben, „daß der Sinn und Wert des Jndividmrms in anderer Art zu erleben sei, als in welcher jene Titanen einer neuen Zeit dieses neue Weltalter an den Tag der Geschichte brachten." „Nur das Gespenst der Sünde konnte diese Urmenschen itnd Helden schrecken." In der Sünde empfing der Mensch ein scharfes Mittel zur Selbsterkenntnis und zur Begründung seines Selbst. Die Sünde ist das „Erkenne dich selbst" der religiösen Moral, daher hat es einen wahrhaften weltgeschichtlichen Grund, daß Luther seine neue Glaubenslehre unter denr Titel der Freiheit des Christenmenschen angekündigt hat. Die scholastische Freiheit hat er bestritten, wie der Philosoph des Christentums, Augustinus, sie bestritten hat. Aber seinen i Glauben erkannte er als Freiheit und hat er als Freiheit! bezeichnet. Nicht daß er den ethischen Begriff der Freiheit! erfüllt, oder auch nur angebaut hätte; denn einer ethischen! Begründtmg widerspricht und widerstrebt der Begriff j der Erlösung durch den Gottmenschen. Im geschichtlichen j Sinne aber ist die Entwicklung der ethischen Bedeutung * der Freiheit an diese Freiheit des Glaubens gebunden, welche die Reformation herbeigeführt hat. Der Kirche mit ihren Heilsmitteln tritt jetzt der Glaube entgegen. Wie die Propheten das Opfer bekämpfen, so bekänrpft Luther mit seinem Glauben die Werke, nämlich die Werke der Kirche; nicht etwa das Werk der sittliche!: Arbeit, der Ausübung der Sittlichkeit. Die Werke der Kirche sind das alte Opfer, das sich ntrr in ein Mysterium verwandelt hat. Der Glaube darf diesen Werken als eine überlegene sittliche Macht entgegentreten, wie sehr er auch seinerseits noch an das Wort Gottes, an das Evangelimn, oder selbst nur an die Person, oder gar.nur an die Idee Christi gebunden bleibt." „Es ist die Innerlichkeit des sittlichen Selbstbewußtseins, in aller Scheu und Ehrfurcht, aber auch in aller Zuversicht und allem Frohmut sittlicher Gewißheit, welche hier ihre Schwinge:: hebt." Freilich kann auch diese Art des Glaubens über den Anstoß nicht hinweghelfen, der in den: Begriff der „Erlösung" liegt. „Denn wenn dieselbe auch rticht ohne Mitwirkung der

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