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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-07 · Heft 14 (7.4.1905) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 163 (sequence 7)
Language
German
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163 d fleißig und eifrig genug, aber die Alten wollen den Nutzen der l. Schule nicht immer einsehen." Deshalb wird jetzt auch in der d hauptsächlich von der Anglo Jewish Accociation unterhaltenen n Schule in Mogador in zwei Räumen ausschließlich hebräisch;= gelehrt und erhalten die Knaben täglich Unterricht in Raschi, 0 Gemara und Schulchan Aruch. Dieser Unterricht wird von x zwei Rabbinern erteilt. Ueber die Schüler berichtete in seinem > letzten Expose der Direktor S. Weinstein: „Nur ein Fünftel der x Kinder (80 Schüler) ist imstande, etwa 4 Mark für ihren t Unterricht zu bezahlen. Die übrigen sind zu arm dazu, sie ■i kommen barfuß, schlecht gekleidet in die Schule, und die fürchterit lichen Wohnungsverhältnisse im Mellah spotten jeder Beschreibung". Ueber dieses Mellah mit seiner bei sengender Hitze doppelt gefährlichen übelriechenden Luft schreibt ein d nichtjüdischer Forschungsreisender: „Man trat aus Schritt n und Tritt aus faulende Gemüsereste, tote Tiere und verwesendes x Fleisch. Eng aneinander gedrängt, reihte sich logenförmig n Lädchen .an Lädchen: hier schmiedete ein Jude mit entzündeten r z Allgen künstliches Silberfiligran, dort nähte ein anderer Lederl, Pantoffeln; hier verwaltete ein siebenjähriger Knabe den Laden g in Abwesenheit seines Vaters, dort verkaufte eine junge Jüdin, D | dem Kinde die Brust reichend, Obst." r! Ueber die Juden in der jetzt anläßlich des Kaiserbesuchs;, | und der allmühligen Aufrollung der marokkanischen Frage l vielgenannten Hafenstadt Tanger schreibt ein Mitglied der t ersten deutschen Gesandschaft nach Marokko: „Das vermittelnde l Verbindungsglied zwischen Europa und Afrika, zwischen Mohammedanisnms und Christentum in Tanger, bilden die l Juden. Ihre Zahl ist wohl ein Drittel der Gesammtbevölkerung. l Nicht nirr haben sie den Handel in ihre Hände gebracht, sie sind > hier auch die geschicktesten und fleißigsten Handwerker, die c B sprachkundigsten Dolmetscher und liefern sogar die stärksten Z 8 Lastträger, Hafenarbeiter und Bootsleute. Ihre Frauen und e 8 Töchter aber sind die einzigen nichteuropüischen Bewohnerinnen e 8 von Tanger, welche uns ihre Gesichter, und zwar meist von ) 8 lichter Hautfarbe, nur von Stirnbinde und seidenen Kopftüchern t B umrahmt, und ihre vielfarbig, oft goldgeschmückte Tracht sehen l A» lassen. Und welch herrlich, großgeschnittenen Augen in diesen i Wk Frauen- und Mädchenköpfen, in denen ich häufig die mancher , |B liebenswürdigen weiblichen Gestalten des Berliner Orients kopiert ' 8 zu sthen meinte." . Auch der Wiener Professor der Medizin, 1 18 Th. Puschmann, bestätigt, daß die Juden in Marokko unget 8 ivöhnlich kräftig sind. Die männlichen Reisenden wurden auf , WM Schultern von Juden durch die Wogen des Ozeans ge- 8» fäjkW*' der Sturm die Landung verbot. „Mir wurde ein ' 8 junger, starker, hochgewachsener Mann mit breiten Schultern |B zugewiesen, der das Aussehen eines Deutschen hatte, mir aber, 8 als ich ihn nach seiner Nationalität fragt, erklärte, daß er ein l 8 Jude sei. Er hat die ihm gestellte schwere Ausgabe zu meiner , 8 vollsten Zufriedenheit erfüllt, ohne den Versuch zu machen, ' 8 ^jue Erhöhung des vereinbarten Honorars zu erzielen." : 8 Aus allen diesen kleinen Zügen, namentlich aber aus dem 8 Ausspruch des die Schulen der Allianz schildernden Ethnologen; B (von dem „unersättlichen Streben und Fleiß" der 8k jüdischen Schüler) geht sicher hervor, daß hier ein von der i 8 einstigen Kulturhöhe in Spanien leider herabgestürztes, aber 8 äilßerst bildungsfähiges jüdisches Volkselement aus der maurischen Mißwirtschaft sich allmählich zu erheben beginnt. Wir Bj Juden haben auch in Zukunft nur das eine Interesse, die AM europäischen Völker alle an diesem Kulturwerke in Frieden IM und Eintracht gemeinsam beteiligt zu sehen; hierin und in der jetzt auch von Deutschland angestrebten Förderung der Handels- M beziehungen mit Marokko liegt für ' uns der Kern der 8 marokkanischen Frage. Hermann Cohens „Lthik des reinen ' Willens." Von Dr. B. Kellermann.. VI. er Begriff, in welchem das Selbstbewußtsein seinen reinsten Ausdruck findet,, ist der Staat. Er allein kann als wahrhaft, moralische Person in Frage kommen. Er allein ist auf dem Prinzip der Allheit gegründet. Alle Besonderheit des Individuums schwindet. In der einheitlichen Vertretung der Allheit gründen alle Individuen des Staates in ihren Handlungen einen Bund, der als die höchste und reinste Vereinigung gelten darf. Was sind das aber für Handlungen, in denen der Allheitszweck sich vollzieht? In welchen Begriffen kommen sie zur Erscheinung? „Die Handlungen des Staates bestehen in Gesetzen." Die Aufgabe, die Forderung des Selbstbewußtseins, muß in Gesetzen sich ausprägen, die das Recht des Eigentums, der Ehre erzeugen und erhalten. Es muß aber der Begriff dieses „Gesetzes" streng und scharf von dem „Gesetz" der Naturwissenschaften unterschieden werden. Das Gesetz des Staates ist kein Naturgesetz als ein Gesetz „in meinen Gliedern." Unter dem Gesetze des Staates sind vielmehr die einzelnen Gesetze des Rechts zu verstehen, in denen das Selbstbewußtsein sich verwirklichen soll. Doch, wie? Wenn die einzelnen Gesetze nicht vom Geiste des reinen Willens, des reinsten Selbstbewußtseins getragen sind/ soll man auch dann sich ihnen unterwerfen? Kann auch dann das staatliche Selbstbewußtsein als Leitmotiv des individuellen Selbstbewußtseins in Betracht kommen? Sollte in solchen Fällen es nicht geboten sein, daß inan eher an den sogenannten ungeschriebenen Gesetzen, an dem ureigensten Quell des reinen Willen, sich orientiere, als an den Gesetzen der Willkür? Lohen schreibt: „Es ist nicht allein das ungeschriebene Gesetz, auf welches die sittliche Arbeit zu rekurrieren hat; sondern es bleibt trotz aller Mängel und Schwächen, mit denen das geschriebene Gesetz offenkundig behaftet ist, am letzten Ende nichts anderes übrig, als ihm sich zu unterwerfen und seine Unverletzlichkeit'zu bezeugen." Für das Individuum ist das Gesetz sakrosankt. Es bildet rein formaliter schon den Ausdruck des Selbstbewußtseins, in welchem das Individuum seine Bestimmung erblicken muß, mag das Gesetz auch ein Gesetz der Willkür sein. „Das ist der ewige Sinn, den der Opfertod des Sokrates für die sittliche Welt hat. In ihm wurde an einer Satzung verblendeten Hasses einer verworrenen Generation nichtsdestoweniger der Begriff des Gesetzes in seiner sittlichen Grundkrast beglaubigt. Für die sittliche Welt ist jenes Gesetz Athenischer Bürger eine Lücke und ein Widerspruch; für das Selbstbewußtsein des Sokrates war.es der Leitbegriff, der ihm zum reinen Willen und zum Selbstbewußtsein verhalf. Und so vermochte er jene Lücke, welche das Athenische Gesetz in der sittlichen Welt entstehen ließ, durch seine Auslegung dieses Gesetzes auszufüllen. Er trat in die Bresche, und er heilte den Riß, den jenes einzelne Gesetz in das Gesamtgesetz der sittlichen Welt schlug. Das Verhältnis kehrt sich scheinbar hier um: das Individuum wird zum Leitbegriffe für den Staat. Aber das ist nur Schein; aus dem Staatsbegriffe vielmehr strömte die Kraft des Gesetzes auf Sokrates über. Er isolierte das einzelne Gesetz nicht nach seiner statistischen Besonderheit; sondern er erkannte und er ehrte in ihm die Majestät des Staates und den Begriff des Gesetzes. Daher ist dieses Martyrium von einer einzigartigen ethischen Bedeutung. Es hatte keinen anderen Zweck als den, das Gesetz zu heiligen und in ihm die Sittlichkeit zu begründen. Und es besteht hier ein klaffender Widerspruch zwischen dem

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