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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-07 · Heft 14 (7.4.1905) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 162 (sequence 6)
Language
German
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kürzlich ausgestellte Behauptung eines jüdischen Reisenden ausnehme, daß die Juden in Marokko „verhältnismäßig glücklich leben". Nein, es ist dort noch sehr viel zu tun. Und mit Freuden muß es begrüßt werden, daß die Alliance zu den bereits vorhandenen jüdischen Schulen in Mogador, Tangers und Tetuan weitere neue Schulen in Mequinez, Alcazar und Mazagan errichten will. Im ganzen hat die Alliance Israelite im letzten Jahre allein 23 000 Franks nach Marokko an außergewöhnlichen Aufwendungen gezahlt. Es mag sein, daß in diesem halbbarbarischen Lande auch andere Volksschichten' ähnlicher Bedrohung und Unsicherheit ausgesetzt sind als die Juden. Aber wie kann es ein hervorragender christlicher Forschungsreisender der Leitung der Allianz zum Vorwurf machen, „daß die Allianz in ihren Veröffentlichungen zum Beweise der unerhörten Mißhandlunden, denen ihre Glaubensgenossen in Marokko ausgesetzt srnd, z. B. den Umstand an-- führt, daß „das kleinste arabische Kind selbst den durch sein Alter und seine Tugenden ehrwürdigsten Juden am Rock zupft", oder daß „ein israelitischer Mann auf höheren Befehl mit Ruten geschlagen wurde, weil er nicht rechtzeitig genug ein Kleidungsstück, welches ihm ein marokkanischer Beamter bestellt Hatte, liefern konnte." Dieser Vorwurf ist lächerlich und der folgende Zusatz durchaus irrtümlich, wenn es weiter heißt: „Die Allianz muß ganz genau wissen, daß dieser Beamte seinen lässigen Schneider ebenso würde haben Prügeln lassen, wenn derselbe ein Christ oder Marokkaner gewesen wäre." Der Herr Professor sollte doch bei seinem Besuche in Marokko selbst gesehen haben, daß der Maure sich Christen gegenüber, die er fürchtet, sehr wohl vor Ausschreitungen gegen alle unter europäischem Schutz stehenden Personen hütet, den einheimischen. Juden aber tritt er mit Füßen. Erwähnt doch derselbe- Forschungsreisende, daß allein in den Jahren 1864 bis 1866. durch Judenverfolgungen in Marokko 3000 Israeliten ums Leben kamen und Professor Joest kann auch, obwohl in den letzten 30 Jahren die Zahl der Morde aus Fanatismus zurückgegangen ist, nicht umhin, die Frage mit I a zu beantworten, „ob die Allianz berechtigt ist, alle die ihr zu Gebote stehenden Hebel in Bewegung zu setzen, um dort eine Besserung der Lage der Juden und der Behandlung derselben herbeizuführen." Es wird vielleicht noch ein Jahrhundert lang dauern, ehe die Dumpfheit der marokkanischen Ghetti und die Erniedrigungen der dortigen Juden ganz aufhören werden, wenn auch in dem jetzt durch den Besuch des deutschen Kaisers , ausgezeichneten Hasenort Tanger und in Casablanca die Juden und die anderen' Einwohner schon ohne Ghetto zusammenwohnen. Jene obenerwähnten von der Allianz ihrem Bericht beigegebenen kleinen Züge von dem Fanatismus der „Mellahs", in denen die Juden, zusammengepfercht wohnen, gehören aber für den Bereich der Allianz sehr wohl zu dem ganzen trostlosen Bilde, das uns in erschütternder Weise vorführt, was hier in der kulturarmen Berberei aus den 1492 eingewanderten, zivilisierten spanischen Juden leider in 400 Jahren geworden ist. Der Jude darf hier außerhalb des Ghettos keine Schuhe tragen, muß auch bei glühender Hitze barfuß einhergehen, muß sich das Haar auf dem Kops in einer lächerlichen Form scheren lassen, — die Juden dürfen ihre Einkäufe auf dem Markt erst nach den Mauren machen, sie sind überall den größten Erniedrigungen und ständigen Erpressungen ausgesetzt! Bon Gerhard Rvhlfs an berichten alle gelehrten Reisenden, die Marokko durchforscht haben, daß die Juden dort sowohl als Gold- und Silberarbeiter, als Verwalter der Königlichen Münze, wie als Landbebauer im Innern und als mehrere Sprachen beherrschende Handeltreibende einen höheren Grad der Intelligenz und Kultur darstellen als die Eingeborenen. „Aeltere Juden mit ernsten, scharf geschnittenen Gesichtern und langen Patriarchenbärten machen in ihrem dunklen Talaren oft einen sehr guten Eindruck", schreibt Professer M. Joest, derselbe Ethnologe, der den höhen Kulturgrad der vor 400 Jahren aus Spanien vertriebenen Ahnen der marokkanischen Juden leugnet. Der Forschungsreisende Quedenseld, der zeitweise zusammen mit dem geographische Ziele verfolgenden Dr. Freiherrn von Oppenheim aus Köln Marokko bereist hat, gibt ein so trauriges Bild von der Lage der Juden, daß ihre bei solchen Leiden relativ bewahrte Menschenwürde uns geradezu noch Bewunderung einflößen muß. Dieser preußische Premierleutnant berichtet über die Juden im Innern von Marokko .: „Man plündert oder tötet sie, trotzdem man ihnen Schutz und Sicherheit aus Reisen zugesichert hat. Sie stehen in einem an Sklaverei grenzenden Abhängigkeitsverhältnis zu dem Herrn des Landes, den Berbern oder Arabern. Sind sie nicht im Stande, die enormen Erpressungen zu bezahlen, so nimmt der Tyrann dem Juden Weiber oder Kinder und sperrt sie ein, bis die Summe entrichtet, oder er des Weibes überdrüssig geworden ist, .... da sie wie Tiere behandelt werden, sind sie selbst zu einer Art von Bestien geworden." Demgegenüber hat ein anderer preußischer Militär, Oberstleutnant.v. Conring, den Mut, in seinem Werke über „Marokko" den dortigen Juden-Unmoralität vorzuwerfen. Nach alledem aber erfüllt die Alliance israelile eine hohe Kulturaufgabe, wenn sie diesen schmachvollen Zuständen ein Ende zu machen trachtet. Doch nicht durch Gewalt sucht die Allianz ihre Aufgabe zu lösen, in den Schulen hat sie das Mittel erkannt, den Juden in Nordafrika Gelegenheit zu bieten, sich aus ihrem Elend herauszuarbeiten — aus Parias Menschen zu werden. Der mißhandelte und geschundene Jude im Innern des Landes hatte bisher von dem europäischen Schutzsystem der Hafen-städte keinen Vorteil. Gerade der ärmere Jude ist es, dem die israelitische Allianz in ihren Schulen die rettende und erlösende Hand reicht. Professor M. Joest, dem niemand Voreingenommenheit zugunsten der Juden nachsagen wird, hat diese Schulen inspiziert und seinerzeit berichtet: „Proselytenmacherei liegt den Juden überhaupt fern; es gibt weder jüdische . Missionare, noch macht die Allianz in ihren Schulen irgend welche Bekehrungsversuche . . . .. Wohl wird in den Schulen durch Rabbiner hebräisch gelehrt und jüdischer Religionsunterricht erteilt; es fällt aber niemanden ein, die Kinder katholischer, mohammedanischer, levantinischer, griechischer oder armenischer Eltern, welche die Schulen der Allianz des guten Unterrichts wegen häufig besuchen, zu verpflichten oder auch nur es denselben nahe zu legen,. an diesem Unterricht teil zu nehmen. Die Tatsache, daß die Schulen der Israelitischen Allianz in Afrika und Asien Kindern jeden Bekenntnisses offen stehen, verdient hervorgehoben zu werden. In Begleitung des spanischen Vizekonsuls und des Militär-Attaches begaben wir uns nach der in der „Mellah" von Tetuan belegenen Schule. Die Unterrichtssprache ist in den untersten Klassen spanisch; in den oberen ausschließlich Französisch (ein Irrtum von Professor Joest, wenigstens wird in Mogador und Tanger auch aus Englisch gelehrt). Was die Erfolge des Unterrichts anbetrifft, so sagte Graf Lasch, der Konsul, den der Lehrer bat, selbst Fragen zu stellen: „Was sollen wir für Fragen stellen — die Jungen wissen ja viel mehr als wirse löst!" Wir waren nämlich einfach sprachlos vor Ueberraschung: da saßen die oft kränklich aussehenden, schlecht genährten Knaben und wußten in Rechnen und Geographie soviel wie ein deutscher Gymnasial-Abiturient. Die Kinder sind

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