Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- Seite 161 (sequence 5)
- Language
- German
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161 Das Resultat aller dieser grausamen Mittel und Mittelchen war schließlich derart, daß den höheren Behörden in Petersburg schließlich selbst Angst und Bange zu werden begann. Von der gesamten Bevölkerung des jüdischen: Ansiedlungsrahons sind nicht weniger als 20 Prozent derart verarmt, daß sie aus Mitteln der Wohltätigkeit unterstützt werden müssen. In den großen jüdischen Gemeinden, wie Wilna, Berditschew und Odessa erreicht die Zahl der jüdischen Armen svgar 25 bis 33 Prozent. Nebst diesen völlig Mittellosen besteht in allen jüdischen Gemeinden ein ungeheures Arbeiteruud Handwerker-Proletariat, das heute nicht weiß, wovon es morgen leben wird. Die einzige Waffe, welche der Handwerker und Arbeiter gegenüber seinem Arbeitsgeber besitzt, nämlich die Möglichkeit, seine Arbeitsstätte zu verlassen und sich anderswo bessere Arbeitsbedingungen zu suchen, ist ihnen durch die Beschränkung der Bewegungsfreiheit und das Verbot, sich anderswo, als in den wenigen Städten des Ansiedlungsrahons auszuhalten, ein ganz Unmögliches geworden. Wollen sie also nicht des Hungers sterben oder betteln gehen, so müssen die jüdischen Arbeiter, sich den ihnen von den Fabrikanten vorgeschriebenen Bedingungen unbedingt fügen. Aber auch die jüdischen Kapitalisten leiden schwer unter dem aus ihnen lastenden Truck der Ausnahmegesetze, da ihnen durch die Beschränkungen der Maigesetze jede Bewegungsfreiheit genommen und die Möglichkeit verschlossen wurde, ihre Produkte auf die Märkte außerhalb des Ansiedlungsrahon zu bringen. Nicht allein die Juden, auch die nichtjüdische Bevölkerung leidet schwer unter den ihren jüdischen Mitbürgern auferlegten Beschränkungen. Die judenfeindlichen Gesetze und Verordnungen haben bewirkt, daß die Produktion des Landes im allgemeinen abgenommen | hat, und die Erlangung von Kredit für die nichtjüdische Bevölkerung, j immer schwieriger wird. Zahlreiche angesehene Christen und sehr! viele Gutsbesitzer suchen selber das Gesetz, welches den Juden ver-! bietet Grundbesitz zu pachten, auf Umwegen zu umgehen. Tie Re- > gierungsbeamten beschweren sich darüber, daß die Gutsbesitzer mit j dem Juden nicht offizielle oder gar mündliche Kontrakte abschließen I und ihm auf Treu und Glauben Güter verpachten resp. verkaufen. - Sehr bedeutend ist auch die verderbliche moralische Wirkung,! welche, die Inkraftsetzung der Judenbeschränkungen aus die mit! derselben betrauten Beamten ausübt. Selbst hohe Beamte mußten! in der letzten Zeit einsehen, daß die Ausweisung von Juden den! unteren Polizeiorganen als unerschöpfliche Quelle zu ihrer eigenen Bereicherung dient, da die mit der Ausweisung bedrohten Juden sich dagegen durch Bestechung mit Erfolg zu wehren suchten. Endlich haben die Ausnahmegesetze auch die gesamte nichtjüdische Bevölkerung im hohen Grade demoralisiert. Das Volk begann allmählich auf die! Juden wie auf schutzlose Parias zu blicken, an denen sich jedermann ungestraft vergreifen durfte, und welche nach Belieben um Eigentum und Leben gebracht werden durften. Gewisse Elemente der christlichen Bevölkerung glauben sich ohne weiteres berechtigt, gegen die Juden Gewalt anzuwenden, sie um ihre durch jahrzehntelanger Mühe und Arbeit gemachten Ersparnisse zu bringen, ja sie selbst des Lebens zu berauben. Solche Ansichten über die Stellung der Juden haben die Krawalle von Kischinew, Homel, Mohilew re. herbeigeführt. Die einzige Möglichkeit, die tieftraurige Lage der Juden zu verbessern, besteht ausschließlich darin, sie von dem auf ihnen lastenden Druck zu befreien, ihnen nach den: Muster der anderen europäischen Staaten die Gleichberechtigung zu gewähren. Nebst der Freiheit der Religionsübnng und dem Recht an der Verwaltung der Städte und der Semstwos sich zu beteiligen, müssen die Juden das Recht der Freizügigkeit und der Möglichkeit sich an allen Orten niederlassen zu dürfen, erhalten. Die Juden müssen die Freiheit haben, einen Berus zu wählen, Grund und Boden zu erwerben, sowie unbeschränkt in den Schulen sich Bildung anzueignen. Die Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit, sich nach Belieben einen Beruf wählen zu dürfen, sind Bedingungen, ohne welche ein geordnetes Staatswesen undenkbar ist. Um obige Ziele zu erreichen, genügen kleine Mittel durchaus nicht. Ihre Wirkung ist nicht nur gering, sie ist geradezu gleich Null. Daß eine allmähliche Aushebung der Judengesetze absolut wertlos sei, hat schon B. N. Tschitscherin ausgesprochen: „Wenn ich eingesehen habe," schreibt der berühmte Gelehrte und Nationalökonom, „daß ein Mensch unschuldig ist und keine Strafe verdient, so ist es nicht einzusehen, warum man die ihm auferlegten Strafen nur allmählich aufheben soll. Ein solches Verfahren ist nicht allein ungerecht, sondern auch schädlich." Die jüdische Bevölkerung in allen Schichten fühlt nicht nur den materiellen Druck der Ausnahmegesetze, sie empfindet auch die in ihm liegende moralische Beleidigung. Eine moralische Beleidigung wird aber mit halben Mitteln nicht wieder gut gemacht. Die große Not, in der sich jetzt Rußland befindet, wurde nicht zum geringen Teil auch dadurch verschuldet, daß seit 25 Jahren in den Juden eine Gefahr für die übrige Bevölkerung erblickt wurde. Dadurch wurde die wahre Ursache der ungesunden Zustände nur verhüllt. Dem Beamtentum war es bequem, alles Ungemach auf die Juden zurückzuführen. Rußland für die Russen, war ihre Parole. Als Nichtrussen galten aber diejenigen Bürger des Landes, welche nicht der alleinseligmachenden russischen Kirche angehörten. Auch diejenigen Elemente, welche in: Lande schon zu einer Zeit gelebt haben, da die Russen den Boden dieses Landes noch nicht betreten haben, wurden als Fremde betrachtet und behandelt. Dahprrch war die Zahl der einzelnen Individuen des russischen Volkes künstlich vereinfacht und somit der Grundstein des russischen Staates wesentlich geschmälert. Durch die Gleichberechtigung der sämtlichen Untertanen des russischen Reiches wird Rußlands Macht immer nur gefestigt werden, denn es wird dadurch erreicht werden, daß alle Einwohner des russischen Staates von den gleichen Interessen und Gefühlen beseelt werden. 'Durch die Ausnahmegesetze wurden , die russischen Juden in Not und Tod getrieben; alle ihre Bemühungen, ein normales Leben zu führen, wurden durch sie vereitelt. Tausende von energischen und arbeitsfähigen Leuten gehen zugrunde oder werden zur Auswanderung nach überseeischen Ländern gezwungen, und dies alles trägt nicht wenig zur Schwächung des gesamten russischen Reiches bei. Die 5 000 000 Juden in Rußland sind gegenwärtig von einem einzigen Gedanken beseelt, daß die Verfolgungen und Unterdrückungen ihre Existenz so untergraben, daß es ihnen unmöglich wird, so weiter zu leben. Sie erwarten mit Bestimmtheit, von dem auf ihnen lastenden Druck definitiv und für alle Zeiten befreit zu werden, damit sie in Zukunft frei aufatmen und sich den anderen gleichgestellt fühlen können; nur dann werden sie mit den andern Bürgern zugleich für ihr großes Vaterland wirken und zu dessen Größe und Entwicklung beitragen können. Dir Juden in Marokko. Von M. H. Schalom. in diesem Lande, das gegenwärtig alles Interesse in Anspruch nimmt, hat sich in den letzten Jahren die Lage der Juden durch die dortigen Unruhen sehr verschlechtert. Wie der britische Konsul Allan Maclean aus Casablanca in Marokko in einem offiziellen Schreiben vom 21. Januar 1904 mitteilte, wurden damals bei Plünderungen in Stat durch aufrührerische Stämme aus dein Distrikt Chaonia an einem Tage 1200 Israeliten, Männer, Frauen und Kinder, vollständig ruiniert und obdachlos gemacht. Der Vorstand der Anglo Jewish Association erhielt darauf am 23. Januar ein Schreiben des Auswärtigen Amtes in London, in dem es im Eingänge heißt: „Ich bin vom Marquis of Landsdowne ermächtigt, Sie zu benachrichtigen, daß er von Herrn A. Ricolson, Seiner Majestät Minister in Tanger, ein Telegramm erhalten hat, in dem Ihre Hilfe für die 1200 Juden erbeten wird, die durch die Plünderung der Stadt Stat ins Elend geraten sind." Es ist bekannt, wie die Alliance Israelite, die Anglo Jewish Association und auch der Hilfsverein der deutschen Juden schnell für die unglücklichen marokkanischen Glaubensgenossen mit ihrer Hilfe zur Hand gewesen sind. Mit Recht hebt, da bei dem maurischen Fanatismus sich solche Unruhen fast alljährlich wiederholen, der letzte Bericht der A. J. A. hervor, wie merkwürdig sich die