Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228651--61607-3275437- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
159 Die Woche. Berlin, 4. April. s ist gut, daß auch die andern Parteien im Parlament erfahren, was sie an ihren Antisemiten haben. Im Reichstag kam es in dieser Woche wiederholt zu Zusammenstößen, einmal sogar zwischen Herrn v. Kardoff und den Antisemiten Böckler und Werner, ein andermal zwischen Herren Stadthagen und Bruhn, der von „talmudischen Spitzfindigkeiten" oder dergleichen gesprochen und deshalb vom Präsidenten zur Ordnung gerufen wurde. Interessanter war aber das erstere Rekontre. Die Antisemiten spielen sich ja jetzt so gern als die privilegierten Retter des Mittelstandes auf. Unter diesen Umständen find die Aeußerungen des Herrn v. Kardoff sehr wertvoll: „Der Abgeordnete Böckler tut so, als ob er und seine Freunde die Handwerkersrage erst erfunden hätten. Seit Jahrzehnten sind von uns und von den Deutschkonservativen - ich nenne bloß Herrn Jakobskötter — die Anträge immer und immer wieder eingebracht worden, mit denen die Herren jetzt debütieren. Die Herren hinken mit ihren Anträgen nach." Herr Böckler hatte vorher nämlich seine Rede gegen den Groß- und Warenhausbetrieb und die jüdischen Kapitalisten zum so und so vielten Male wiederholt. Schließlich sah sich Herr v. Kardorff noch veranlaßt zu bemerken: „Aus den Worten des Abgeordneten Böckler können Sie ersehen, wie die Herren den Wahlkamps führen. Kein Konservativer hat etwas für das Handwerk getan. Herr Jakobskötter hat es verraten, der Reichstag hat das Handwerk vernachlässigt, bis die Herren Böckler und Genossen kamen. Treiben Sie diese Agitation immer weiter! Diese Herren spielen sich als die einzigen Vertreter des Handwerks auf. Es scheint noch eine Anzahl Leute zu geben, von denen man sagt, sie werden nicht alle. (Heiterkeit.)" O ja! - . . Wenn es überhaupt noch eines Beweises dafür bedürfte, daß der hochselige Kaiser Friedrich die in letzter Zeit von unseren Feinden wieder vielumstrittene Aeußerung von der Schmach des Jahrhunderts zu dem sel. Stadtrat Magnus wirklich gemacht hat, so könnte der nachfolgende Brief, den wir der Güte des Adressaten, des Herrn Rabbiners Dr. Vogelstein in Stettin, verdanken, dieses Zeugnis mit so absoluter Sicherheit abgeben, daß keiner, der nicht voreingenommen ist, je wieder die Tatsache bezweifeln dürfte. Und die Anderen — nun über die hat ja Herr v. Kardorff das richtige Urteil gefällt. Unmittelbar nachdem die Tagesblätter die betreffende Mitteilung über den Vorfall vom 15. Januar 1881 gebracht, hatte Herr Dr. Vogelstein an Magnus geschrieben und erhielt darauf die folgende Antwort: Berlin, den 23. Januar 1S81. Hochgeehrter Herr Doktor! - Empfangen Sie meinen besten Dank für Ihre freundlichen Zeilen vom 18. d. Mts. für den Wunsch, welchen mir dieselben brachten. Die Tat, auf welche wir mit ehrerbietigem und freudigen Danke Hinblicken, ist von Seiner Kaiserlichen Hoheit unserem Kronprinzen vollbracht; mir war nur das Glück beschieden gewesen, dre Anregung hierzu im geeigneten Momente gegeben zu haben und die belebenden Worte Seiner Kaiserlichen Hoheit entgegen zu nehmen. Nur in diesem Sinne fasse ich den Glückwunsch auf, den Sie mir entgegen zu bringen so gütig waren. Möge Gott die Sache recht bald zum Guten wenden. In hochachtungsvollster Ergebenheit Magnus. Im übrigen hat inan hu Reichstag wie in der Presse vergessen zu erwähnen, daß das Reichsgericht seiner Zeit auf Grund der Beweisaufnahme jene Aeußerung als erwiesen angenommen und den Beweis für erbracht angesehen, hat. * Die politischen Zeitungen brachten in jüngster Zeit die Mitteilung von einem Nachtrage zum Schulkompromiß unter der Spitzmarke „Des Kompromisses zweiter Teil". Dieser Nachtrag verdichtete sich in einem von dem Abgeordneten v. Zedlitz — einem der Väter des Kompromisses — eingebrachten Anträge. Da dieser Nachtrag in erster Reihe die jüdischen öffentlichen Volksschulen trifft, wandte sich Herr Lehrer H. Becker in Wollstein in nachfolgendem Briefe an den ihm persönlich bekannten und einflußreichen Adressaten, der Mitglied der tonangebenden konservativen Partei ist. Zur weiteren Verbreitung an die Kollegen teilen wir seinen Brief und das Antwortschreiben des Adressaten hier ohne weiteren Kommentar mit: I. " . Wöllstein, den-17. März 1905. Herrn Rittergutsbesitzer v. Wentzel-Belenzin. M. d. H. d. A. Hochgeehrter Herr, Sie waren allezeit freundwillig bereit, für die Wünsche der Lehrerschaft nach Kräften einzutreten, und mit innigem Dank haben wir,-die Lehrer Ihres Wahlkreises, das anerkannt. Wenn ich heute, in Erinnerung an Ihre warme Teilnahme für die Lehrerinteressen, nicht für die Kollegen im Wahlkreise, sondern für meine jüdischen Kollegen, die Lehrer an den öffentlichen jüdischen Volksschulen, die gerade in unserer Oftmark so zahlreich vorhanden sind und in unentwegter Treue für deutsche Sitte und deutsche Art eintreten, eine Bitte an Sie, hochgeehrter Herr, zu richten wage, so hoffe ich auch hier auf gütiges Gehör. Wie die Zeitungen berichten, hat die konservative Partei für das neue Schulunterhaltungsgesetz den Antrag eingebracht, daß für alleinstehende und erste Lehrer an Schulen über 30 Schüler das Grundgehalt 1200 Mark und die Alterszulage 130 Mark betragen soll. Für Schulen unter 30 Schüler soll hingegen das Grundgehalt ermäßigt werden, ebenso die Alterszulagen und dementsprechend der Staatszuschuß für die erste und alleinstehende Lehrersteüe von 500 Mark auf 300 Mark herabgesetzt werden solle. Würde dieser Antrag angenommen, dann wären 129 jüdische öffentliche Volksschulen und ihre Lehrer zu Schulen und Lehrern zweiter Klasse herabgesetzt. Denn nach den statistischen Aufnahmen des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche gibt es gegenwärtig 42 öffentliche jüdische Volksschulen mit weniger als 10 und 87 mit weniger als 20 Schülern. Alle Lehrer an diesen Schulen hätten also dann 100 Mark weniger Grundgehalt und 9 X 20 — 180 Mark weniger Alterszulagen, die Gemeinden müßten außerdem noch 200 Mark mehr als bisher' aus eigenen Mitteln ausbringen. Eine so ungleiche Behandlung der jüdischen Lehrer, welche gleiche Pflichten, gleiche Vorbildung und also auch gleiche Rechte haben, wie ihre christlichen Kollegen, wird Ihr gerechter Sinn, hochgeehrter Herr, sicherlich nicht wünschen. Ich bitte also ebenso dringend als ergebenst: Treten Sie, hochgeehrter Herr, bei Ihren Parteifreunden gütigst für uns ein. Wir jüdischen Lehrer der Ostmark werden uns sicher durch die treue Erfüllung unserer Staatsbürger- und Berufspflichten wie bisher Ihres Vertraueus würdig zeigen. Im voraus herzinnigsten Dank. Hochachtungsvoll H. Becker, Lehrer. II. Haus der Abgeordneten. Berlin, d. 20: III. 05. Geehrter Herr! Aus Ihr gefälliges Schreiben beehre ich mich Ihnen zu erwidern, daß Sie besagte Angelegenheit nicht richtig aufgefaßt haben..— Es handelt sich hierbei um einen Antrag des Abgeordneten v. Zedlitz (zu der Drucksache 256 II.), über den in der Unterrichtskommission am 22. d. M. verhandelt werden wird. Dieser Antrag soll keineswegs die jüdischen Schulen schlechter stellen als solche,' sondern soll