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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-07 · Heft 14 (7.4.1905) · p. Seite 156

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 156 (sequence 2)
Language
German
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158 Bon den Reserve- und Landwehroffizierkorps, die seit Jahrzehnten nach einseitigen Gesichtspunkten zusammengesetzt und von allen Elementen, die diesen widersprechen, „gereinigt" werden, kann man doch kaum verlangen,/ daß sie aus sich heraus bei der Wahl der Reserveoffiziere andere Wege einschlagen, als sie Von der Behörde selbst bei der Ernennung der aktiven Offiziere verfolgt werden. Warum, so fragt ein liberales Blatt mit Recht, befindet sich kein Jude unter den aktiven Offizieren der deutschen Armee? Daß die Juden als Soldaten dieselbe Qualifikation haben wie ihre christlichen Kameraden, hat ja zu unserer Genugtuung der Minister selbst anerkannt.. Es wäre von großem Interesse, wenn man einmal , eine Enquete veranstalten würde, in wie vielen Regimentern die jüdischen Einjährigen überhaupt nicht zum Offiziersexamen zugelassen werden, in wie vielen sie später ohne Angabe von Gründen ausgeschlossen werden und in wie vielen (dep günstigsten!) Fällen sie schließlich das Offiziersexamen „nicht, bestehen". Die einfachsten Politischen Erwägungen' zeigen, wie bedenklich ein solches Spiel ist. Es ist ja bekannt, wie oft pensionierte Soldaten und Offiziere im Gemeinde dien st und auch sonst angestellt werden. Was würde man aber sagen, wenn die Kommunen, namentlich liberal geleitete, ohne Ausnahme jeden einzelnen Kandidaten aus dem Offiziersstande durchfallen ließen, dabei aber mit großer Bestimmtheit versichern ^würden, sie wiesen keinen Offizier deshalb ab, weil er Offizier fei. Wir glauben, daß die Aufsichtsbehörde sehr bald Gelegenheit nähme einzuschreiten, und mit Recht einzuschreiten. Genau dasselbe gilt aber auch in unserem Falle. Wir haben es deshalb tief bedauert, daß man die Verteidigung der jüdischen Soldaten ausschließlich den fortschrittlichen Parteien überlassen hat. Hieß es doch vor der Debatte in den Couloirs des Reichstags, daß auch andere Parteien der freisinnigen Vvlkspartei in diesem Falle sekundieren wollte. Das war aber leider ein Irrtum; weder aus dem Zentrum, noch aus den Reihen der Nationalliberalen erhob sich auch nur eine Stimme, um für die Wahrung der verfassungsmäßigen Rechte einzutreten. Die Zeiten Windhorsts und Bennigsens sind eben vorüber! Es ist dies um so bedauerlicher, als ja das, was heute den Juden geschieht, in absehbarer Zeit jeder anderen Konfession und Klasse der Bevölkerung widerfahren kann. Es handelt sich hier nicht allein um die Verletzung der Rechte der Juden, es handelt sich vielmehr darum, daß solche Verletzungen nur ein Symptom sind für die Gefahr der Verletzung der Gleichberechtigung aller Bürger in Reich und Staat. Mit den Juden füngt^s erfahrungsgemäß überall nur an, aber was heute ihnen geschieht, kann morgen Freisinnigen oder den Söhnen einfacher Bürger, kann ein andermal, sobald der Wind umschlägt, auch den Katholiken Passieren. Das Zentrum und die Nationalliberalen Hütten also allen Grund gehabt, auch hier ein Wörtchen mitzureden; sie gleichen sonst, wie treffend bemerkt wurde, dem Manne, der untätig dem Brande des-Nachbarhauses zusieht, ohne zu bedenken, wie leicht das Feuer auch seinen Besitz vernichten kann. Während aber die Parteien im Reichstage geschwiegen haben, hat sich eine Stimme in der Presse erhoben, die wohl beachtet zu werden verdient. Das nationalliberale „Leipziger Tageblatt", also ein Organ, dem man besonderen Philofemitismus nicht nachsagen kann, hat ausdrücklich denselben Vorschlag gemacht, den wir oben enrpfohlen haben. Von dem Einzelsall ausgehend, der ja bedauerlich, aber nicht mehr zu ündern sei, sagt das erwähnte Blatt: „Aber nun könnte wohl eine generelle Anweisung in irgend einer Form, veranlaßt werden, die in unzweideutiger Sprache den Willen zur Geltung brächte, Juden bei persönlicher Tauglichkeit nicht prinzipiell aüszufchließem, und eine solche Ordre'würde wirken." .Und am Schlüsse dieses Artikels.schreibt das „Leipziger Tageblatt" : Es ist ein Gebot.der Gerechtigkeit wie der Klugheit, den Ausnahmezustand, den 'konfessionelles und soziales, Vorurteil über die jüdischen Heeresangehörigen verhängt, hat; auszuheben und darauf hinzuwirken, daß die militärischen Behörden und die Offizierkorps den Juden nicht als Juden, sondern lediglich als Soldaten beurteilen. Solche Meinungsäußerungen können uns reichlich für die Ausfälle entschädigen, die agrarische und antisemitische Blätter (von den konservativen hat selbst die „Kreuzzeitung" zugegeben, daß eine prinzipielle. Ausschließung nicht stattfinden dürfe!) gegen das „Judentum im Heere" erheben. Wenn die „Deutsche Tageszeitung" meint, die ganze Frage würde nur gelöst werden, sobald man sich dazu entschlösse, die Juden vom Heeresdienst zu befreien, so glaubt wohl das Blatt selbst nicht ernstlich an eine Durchführung dieses Vorschlags; denn mit demselben Recht könnte man eines Tages für die Polen, Dänenj elsässische Franzosen und andere fremde Elemente auch die Befreiung vom Militärdienst fordern. Auf diese Weise gelangt man schließlich nicht bloß zu einer Durchlöcherung der allgemeinen Wehrpflicht, sondern zu einer sehr bedenklichen Schwächung der deutschen Wehrkraft überhaupt, an die kein patriotischer Deutscher jemals - auch nur im Ernst denken darf. Als im Jahre 1842 ein ähnlicher Vorschlag gemacht wurde, da erklärten sich mit seltener Einmütigkeit sämtliche jüdische Gemeinden Preußens entschieden dagegen. Sie wollten sich dieses schönste und festeste Band nicht rauben lassen, das sie seit einem Menschenalter an das Vaterland geknüpft hatte,' wenngleich ihre Hingebung übel vergolten ward. Von allen Seiten kamen. Petitionen an die Regierung, welche erklärten, daß sie unter keinen Umständen der Pflicht der Landesverteidigung entsagen wollten, daß sie sich als Preußen fühlten und keiner Pflicht des Bürgers sich entzögen. Fünf Jahre später wurde aus den Akten des preußischen Kriegsminifteriums konstatiert, daß die Führung der Juden im Kriege eine gute war, daß sie zum Teil mit besonderer Auszeichnung gedient und dem Feinde gegenüber sich sehr brav benommen haben, daß sie von den christlichen Soldaten im allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt und im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben.. Das geschah vor fast sechzig Jahren und niemand wird den Mut haben zu sagen, daß sich seither diese Verhältnisse zum Schlechteren verändert hätten. Wenn von gegnerischer Seite angesichts der besprochenen Reichstagsverhandlungen das Programm aufgestellt wird: ein maßvoller, besonnener, in der Wahl seiner Mittel vornehmer Antisemitismus ist und bleibt eine wirtschaftliche, politische und völkische Notwendigkeit, so haben wir demgegenüber ein anderes Programm: Wir schreiten aus der gleichen Bahn wie frühere Generationen fort, wir wetteifern in der Liebe zum Vaterlande mit allen anderen Konfessionen, und so muß auch der Zeitpunkt sicher kommen, wo jene Schranken fallen, die es dem Juden, der sich dazu berufen fühlt, unmöglich machen, bleibend dem Vaterland als Soldat und Unteroffizier zu dienen, ja die es verhindern, daß er überhaupt nur Offizier im Frieden werden kann, während man es ihm doch gestattete, in der entscheidenden Stunde der Gefahr seine Landsleute als Offizier gegen den Feind zu führen. Auch solche Widersprüche müssen einmal verschwinden.' Wir können warten. Eher als alle anderen!

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