Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. <!!>. Jahrgang. No. 14. Berlin, 7. April 1905. Begründet von Rabbiner D-- Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag d^r" „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Str.iße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 ttl. Redakteur: Guftav R a» peles. Jüdilchk StlkrorokK^irrr. Berlin, 4. April. Ueber -anderen und für die Allgemeinheit wichtigeren Nachrichten vom In- und Auslande haben die Reichstagsverhandlungen vom 22. und 23. v. M. nicht die Beachtung gefunden, die sie erheischen und die sie in ruhigeren Zeiten sicher gefunden hätten. Jndeß für nns bleibt ihre Bedeutung eine nicht geringe. Ist doch vom Ministertische ausdrücklich und feierlich erklärt worden: „Sie können jedem sagen, der es hören will, daß die jüdische Religion unter keinen Umständen einen Grund abgeben kann, Juden nicht zu befördern!" Das ist eine erfreuliches Wort/ und wir müssen allen denen zu Dank verpflichtet sein, die es provoziert haben. Freilich mischt sich in die Genugtuung über diesen Ausspruch mancher Tropfen bitterer Wermut. Wenn der Minister selbst es durchaus verurteilt, daß tüchtige und brauchbare jüdische Einjährige, die die dienstlichen und gesellschaftlichen Qualifikationen zum Reserveoffizier besitzen, nur um deswillen zurückgesetzt werden, weil sie Juden sind, wenn er selbst einem kommandierenden General erklärt, daß dieser. Umstand unmöglich als Grund angegeben werden könne, einen geeigneten jungen Mann von der Wahl auszuschließen oder ihn bei der Wahl durchfallen zu lassen, wenn der betreffende kommandierende General sich dieser Ansicht sofort anschließt und den jungen Mann nochmals zur Wahl stellt — und das Offizierskorps des bezüglichen Landwehrbezirks ihn trotzdem einstimmig ablehnt, so muß doch, so wird jeder unbefangen Denkende folgern, hier ein bestimmtes System, eine unausgesprochene, aber feststehende Absicht vorwalten, keinen Juden zum Reserveoffizier zu befördern. Denn es wäre ja sonst unbegreiflich, daß seit Jahren ausnahmslos keine Juden, auch solche, gegen die absolut nichts vorliegt, zu Reserveoffizieren gewählt werden. Hohe Offiziere erklären, daß sie in ihrer Jugend jüdische Reserveoffiziere gekannt haben, die durchaus feine, gut erzogene Leute und angesehene Mitglieder der Offizierkorps geworden sind. Sollte sich das in den letzten zehn Jahren urplötzlich so geändert haben, daß nicht ein einziger Jude mehr diese Qualifikation erlangen könnte? Und wenn nun hier wirklich ein System vorliegt, sollte die Militärbehörde nicht die Macht haben, Ordnung zu schaffen und dem Gesetz zu seinem Rechte zu verhelfen? Der Einfluß der Militärbehörde ist ja sonst, und wahrlich mit vollem Recht, im Heer der einzig ausschlaggebende. Hat doch der Kriegsminister in seiner Rede am 22. v. M. ausdrücklich erklärt, daß er einem Vater, der ihn dieserhalb interpellierte, den Rat gegeben habe: „Schicken Sie Ihren Sohn an das und das Bezirkskommando. Dort ist ein sehr großes Reserve- und Landwehroffizierkorps. Und das besteht durchaus nicht nur aus Beamten und Angehörigen der sogenannten höheren Stände, ich will sagen aus Gutsbesitzern, sondern hauptsächlich aus Kaufleuten, Lehrern und ist zusammengesetzt aus Elementen auch liberaler Politischer Richtung." Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß der Kriegsminister einen solchen Rat nicht gegeben, wenn er sich nicht vorher auf das allergründlichste überzeugt hätte, daß der nach dem Titel eines Reserveoffiziers strebende Sohn in jeder Beziehung, in seinen militärischen Leistungen wie in seinem bürgerlichen Berufe und sicherlich auch in seiner politischen Gesinnung, auch vor dem strengsten Richter durchaus einwandsfrei dastünde. Trotzdem ist der junge Mann nicht Reserveoffizier geworden. Was helfen uns also die Versicherungen, daß die jüdischen Soldaten tatsächlich überall ihr Schuldigkeit im Frieden tun, und daß sie sie auch im Krieg tun würden, wenn sie schließlich doch in Wirklichkeit bei der Beförderung ihres Glaubens wegen zurückgesetzt werden! Eine solche Praxis muß um so verbitternder wirken, als es ein offenes Geheimnis ist, daß die jungen Leute den heiß ersehnten Weg offen finden, wenn sie sich taufen lassen. Alle ernster und tiefer in die Verhältnisse Blickenden würden meinen, daß gerade d i e jungen Leute den Vorzug verdienen sollten, die ihrem Glauben treu bleiben auch bei der Verlockung, durch einen Glaubenswechsel äußere Vorteile zu erringen. Wenn inan über den allgemeinen Verfall des religiösen Lebens in der Gegenwart Klage führt, so darf man nicht vergessen, auch diese Tatsache mit in Berechnung zu ziehen, die zu solchem Verfall wesentlich beiträgt. Aber der Krregsminifter hat nur die Fälle berührt, die ihm zugegangen sind. Und das sind gewiß die seltenen. Wie viele Fälle find unbekannt geblieben und gar nicht weiter verfolgt worden! Denn daß unter hundert, unter tausend tüchtigen Soldaten nicht ein einziger sein sollte, der die Befähigung hätte, daß seit einem Jahrzehnt kaum ein einziger den ungezählten nichtjüdischen Kameraden, die befördert werden, gleichwertig sein sollte: das wird selbst Herr Liebermann von Sonnenberg nicht glauben. Es versteht sich von selbst, daß niemand das unbillige Verlangen stellen wird, daß von seiten der Behörde ein Einfluß aus die Wahl ausgeübt werde. Wohl aber könnte, wie selbst von militärischer Seite geraten wird, von der oberen Behörde in aller Form eine Belehrung dahin ergehen, daß die Beiseiteschiebung der jüdischen Soldaten und eine Nichtb.esörderung jüdischer Einjährig-Freiwilliger zu Reserveoffizieren nicht ihren Anschauungen und Tendenzen entspreche: eine solche Verfügung würdesicher Wunder wirken.