Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 5 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Hansastadt, in der auch wahre Freiheit für alle Bekenntnisse herrscht, für den verhältnismäßig sehr billigen Preis von 90000 Mark überlassen. Nachdem die Ansprache vollendet war, verlas der Redner die Urkunde, welche dann in den Blechkasten gelegt wurde, den man in den Schlußstein einmauerte. Nachdem Vers 1—10 des Psalm 132 gesungen worden, bestieg unser allverehrter Oberrabbiner Hirsch die improvisierte Kanzel und hielt die Festrede. Sodann begaben sich die hierzu bestimmten Herren an den Grundstein; es erfolgte die Einsenkung und Vermauerung und alsdann mit passenden Ansprachen die üblichen Hammerschläge. Als Erster war natürlich der Herr Senator Köhler herangetreten, dann der erste Vizepräsident der Bürgerschaft Nirrnheim, Oberrabbiner Hirsch, Gemeindevorsteher Schönfeldt re., die Vorsitzenden der einzelnen Körperschaften. Zum Schluß dieses Teiles des feierlichen Aktes ergriff noch Herr Vorsteher Wolf Levy das Wort, um darauf hinzuweisen, daß zur Ausschmückung dieses zur Ehre und Anbetung des allmächtigen Gottes zu errichtenden Baues noch weitere Spenden sehr willkommen seien, diese Bitte wird gewiß nicht unerhört bleiben. Nunmehr wurde Psalm 150 gesungen, und damit war die Feier der Grundsteinlegung zur Gemeindesynagoge vor dem Dammtor, welche im Laufe eines Jahres zur Benutzung fertig sein soll, beendet. Frankfurt a. M., 17. März. Auch in diesem Jahre möchten wir unsere edlen Glaubensbrüder auf das Deutsch-Israelitische Kinderheim zu Diez Hinweisen, das sich einer segensreichen Tätigkeit, die weiter Kreise umfaßt, erfreut. Viele arme und verlassene Kinder, darunter solche, die durch Geburt schon unglücklich sind, finden hier liebevolle Pflege, streng religiöse Erziehung und eine gute Schulung, die sie befähigt, einst im- Leben ihren Weg zu finden. Dieses Institut verdient allseitige Unterstützung und man darf wohl hoffen, daß wenn jetzt Kindermund für die Armen bittet, wenn Kinder, die sich liebender Eltern und eines glücklichen Heims erfreuen an die Erwachsenen hinantreten und für ihre nicht in gleicher Lage sich befindenden kleinen Kameraden eine Gabe erheischen, keiner sich zurückhalten wird, fein Scherflein für das große und heilige Werk der Waisenpflege, wie sie im „Kinderheim" geübt wird, beizutragen. — Stratzvurg, 20. März. Die Nachricht vom Tode des Kaufmanns Adolf Netfer, der am 17. d. M. im 46. Lebensjahre nach schwerem Leiden starb, hat in den weitesten Kreisen tief erschütternd gewirkt. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, dessen Herzensgüte bekannt war, der im Wohltun eine linde, segensreiche Hand hatte, und der Teilhaber einer Firma, die unter dem Namen Wolf Netter und Jacobi einen guten Klang weit über die Grenzen unseres Landes hinaus besitzt. Das Begräbnis dieses Menschenfreundes war eine so große Kundgebung der Teilnahme und Verehrung, wie wir sie in unfern Mauern noch selten gesehen haben. Nach Tausenden zählte das Trauergefolge, in dem alle Berufsstände vertreten waren. In endlosem Zuge ging es zum Israelitischen Friedhofe bei St. Gallen, und hier ward der Gute zur letzten Ruhe gebettet. Am Sarge ertönte ein Trauergesang und dann wurden dem Toten nach den Gebeten des Herrn Oberrabbiners Urh ehrende und herzliche Nachrufe gewidmet. Ein Vertreter der israelischen Kultusgemeinde sagte in seinem Nachruf: „Die Verwaltung kann seinen Tod nicht tief genug beklagen, denn wir verlieren in ihm einen guten, treuen Kollegen, einen hervorragenden Mitarbeiter. Allgemein war der Schmerz in der ganzen Gemeinde, als die Trauerkunde vom Tode Adolf Netter, den alle, die ihn kannten, schätzten, zu uns drang, war er doch immer an erster Stelle, da, wo es galt, Werke der Nächstenliebe zu betätigen". Sodann ergriff Herr Prokurist Menges das Wort im Namen der Beamten und Arbeiter der Firma Wolf Netter und Jacobi, Straßburg, Straßburg-Königshofen, Rheinhafen, Hausach, Bühl, Finnentropp, Berlin, Adlershof und Hannover-Kleefeld. Professor Gustav Köhler sprach im Namen der Loge, deren brüderlicher, humanitärer Charakter in seiner Rede glänzend zum Ausdruck kam. Im Namen der Vereinigung ehemaliger Schüler und Freunde des Straßburger Lyzeums sprach deren 1. Vorsitzender. Der Bürgermeister von Bühl legte im Namen der dankbaren Vaterstadt des Verewigten einen Kranz nieder. Im Namen des Männergesangvereins Bühl sprach ein Vorstandsmitglied. Bald schloß sich die Gruft über den Sarg eines Mannes, der mit reichen Gütern gesegnet war, sein reichstes aber war sein lauteres Herz, und seine größte Kunst war die des Wohltuns! Er ruhe in Frieden! —t München, 27. März. Der im Dezember 1904 stattgefundenen Prüfung für den höheren Justiz- und Verwaltungsdienst im Königreich Bayern haben sich 193 Kandidaten im ganzen Königreiche unterzogen. Die Prüfung entscheidet über die Befähigung zum Amte eines Richters, Staatsanwalts oder Notars, zu einem Amte in der Verwaltung oder des höheren Finanzdienstes und zur Rechtsanwaltschaft. Von den Kandidatten haben 3 die Note l, 159 die Note II und 31 die Note III erhalten. Diejenigen 3, welche die Note I erhalten haben, sind die Nechtspraktikanten Hugo und Josef Gunz von Augsburg und Aal von Nürnberg, sämtliche drei israelitischer Religion. Ein einflußreicher Parteiführer des Zentrums, sagte ein hoher Nichterbeamter, welcher einer der wenigen Zentrumsabgeordneten ist, die seinerzeit gegen den Antrag Heim stimmten, bei einer ähnlichen Gelegenheit einmal: „Und da soll man kein Antisemit nicht werden!" Die beiden Gunz sind Zwillingsbrüder und wohl die ersten Zwillinge, die jemals in Bayern als Zwillingsbrüder durch den sogenannten Staatskonkurs gegangen sind. Oesterreich-Angarn. □ Wien, 27. März. Vergangenen Sonnabend wurde in feierlicher Weise von Sr. Majestät dem Kaiser die Jahres aus ste llun g im Künstlerhause eröffnet, und bei dieser Gelegenheit ist dem berühmten Maler Isidor Kaufmann die Ehre erwiesen worden, durch eine äußerst huldvolle Ansprache ausgezeichnet zu werden. Besonders lobend sprach sich der Kaiser über das ausgestellte Bild „Das Laubhüttenfest" aus, ebenso erregte das Bild Kaufmanns „Das Bettelkind" das besondere Wohlgefallen des Kaisers. — Vor einigen Tagen starb hier nach längerer Krankheit der Nordbahnbeamte und gewesene Bezirksrat der Inneren Stadt Ludwig Waldstein. Der Verstorbene war ein reger Förderer patriotischer, humanitärer und geselliger Unternehmungen und Bestrebungeu. Unter anderin bekleidete er das Amt eines Sekretärs bei dem Kaiserin Elisabeth-Denkmal-Komitee und widmete diesem Werke seine unermüdliche Arbeitskraft. England. k. London, 17. März. Am 7. d. M. verstarb in Brighton der bekannte jüdische Wohltäter und Millionär Mr. Rüben Sassoon, Als Sohn des Notschilds von Indien Mr. David Sassoon im Jahre 1835 in Bombay geboren, kam er 1867 nach London, wo er Aeltester der spagniolischen Gemeinde und 1871 Vize-Präsident der Anglo Jewish Assoziation wurde. Ferner wurde er Mitglied des rumänischen Komitees, sowie des Board of Depulies, der einzigen offiziell anerkannten Vertretung des Judentums in England. In seinem Hause verkehrte der Prinz-Gemahl, sowie der Prinz of Wales, der jetzige König Eduard VII., zu dem er bis an sein Lebensende freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Eine schwere Krankheit, die drei Jahre lang anhielt und der er auch schließlich erlag, zwangen den Verstorbenen, sich von allen öffentlichen Aemtern zurückzuziehen. Das Haus Sassoon ist eins der ältesten in Israel. Die Sassoons lebten ursprünglich in Spanien, wo sie den Namen Soshan führten und in Toledo eine Zeit lang die Stelle eines Nasi inne hatten. Von Toledo ging die Familie nach Saloniki und Konstantinopel und von da über Kairo und Brussa nach Bagdad in Mesopotamien. Hier ließ sie sich im 16. Jahrhundert dauernd nieder und hier wurde auch 1793 das Haupt des englischen Zweiges der Familie Sassoon. David Sassoon, geboren. In Mesopotamien bekleidete die Familie Soshan das Amt eines Fürsten der Diaspora (Resch Galuta). Bekanntlich war der Resch Galuta das Oberhaupt aller in der mohammedanischen Welt lebenden Juden und waren als solche von den Herrschern der mohammedanischen Völker auch offiziell anerkannt. Sie hatten die Obergerichtsbarkeit über alle jüdischen Gemeinden, und die Rabbiner mußten von ^ihnen ordiniert werden. David Sassoon war der mächtigste Fürst' der Diaspora, da er neben dieser Würde noch das Amt eines Fiimnzministers des Pascha von Bagdad bekleidete. Leider war dieser mächtigste zugleich auch der letzte Resch Galuta von Mesopotamien. Das Anwachsen der türkischen Macht zwang ihn