Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 standes, Herrn Gotthold Simon , einen schweren Verlust erlitten. Vor vier Jahren an die Spitze der Gemeinde berufen, hat er durch seine Tatkraft, seine nimmer rastende Arbeitssreudigkeit Institutionen geschaffen und vervollkommnet, die über das Grab hinaus das Andenken an ihn für alle Zeiten sichern. Besonders trauern die Beamten um ihn, die in ihm einen wohlwollenden und gerechten Vorsitzenden verlieren, dem es nach vielen Mühen gelang, eine vortreffliche Pensionsordnung zu schaffen.. Vor 63 Jahren in dem Städtchen Harzgerode geboren, verstand es der Verklärte aus kleinen Anfängen heraus sich zu einem hochgeachteten Kaufmann emporzuschwingen. Von der Liebe und Hochachtnng, die ihm auch in anderen Kreisen gezollt wurden, legt unter anderem der warmempfundene Nachruf, den ihm die Vereinigten Lederhändler der Provinz Sachsen widmen, deren Vorsitzender er war, beredtes Zeugnis ab. Vor einer zahlreichen Trauerversammlung würdigte Rabb. Dr. Grzhmisch die großen Verdienste, die sich der Entschlafene besonders um die Entwicklung unserer Gemeinde erworben, indem Redner Klagel. 5.16 (Gefallen ist die Krone unserer Häupter) seiner Trauerrede als Text zugrunde legte. R. i. p. 8. Dessau, 20. März. Die Baronin von Cohn-Oppenheim- Stistung der israelitischen Kultusgemeinde zu Dessau hat ihren Jahresbericht für das Jahr 1904 erscheinen lassen. Das Kuratorium der hochherzigen Stiftung hat im ersten Jahre seines Wirkens bereits ein gerüttelt Maß von Arbeit zu leisten gehabt. In übersichtlicher" nnd klarer Weise ist in dem 26 Seiten umfassenden Druckheftchen Bericht über die Tätigkeit des Kuratoriums erstattet worden; eingehend sind auch bei den einzelnen Titeln die Grundsätze klargelegt, von denen sich die Stiftungsverwaltung bei der Begebung der Stiftungsmittel hat leiten lassen. Die bei der israelitischen Kultusgemeinde errichtete Stiftung, welche nach der Bilanz vom 31. Dezember 1904 die stattliche Höhe von 5 293 781,25 Mark erreicht hat, ist ihrem Wesen nach natürlich eine spezifisch jüdische; war doch die verklärte Menschenfreundin eine überzeugte Jüdin, die zu wiederholten Malen es als ihre Ehrenpflicht erklärt hat, ihr Judenturn auch inmitten der sie vielfach umgebenden glänzenden, nichtjüdischen Gesellschaft zu betonen. In der Stiftungsurkunde ist trotzdem die Frage nach dem etwaigen Einfluß des Glaubensbekenntnisses unerörtert geblieben, und der Grundsatz, welcher ja übrigens auch den allgemeinen Grundsätzen des Judentums entspricht, nämlich überall da zu helfen, wo Hilfe Not tut, ohne Rücksicht auf Stand und Glaubensbekenntnis, ist nach Maßgabe der für die einzelnen Titel zur Verfügung stehenden Mittel getreulich befolgt worden, in voller und ganzer Arbeit, für welche der Stiftungsverwaltung der wärmste und lebhafte Dank aller Glaubensgenossen gebührt. In dem engen Rahmen einer Korrespondenz läßt sich selbstverständlich nicht annähernd ein Bild geben, welche Verwendung die reichen Mittel der Stiftung gefunden haben; wir müssen uns daher darauf beschränken, aus den - einzelnen Titeln einige wesentliche Bewilligungen hervorzuheben. Im Jahre 1904 sind insgesamt 1329 Gesuche eingegangen, und zwar 573 aus Dessau, 292 aus dem übrigen Anhalt und 474 von außerhalb Anhalts; darunter waren 1098 von Einzelpersonen und 231 von nicht physischen Personen (Vereinen, Korporationen rc.). Für das Etatsjahr 1904 wurden 534, für das Etatsjahr 1905 351 Gesuche, zusammen 885 Gesuche bewilligt, 444 Stück abgelehnt. Besonders auffallend ist die große Zahl der von Einzelpersonen an die Stiftung gestellten Gesuche. Die für diesen Titel eingestellten Beträge reichten, wie sich bald herausstellte, nicht aus, um den Anforderungen zu genügen. Von den für die Errichtung eines Altersheims vorgesehenen 20 000 Mark wurden, da die Notwendigkeit eines solchen zurzeit nicht vorliegt, 16 000 Mark zur Unterstützung Hilfsbedürftiger und 4000 Mark auf den Stipendienfonds überschrieben. Trotzdem der Unterstützungsfonds jährlich mit 30 000 Mark ausgestattet ist, hat diese Ueberschreibung noch nicht vollständig genügt, obgleich gerade die in dieses Ressort fallenden Gesuche einer sorgfältigen Prüfung unterzogen worden sind. Es sind im ganzen 52 597 M. zurVerausgabung gelangt.Als Gesuche, welche auf gewerbsmäßige Bettelei oder auf Sucht zum Müßiggang zurückzuführen sind, wurden abgewiesen, ebenso Gesuche um Darlehen oder Schenkungen zur Erfüllung von Pflichten Dritten gegenüber. Berücksichtigt wurden hauptsächlich Gesuche von Personen, deren Würdigkeit zil erweisen war, und die infolge hohen Alters oder Erwerbsunfähigkeit einer Unterstützung bedurften, die durch eine materielle Unterstützung zum Erwerb wieder hingeführt werden konnten oder in Fällen außergewöhnlicher Ereignisse. Am Todestage der Stiftern: wurden im Jahre 1904 in Erfüllung einer Stiftungsvorschrift 131 Personen mit Spenden in Höhe von 20 bis 200 Mark bedacht. Die jährliche Zuwendung an die Kultusgemeinde zu Dessau im Betrage von 30000 Mk., dient zur Förderung des sittlich-religiösen Lebens in der Gemeinde, sowie als Beihilfe zur Pflege der Jugenderziehung innerhalb derselben. Die Gemeinde zu Dessau ist durch diese reichlichen Mittel in den Stand gesetzt, neben einer besseren Besoldung ihrer Kultusbeamten den Bau einer neuen Friedhofskapelle und einer neuen Synagoge und eines neuen Gemeindehauses in Angriff zu nehmen und eine eigene Gemeindebibliothek zu begründen. In einem zweiten Titel werden Beihilfen an die unterstützungsbedürftigen israelitischen Gemeinden Anhalts bestimmt und ferner Zuwendungen für eine zu begründende Pensions- und Reliktenkasse der sämtlichen Kultusbeamten anhaltischer Gemeinden. Auf diesen Titel sind bis auf weiteres diejenigen Beträge übernommen worden, welche bisher als staatliche Zuschüsse für Kultuszwecke den einzelnen Gemeinden von der Negierung zugebilligt worden waren. Außerdem haben zahlreiche Gemeinden in Anhalt Bewilligungen erhalten, so u. a. Zerbst zum Neubau einer Synagoge und eines Gemeindehauses, ferner Ballenstedt, Coswig und Wulfen zur Renovierung und zum Ausbau einer Synagoge. Ein vierter Titel bewilligt in Höhe von 20000 Mark Beihilfen zu Zwecken der Krankenpflege und Zuwendungen an Krankenhäuser und Heilstätten. Es wurden hieraus namhafte Zuschüsse außer an Einzelpersonen bewilligt u. a. an die freiwillige Sanitätskolonne zum Noten Kreuz in Dessau, das Kreiskrankenhaus zu Dessau, das Institut der Grauen Schwestern daselbst, die Walderholungsstätte in Dessau, die Anhaltloge zur Entsendung kranker jüdischer aus dem Anhaltlande in die Ferienkolonie, den Verein zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen in Berlin (1000 Mk.), mit welchen: die Stiftung das Abkommen getroffen hat, auf Verlangen jederzeit zwei Krankenschwestern nach Dessau zu entsenden, ferner an eine Reihe von jüdischen Kuranstalten (Soden, Ems, Kissingen, Warmbrunn, Colberg). Ein fernerer Titel der Stiftung in Höhe von jährlich 15 000 Mark sieht die Förderung der Wissenschaft des Judentums vor, sowie, die Unterstützung solcher Vereine und Anstalten, welche der Erforschung und Pflege dieser Wissenschaft, sowie der sozialen und moralischen Hebung des Judentums dienen. Es wurden verbraucht 14 750 Mark, hiervon in Anhalt 950 Mark, außerhalb Anhalts 13 800 Mark. Das Kuratorium war auch bestrebt, durch diesen Titel Institutionen zu unterstützen, welche Kräfte heranbilden, die durch ihre berufliche Arbeit fördern helfen und frei von rückständigen Anschauungen auch in kultureller Beziehung erzieherisch und nützlich auf die Angehörigen der israelitischen Religion einzuwirken befähigt sind. Sodann wurden auch Vereine unterstützt, die das jüdische Laientum bildend weiter zu entwickeln sich zur Ausgabe gestellt haben, und wieder andere, die durch organischen Zusammenschluß das religiöse Leben sowie das Selbstbewußtsein unter den Juden zu fördern bestrebt sind. Auch Vereine, die sich der sozialen Wohlfahrt der Juden widmen, erhielten Unterstützung und schließlich wurden auch solchen Vereinen Zuwendungen gemacht, die für die Rechtsgleichheit der Juden in staatsbürgerlicher Beziehung eintreten. Die Zahl der an diesen Titel herantretenden jüdischen Vereinigungen war eine sehr große, und von allen Titeln hat Lei diesem deshalb auch die größte Zahl der Gesuche abgelehnt werden müssen, nämlich 65 Prozent aller eingegangenen Gesuche. Unter den vielen Institutionen erhielten Bewilligungen u. a. aus . Berlin die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, das Israelitische Lehrerinnenheim, der Verein zur Beschaffung eines Zenträlarchivs für die sämtlichen jüdischen Gemeinden Deutschlands, der Verband des Vereins für jüdische Geschichte und' Literatur, die Zunz- Stiftung, der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, der Verein zur Abwehr des Antisemitismus, der israelitische Volkskindergarten und Kinderheim und der Verein Freunde israelitischer Taubstummen. Der volle Betrag des Titels VII (20 000 Mark) soll zur Errichtung einer Handelsschule, welche voraussichtlich am 1. April 1905 eröffnet wird, verwendet werden. Ein achter Titel gewährt Stipendien an begabte Schüler und würdige junge Leute, vornehmlich an solche, welche aus dem Herzogtuu: Anhalt stammen. Hierfür sind 14 510 Mark