Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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sein Sinnen und Trachten geht danach, dieses Von jenem zu emanzipieren. Das Alte Testament soll dem neuen den Platz räumen und sich seiner Sonderansprüche endgültig begeben. Der andere, der kleinere Teil geht radikaler vor. Er will mit beiden Büchern tabula ra8a machen. Was der Erfolg dieser Be/trebungen sein werde, läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit nach Analogie des Schicksals der gnostischen Bewegung Vorhersagen. Damals hat das Alte Testament gesiegt. Es erfolgte freilich eine tiefgreifende Umgestaltung desselben im Neuen Testament, aber es blieb der Grundstock, auf dem sich die christliche Glaubenslehre erhob. Größere Konsequenz liegt also darin, Zugleich gegen das eine und das andere in Opposition zu treten, wenn man jenes nicht länger anerkennen will. Denn um das Neue Testament vom Judentum so -völlig frei zu machen, wie der antike und moderne Gnostizismus es fordern, müßte inan den Unterbau des Neuen Testaments abgraben und ihm eine andere Grundlage verleihen, ein Unternehmen, dessen Erfolg nicht bloß fragwürdig wäre, sondern das wohl gegen den eigentlichen Sinn des Christentums ginge. Hämins Der Mann, der lich liebt. Von Nathan Samuely. 0b noch glückliche Menschen in dieser traurigsten aller Wellen sind? — Auf den Höhen des Lebens findet man sie nie, aber in der dichten Masse des Volkes sind sie vereinzelt anzntreffen. In der Regel sind es ganz kleine Figürchen, man könnte beinahe sagen, mikroskopisch in ihrem Wollen und Können. Sie sind aber bisweilen so possierlich, daß es sich . der Mühe lohnt, sie unter die Lupe zu nehmen, um sie in ihrem komischen Treiben ein bischen zu beobachten. Ich selber kenne von dieser Spielart einige gelungene Exemplare, und eins derselben, Arnold Kleinmann mit Namen, will ich versuchen, dem Leser hier vorzuführen. Schon sein Anblick, wird Dir, lieber Leser, die Gewißheit verschaffen, daß Du einen glücklichen Menschen vor Dir hast, glücklich vom Scheitel bis zur Sohle, oder richtiger, vom blinkenden Zylinderhut, in dem sich nie ein Härchen krümmte, bis hinunter zu den feingewichsten Stiefeletten mit den spiegelblanken Lackspitzen. Was dazwischen liegt, darf selbstverständlich nicht unbeachtet bleiben: das von Pomade glänzende, künstlich gescheitelte Kopfhaar, die unter einer vergoldeten Brille fröhlich in die Welt hineinblickenden Augen, das aufgedrehte Schnurrbärtchen, das er mittels einer /kleinen Bürste, die er immer bei der Hand hatte, nie aus der Fassung kommen läßt, der spitzauslausende Napoleonbart, unter dem die kühngewundene Schleife seiner Halsbinde sich bemerkbar macht, und dann erst das Röckchen, das ihm an den Leib gegossen zu sein scheint, und das gtattgebügelte Beinkleid mit der kunstgerechten Falte in der Mitte — mit kurzen Worten, stets blink und blank, wie aus dem Ei geschält. An verzweifelten Momenten fehlt es allerdings auch ihm nicht, wenn beispielsweise der Zylinderhut im Verlaufe der Zeit etwas von seinem Glanze eingebüßt, das Röckchen die ursprüngliche Fasson verloren, oder wenn ihm gar die Schleife nicht gelingen wollte, lauter Dinge, die ihn ganz aus der Fassung brachten, so daß er nahe daran war, wie ein Kind, dem das Spielzeug zerbrochen wird, in Tränen auszübrechen. Dank aber feiner großen Vorsicht, waren solche verzweifelten Momente nur^sehr selten. — Warum er überhaupt sich gar soviel Aufmerksamkeit zuwendete? Nun, weil er über alle Maßen mit sich zufrieden war, weil er sich liebte, sich verehrte, sich vergötterte, weil er sozusagen vor sich im Staube lag. Und warum — er fragte es sich selber — solle er sich nicht lieben und verehren? Wer in der ganzen Stadt ist noch so lieb, so schön und so schmuckwie der Herr Kleinmann? Er sprach immer von sich selber in der dritten Person — allerdings etwas klein von Statur, aber wie niedlich und wie zierlich, und dabei wie ernst und würdevoll in jeder Bewegung, daß der Verkehr mit ihm einem eine wahre Freude sein müßte. An. sich selber fühle er es am .besten. Habe er ja selber ein ungestilltes Verlangen danach, sich jede paar Minuten an seinem eignen Anblick zu weiden; und zu diesem Zwecke ließ er sich nie ohne ein kleines Handspiegelchen, damit er nach Herzenslust jede Paar Minuten den von ihm so vergötterten Herrn Kleinmann sehen und bewundern könne. Mehr aber noch — wenu überhaupt von einer Steigerung bei ihm die Rede sein könnte — liebte und verehrte er sich seiner entzückenden Eigenschaften wegen. Wer hat noch so ein Stimmchen wie Kleinmann? Einfach, es müßte jedem, der es hört, wie Oel in allen Herzenskammern zerfließen. Es ist der reine Balsam, in Töne gegossen. Er müßte es sich gestehen, daß auf ihn selber dieses Stimmchen eine heilsame Wirkung ausübe, und weil er sich nicht satt genug daran hören konnte, so trällerte er immer, sogar aus der Gasse, leise vor sich hin, und man konnte es ihm anhören, daß jeder Ton, den er von sich gab, eine Huldigung war des früheren Tones, so daß die Töne gleichsam einander haschten, kosten, umarmten und ihr Entzücken über einander ausdrückten. — Nun, freilich, Kleinmann ist ein gelungenes Menschenkind! Und wie gelehrt ist erst Kleinmann! Da hat er in der ganzen Stadt nicht seinesgleichen. Wie versteht er es, jede noch so kritische und verworrene Stelle in allen ihren Fältchen auseinanderzulegen und auseinanderzuglätten, daß der Sinn hell wie der Tag zum Vorschein kommt — einfach, Kleinmann ist ein Philosoph! . . . Er stellte aber and) nicht sein Licht unter den Scheffel, der Herr Kleinmann; jeden Sabbat konnte man ihn in der Synagoge mit einer Behaglichkeit und Selbstbegaffung, die niemanden unbemerkt blieb, vor dem Altäre sehen, als Vorbeter, die Melodien ziehend, dehnend und kräuselnd,. als würde es ihm selber schwer fallen, sich von ihnen zu trennen. . . Und weil Herr Kleinmann zu allen Vorzügen auch gut und leutselig war, so gönnte er aller Welt die Freude, sich an seiner Persönlichkeit zu sonnen; Du findest ihn daher, wo nur eine Menschengruppe zu sehen ist, mitten unter derselben, mit unsäglicher Behaglichkeit sich mit seinem Bürstchen, das er nie aus der Hand ließ, das Schnurrbärtchen zurechtglättend. An allen Gesprächsthemen nimmt er lebhaften Anteil; wohl äußert er nie eine selbständige Meinung, aber er nickt zustimmend mit dem Kopfe, lächelt einverstanden und hascht jedesmal dem Sprechenden das Wort vor dem Munde weg, indem er den Satz für ihn zu Ende führt/ gleichsam sagend: „Mir, Kleinmann, braucht man nicht alles auszuführen, bloß ein Wort genügt!" Nun tritt da ein anderer diesen Ausführungen entgegen und stellt eine gerade entgegengesetzte Behauptung auf, Kleinmann aber nickt auch ihm mit dem Haupte zu, lächelt zustimmend wie früher, und fischt auch ihm das Wort vor dem Munde weg, indem, er jedesmal hinzugefügt: „Natürlich, das ist ja auch meine Behauptung!" Viele der Anwesenden sehen ihn über die Schulter an und lächeln höhnisch. Er aber läßt es