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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
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beiden Testamente von demselben Gott inspiriert, daß sie untrennbar miteinander verbunden und daß jeder auf das erstere geworfene Schimpf notwendig auch auf das letztere falle. Denn die Bemühungen aller häretischen Gnostiker gingen ja dahin, den Beweis zu führen, daß der Gott des Alten Testaments ein anderer, minderwertiger als jener des Neuen sei, dieses von jenem vollständig zu emanzipieren und es ganz in die Sphäre der heidnischen Philosophie zu rücken. „Alle Häretiker", sagt Jrenäus, „obschon sie von verschiedenen Punkten ausgehen und Verschiedenes lehren, laufen doch in den nämlichen Lästernngsgrundsatz zusammen und schlagen tötliche Wunden dadurch, daß sie eine Lästerung lehren gegen Gott, unfern Schöpfer und Erhalter.-Das nun ist der Grundsatz desjenigen, der uns das Leben mißgönnt, die Menschen ungläubig an ihr eigenes Heil zu machen und lästernd gegen Gott, ihren Bildner. Denn was immer mit großem Nachdruck alle Ketzer behaupten, läuft Zuletzt daraus hinaus, daß sie den Weltschöpfer lästern."*) Vor diesen Gnostikern können auch die Vorgänger des Jrenäus, Polykarp und Jgnazius, nicht genug in ihren Briefen warnen. So schreibt der letztere an die Smyrnaer c. 4, 5: „Unterhaltet keine Gemeinschaft mit den Jrrlehrern. Es sind Tiere in Menschengestalt, ihr könnt nichts tun, als für sie beten, ob sie sich etwa bekehren möchten, was freilich schwer zu glauben ist. — Sie glauben weder den Propheten, noch dem Ges etz Mosis, noch auch dem Evangelium." Noch im 3. Jahrhundert tobt der Kampf zwischen dem rechtgläubigen, mit Moses und den Propheten verbündeten Christentum und gnostischen Häresien, oie, wie Tertullian sagt 2), von der Philosophie ihre Ausrüstung empfangen. Und wenn wir sehen, wie ein mit allen Waffen der Gelehrsamkeit . und Beredsamkeit ausgerüsteter Origenes die Angriffe der Gnostiker auf den Judengott und sein Gesetz pariert, wie er die Zusammengehörigkeit des Alten und Neuen Testaments' verficht, so glauben wir nicht anders, als uns inmitten einer modernen Gelehrtenarena versetzt, wo mit großer Leidenschaftlichkeit über die beiden Testamente verhandelt wird. — „Unsere Gegner", sagt er einmal, „dürfen sich nicht darauf stützen, daß Gott im Alten Testament Zorn, Neue und allerlei Leidenschaften zugeschrieben werden, als ob er deshalb ein anderer Gott wäre. Denn auch im Neuen Testament kommen dergleichen Dinge vor. Man muß vielmehr solche Dinge immer auf eine Gottes würdige Weise verstehen?) — Sie sagen auch, der Vater Christi sei zwar ein guter, aber kein gerechter Gott, dagegen sei der im Alten Testament verkündete Gott zwar gerecht, aber nicht gütig. Sie meinen nämlich, es könne keine Güte bei Strenge und bei der Gerechtigkeit keine Liebe und Wohltat gegen die Bösen stattfinden. Da erzählen sie uns alle Zorngerichte des Alten Testaments und alle liebreichen Worte unseres Heilands aus dem Neuen Testament vor, besonders wenn er sagt, daß niemand gut sei, als der einige Gott, der Vater. Allein man findet auch Beispiele der Güte beim ersten, nämlich bei dem im Alten Testament ge offenbarten Gott und Beispiele des Ernstes bei dem Gott des Neuen Testaments. Natur und Vernunft lehren uns, daß die Würde der göttlichen Natur nicht bestehen könne, wenn Gott als gut, ohne gerecht zu sein, oder als gerecht, ohne gütig zu sein, gedacht wird. — Es ist endlich falsch, nur Gott, den Vater Christi, gut zu nennen. Denn es gibt Stellen 1) Iren. IV, praefat. 4. 2) Praesc. haer. c. 7. 3) Orig, de princip. II, c. 4. im Alten Testament, in welchem der darin geoffenbarte Gott in gleicher Weise gut genannt wird."*) Und ein andermal: „Der Jrrlehrer findet einiges, das er mit der Güte Gottes nicht zusammenreimen kann. Er bildet sich ein, der Gott des Alten Testaments sei ein anderer, zwar gerecht, aber nicht gütig. Auch die Einfältigen unter unseren eigenen Leuten machen sich oft eine Vorstellung von Gott, als von. einem sehr ungerechten und jähzornigen Menschen. Wir müssen also die Regel und Anleitung zum Verständnis der Schrift suchen, welchen die Apostel von Christo empfangen haben."* 2) Man geht sogar im rechtgläubigen Christentum in dem Kampf gegen den Gnostizismus soweit, die beiden Testamente selbst da zusammenstimmen zu machen^ wo sie nicht recht zusammenstimuren wollen, wo in dem einen ein ganz anderer Geist weht als in dem andern. Ein Beispiel mag dies veranschaulichen. Der platonische Philosoph Celsus, einer der gefährlichsten Bestreiter des Christentums im zweiten Jahrhundert, führt in. seinem „wahren Wort" das Gebot des Evangeliums an, wonach man sich demjenigen zu einem weiteren Schlag darbieten solle, von dem man einen enrpsangen habe, und meint, dieses Gebot lasse sich mit dem Gesetz nicht in Einklang bringen. Worauf Origines: „Darauf bemerken wir, daß uns wohl bekannt ist, es sei den Alten gesagt worden: „Aug um Aug, Zahn um Zahn"; auch haben wir die Worte gelesen: „Ich aber sage euch, wenn dich Jemand auf die eine Wange schlägt, so reiche ihm auch die andere dar!" Da ich aber glaube, Celsus habe das, was er hier vorbringt, von denen gehört, die zwischen dem Gott des Evangeliums und dem Gott des Alten Testaments einen Unterschied machen wollen, so müssen wir ihm sagen, daß die Mahnung: „Wenn jemand dich auf die rechte Wange schlägt, so reiche ihm auch die linke dar", auch den Büchern des alten Bundes nicht unbekannt ist. Denn in den Klageliedern des Jeremias lesen wir: „Gut isPs dem Manne, wenn er das Joch in seiner Jugend trägt. Er bleibt einsam und schweigt; denn er hat es auf sich genommen. Er reicht seine Wange dem, der ihn schlägt, er wird gesättigt mit Schmach." Das, was Gott im Evangelium sagt, widerstreitet also dem nicht, was Gott im Gesetz verkündet, selbst dann nicht, wenn man die Worte von dem Backenstreich buchstäblich nimmt. Es hat demnach weder Moses noch Jesus Irriges und' Falsches gelehrt, und der Vater hat, als er Jesum sandte, nicht vergessen, was er dem Moses aufgetragen. Er hat seinen Sinn nicht geändert, nicht seine eigenen Gesetze verurteilt und seinen Boten mit ganz andern Befehlen gesandt. — Wenn wir jedoch über den Unterschied, welcher zwischen den Gesetzen besteht, die Moses den Juden vordem gegeben, und zwischen den Geboten, welche die Christen nach der Lehre Jesu jetzt in ihrem Leben zu befolgen haben, einige kurze Bemerkungen machen sollen, so sagen wir: Die Beobachtung des mosaischen Gesetzes in seiner buchstäblichen Auffassung und Erklärung ließ sich mit der Berufung der Heiden nicht vereinigen, welche unter der Herrschaft der Römer standen . . . ."3) Der große, hundertjährige Kampf des Gnostizismus gegen das Alte Testament scheint sich heute auf einem äußerlich gänzlich veränderten Boden erneuern zu wollen. Auch jetzt teilen sich die Angreifer in zwei dem Umfang nach freilich ungleiche Heerlager. Weitaus der größere Teil nämlich erblickt in dem Alten Testament eine Fessel, eine drückende Belastung, sogar einen geheimen Gegner des Neuen Testaments, und all 1) De princip. II. c. 5. 2) De princip. IV, c. 2. 3) Orig, contra Celsum VII, 25, 26.

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