Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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sichMicht einmal einfallen, daß man ihn verhöhne. — Ihn, Kleinmann verhöhnen, ihn bewundert ja nur alle Welt!.. ... Und weil er selber zu seinen größten und aufrichtigsten Bewunderern gehört, deshalb Pflegt er sich mit der Zärtlichkeit einer, liebevollen Mutter, er verfehlt daher auch keinen Tag, , eines der besten Restaurants aufzusuchen, wo er mit einer Art Andacht sein Mahl verzehrte. Ja, manche wollten ihn dabei belauscht haben, wie er zwischen einem Bissen und dem andern folgenden interessanten Monolog mit sich führte: „Wohl bekomnüs, Kleinmann, laß es dir nur gut schmecken, du sollft's gesund verdauen!" Wahrend aber Herr Kleinmann es gesund verdaut, müssen zu Hause Frau und Kinder sich die größten Entbehrungen auserlegen, denn den größten Teil des Gehaltes, den er als Beamter bezieht, verwendet er für den von ihm über alle Maßen geliebten und verehrten Herrn Kleinmann. Herr Kleinmann hat kein Körnchen Liebe für jemanden abzugeben, weil der ganze große Vorrat an Liebe, der in seinem Herzen sich vorfindet, ihm kaum für den eignen Bedarf ausreicht! Lum Kapitel „Jüdische Soldaten". Von Regina Neisser. or mir liegt ein ausgezeichnetes Buch: „Franz Neumann, Erinnerungsblätter von seiner Tochter Luise Neumann." (Verlag von I. C. B. Mohr (Paul Siebeck). 1904: Tübingen und Leipzig.) Kein Buch sür eine Frau, und ich habe auch nur Bruchstücke daraus gelesen, aber diese sind mir nicht nur zu einer Quelle der Belehrung und Anregung, noch mehr der Bewunderung geworden. Franz Neumann (1798—1895) hat als Gelehrter bekanntlich in seinem reich gesegneten Leben und Wirken die höchsten Ehren errungen. Er hatte sich mit einer Anzahl seiner Mitschüler vom Werderschen Gymnasium in Berlin als Freiwilliger ins Colberger Regiment aufnehmen lassen. Dasselbe stand Ende Mai 1815' in der Gegend von Wastines bei Namur, dorthin wurden die Freiwilligen gewiesen und trafen Anfang Juni bei dem Regiment ein. Seite 42 berichtet Franz Neumann: „Zwei Juden waren unter den Jägern der Kompagnie. Der eine von ihnen, Löwenthal, wurde auch viel geneckt, vielleicht nur darum, weil er die Neckereien schwer ertrug. Sie reizten ihn stets zur Grobheit, und eine Forderung war dann die Folge. Die Forderungen mehrten sich, er wies sie aber alle bestimmt zurück mit den Worten: „Dazu bin ich nicht in den Krieg gegangen." Seitdem wurde er fast täglich gefordert, und das ging halb im Scherz, halb im Ernst, bis wir die Nähe des Feindes erreicht hatten. Als später in äußerst exponierter Stellung auf uns herabgeschossen wurde und es hieß: „jetzt vorwärts," ries Löwenthal: „Alle, die mich gefordert haben, können mir nun folgen, jetzt fordere ich und gehe voran." Es dauerte nur wenige Minuten, da lag er von mehreren feindlichen Kugeln getroffen auf offener Straße. Später habe ich ihn in Berlin wiedergesehen, an zwei Krücken gehend. Der andere Jude war von einnehmendem Aeußeren. Er hatte etwas Vornehmes in seinem Wesen. Die Kanonen singen an zu donnern, die Kugeln sausten über unfern Köpfen, da wandte er sich zu uns um und sagte : „In meinem Czako ist mein ganzes Vermögen; wenn ich falle, so nehmt ihn." Wir rückten dem Feinde näher, der Jude war der Erste, der fiel. Für seinen Czako hatte aber niemand Sinn." Lilerarilchr MitteiluMkn. I. L. Li ebermann: Mekor chajm. Wortgetreue deutsche Uebersetzung der heiligen Schrift, ausgestattet mit einem hebräischen Kommentar. Warschau 1905.1. Teil. Selbstverlag. Dieser Kommentar ist trotz der großen Zahl der Uebersetzungen und Erklärungen der heiligen Schrift von Wert, nicht nur durchs die Auslegung und Uebertragung, sondern vielmehr durch die Art, wie beide gehandhabt werden. Jedes einzelne Wort des Originals wird wortgetreu übersetzt, so daß dem Leser über die «eigentliche Bedeutung desselben keine Zweifel entstehen können. Da es in vielen jüdischen Schulen, namentlich im Osten, noch heute.üblich ist, die hebräische Sprache praktisch, also ohne Vorkenntnisse der Grammatik, zu lehren, so ist die Uebersetzung Liebermanns sehr glücklich gewählt. Der pädagogische Zweck ist auch nicht vernachlässigt, denn jedem Worte des Textes ist ein Stammwort beigefügt, und dies ist, wie man weiß, bei den linguistischest Schwierigkeiten der hebräischen Sprache für einen Laien oft schwer zu finden. Außerdem werden bei jeder Gelegenheit Homonyme und Synonyme deutlich erklärt, und die gründliche Bearbeitung sämtlicher Formen der so schweren Deklinationen und Konjugationen machen den Schüler mit der hebräischen Grammatik genau bekannt. Der Kommentar ist inhaltreich und hält sich doch schlicht an den Wortsinn, lehnt sich immer an den Text. Der Autor nahm sich den ersten und allerbesten biblischen Kommentar, nämlich Raschi, zum glücklich gewählten-Vorbilde. Man muß ihm als großes Verdienst anrechnen, daß er auch die verschiedenen fremdsprachlichen Wörter, die man in Erklärungen Raschis begegnet und die in den polnischjüdischen Druckereien gänzlich mißverständen und ganz falsch übersetzt und durch die „Melamdim" ebenso falsch wiederholt wurden, philologisch rein erklärt hat. Liebermann wollte auch durch sein Werk pädagogisch wirken, denn nach jedem Kapitel der heiligen Schrift bespricht er eingehend dessen moralischen Inhalt, um den Geist der Schüler zu erwecken. Für diesen Zweck fügte er zu jedem Wochenabschnitt die „Hastara" nud eine Erklärung des Inhalts und der Anschauungen des Propheten bei. Mit einem Worte, das Werk des durch verschiedene pädagogische Schriften bereits rühmlichst bekannten Verfassers verdient volle Beachtung und weite Verbreitung. * ----- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Die erste Nummer der vom Bureau sür Statistik derJuden, Berlin-Halensee, Westfälische Straße 46. herausgegebenen „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden ist soeben erschienen. Die Zeitschrift bringt im Hauptteil größere Originalabhandlungen, im „Statistischen Archiv" zuverlässige, quellenmäßig belegte statistische und demographische Nachrichten über die Juden aus aller Herren Länder. Der einleitende Artikel „Zur physischen Anthropologie der Juden" stammt aus der Feder des Berliner Anthropologen Professor v. Luschan, bekanntlich einer ersten Autorität aus dem Gebiete des jüdischen Rassenproblems.. Der Kopenhagener Statistiker Julius Salomon ist mit einer Abhandlung über die Mischehen in Kopenhagen, Dr. Arthur Ruppin mit einer solchen über , die Kriminalität von Juden und Christen in Deutschland vertreten. Sehr reichhaltig ist das „Statistische Archiv", das Mitteilungen über die Bevölkerungsziffer. die Bildungs- und Berufsverhältnisse, die Bevölkerungsbewegung, die Einwanderung derJuden aus Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Italien, Dänemark, den Vereinigten Staaten, Indien rc. enthält. Die Zeitschrift bezeugt durch ihren Inhalt am besten, daß tatsächlich ein Bedürfnis für ein solches statistisches Organ vorlag. Das wird auch dadurch anerkannt, daß zahlreiche hervorragende Fachmänner, z. B. Professor Werner Sombart in Breslau, Professor Dr. Silbergleit in Schöneberg, Hofrat Professor Bela Földes in Budapest, Dr. Wilh. Löwy, ehemaliger Leiter des kommunalstatistischen Amtes in Wien, Privatdozent Dr. R. Weinberg in Dorpat, Dr. Sonnenfeld, Direktor der 1. C. Paris, Dr. Max Nordau in Paris, Dr. Alfred Nossig in Berlin als Mitarbeiter der Zeitschrift genannt werden. Druck und Verlaa von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.