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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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153 1 es sei denn, daß zuvor der Abfall kommt, und geofsenbaret werde der Mensch der Sünde und das Kind des Verderbens; der da ist ein Widerwärtiger und sich überhebt ,üb er alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, also daß er sich setzt in den Tempel Gottes als ein Gott. — Und alsdann wird der Gottlose 0 -cevopo:) offenbart werden, welcher der Herr umbringen wird mit dem Geist seines Mundes und wird seiner ein, Ende machen durch die Erscheinung seiner Zukunft, daß, welche Zukunft geschieht nach der Wirkung des Satans, mit allerlei lügenhaften Kräften und Zeichen nnd Wundern und mit allerlei Verführung zur Ungerechtigkeit unter denen, die verloren werden, dafür daß sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, daß sie selig würden. Darum wird ihnen Gott kräftige Irrtümer'senden, daß sie glauben der Lüge; auf-daß gerichtet werden alle, die der Wahrheit nicht glauben, sondern Lust haben an der Ungerechtigkeit." h Wir könnten aus demselben Schrifttum noch zahlreiche andere Stellen anführen, welche beweisen, wie sehr sich schon das Urchristentum gegen die Gnosis des „Drachen, der alten Schlange"^ zu wehren hatte und wie es den Kampf gegen dieselbe, die es vom Judentum völlig abdrängen wollte, mehr oder weniger verhüllt führte; allein wir glauben, daß schon die angeführten Belege genügen, um ein ungefähres Bild von dem urchristlichen Schlachtfeld zu ermöglichen, auf welchem Jüdisches und Heidnisches auf Leben nnd Tod miteinander rangen, und uns zu zeigen, wie gnostisch präpariert der Boden war, aus welchem das Christentum hervorwuchs und aus welchem es unter den unsäglichsten Anstrengungen fein Judentum in die heidnische Welt hinüberrettete. Der offene Kampf gegen den Gnostizismus begann erst um die Mitte des zweiten christlichen Jahrhunders, wo dieser bereits vermittels vollständig ausgebildeter religionsphilosophischer Systeme das Christentum im heidnischen Sinn umgestaltet hatte und andererseits dieses letztere inzwischen in feine Weltmission hineingewachsen war und über zahlreiche . aus den heidnischen Philosophenschulen herbeigeströmte wortmächtige Mitkämpfer verfügte. Ein furchtbares Ringen begann, und es hatte lange den Anschein, als ob das jüdische Christentum dem Ansturm des heidnischen unterliegen, das jüdische Evangelium von dem gnostischen verschlungen werden sollte. Doch es kam anders. Das ganze, so schimmernd auftretende und so berückend wirkende Rüstzeug der Philosophie, es vermochte nicht, das Alte und das Neue Testament, das es ja zur Voraussetzung hat und nur geistig auffassen, will sagen zeitgemäß auslegen wollte, um es zu erfüllen, auseinanderzureißen. Jenes Christentum, das unverbrüchlich an der Zusammengehörigkeit beider Testamente'festhielt, blieb Sieger. Die Ketzerbestreiter der ersten christlichen Jahrhunderte, allen voran Jrenäus — die autognostischen Schriften seiner Vorgänger sind nicht mehr auf uns gekommen — wissen ungemein viel von den Kämpfen mit diesen Antinomisten zu berichten, „die sich stolz blähten, indem sie sich die Vollkommenen und den Samen der Auserwählung nannten"?) die Vorgaben, diese Gnade der Auserwählung als ein von oben ihnen gewordenes Geschenk zu besitzen, die sich geistig zu sein rühmten, weil ein Teilchen des Vaters des Alls in ihre Seele gelegt worden sei, welcher Same ihren Seelen Erkenntnis und Vollkommenheit .eingeflößt habe?) Die Gefahr, die sie über das junge Christentum herausbeschworen, war eine sehr drohende. Hatten sie doch den „Judengott", „der ja auch der Vater Jesu", vom Throne gestürzt und mit ihrer Lehre 0 2. Thess. 2, 3 -13. 2) Iren. üaen. I, 6, 1 ff. . 3) Iren. II, 19, 3. allenthalben große Bewunderung erregt, „so daß viele Toren vor ihnen das Maul aufriffen, als ob sie von ihnen mehr als selbst die Wahrheit lernen könnten."^ — Hören wir, wie Jrenäus vor diesen Ketzern warnt: „Es ist besser und nützlicher," mahnt er, „einfältig und wenig wissend zu sein, dafür aber durch die Liebe Gott nahe zu kommen, als sich für vielwissend und vielerfähren zu halten und dabei, als Gotteslästerer befunden zu werden." Darum hat denn auch Paulus ausgerufen: die Gnosis bläht aus, die Liebe aber erbaut! — weil er wußte, daß einige aufgebläht durch eingebildetes Wissen, von ■ der Liebe zu Gott abfallen und deshalb meinen, sie seien vollkommen, weil sie einen unvollkommenen Demiurgen einführen. Um also ihren Dünkel zu beschneiden, sagt er: „die Gnosis bläht auf." Gibt es doch keine größere Aufgeblasenheit, als wenn einer sich einbildet, besser und vollkommener zu sein, als der ihn geschaffen, gebildet und ihm den Lebensodem eingeflößt hat.-) Und ein andermal: „Diese unsinnigen Menschen wollen über den Demiurgen hinaufsteigen, indem sie sich für besser halten als jenen Gott, der Himmel und Erde und die Meere und alles was darin ist, gemacht hat, und dies in ihrer Unverschämtheit, geistig sein zu wollen, während sie doch wegen ihrer großen Gottlosigkeit fleischlich sind. Denjenigen aber, „der die Winde zu seinen Boten macht, der sich in Licht hüllt, wie in ein Gewand" (Psalm 104, 2, 3), der gleichsam in der Hand den Erdkreis hält, dessen Bewohner ihm wie Heuschrecken geachtet sind" (Jes. 40, 12, 22), den Schöpfer alles Seins, ihm erklären sie für psychisch! Das beweist sicherlich und wahrhaftig ihren Wahnwitz, da sie, wie vom Donner betäubt, noch über die Giganten der Mythen hinaus, aufgebläht von eitler Anmaßung und haltlosem Ruhm, ihre Gedanken gegen Gott erhoben."3) — Und wiederum „diejenigen, welche die Verkündigung der Kirche verlassen, die heiligen Presbyter der Unwissenheit anklagen, ohne zu bedenken, wie ungleich höher ein frommer und einfältiger Christ steht, als ein lästernder Sophist — das sind ja alle Häretiker — und die noch mehr als die Wahrheit zu finden vermeinen, wenn sie den geschilderten verschiedenartigen und vielförmigen Lehren anhängen, und unstät daherschreitend, über das Nämliche nicht immer das Nämliche denkend, sich als Blinde von Blinden führen lassen: werden mit Recht in die versteckte Grube der Unwissenheit fallen, immer suchend und nie das Wahre findend. Man muß also mit Recht ihre Lehren fliehen und sich sorgfältig in acht nehmen, sich nicht von denselben irre machen zu lassen. — Die einzige Zuflucht ist hier die Kirche, die als Paradies in dieser Welt gepflanzt, von welcher der heilige Geist spricht: „Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr. essen", d. h. von jeder heiligen Schrift sollt ihr essen, von dem übermäßigen Verstand aber sollt ihr nicht essen und nicht anrühren die ganze häretische Meinungsverschiedenheit. Denn'sie behaupten, sie hätten die Erkenntnis des Guten und Bösen, und über Gott ihren Schöpfer hinaus schleudern sie ihre gottlosen Gedanken. Sie denken also über das Maß des Denkens hinaus. Darmn sagt auch der Apostel: „Nicht höher sinnen als man sinnen soll, sondern sinnen gemäß der Weisheit", damit wir nicht, wenn wir von ihrer überweisen Erkenntnis essen, aus dem Paradiese des Lebens, in welches der Herr, die seine Gebote beobachten, einführt, verstoßen werdend) So geht es durch das ganze Buch, das sich die Aufgabe gestellt, den Gnostikern gegenüber darzutun, daß der Gott des Alten Testaments derselbe ist wie der des Neuen, daß die 1) Iren. II, 30, 2. 2) Iren. II, 26, 1. a) Iren. II, 30, 1, 2. ü Iren. V, 20, 2.

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