Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Beamtenstand zu leiden habe rc. Dieselben Blätter, die diese Aeußerungen machen, sind nun auch diejenigen, welche immerfort-treiben und wünschen, daß jüdische Freiwillige Reserveoffiziere werden. (Sehr richtig! rechts.) Darin liegt ein Widerspruch. Wollen jene Leute etwa das von ihnen angefeindete Offizierkorps bessern? Das wäre sehr edel, aber dazu sind sie wirklich zu wenig. Oder wollen sie kriegerische Lorbeern? Aber dieselben Leute predigen doch immer den ewigen Frieden. Ich kann mir nicht erklären, wie dieser Widerspruch zu lösen ist. Mir macht diese Hetze, oder um mich nicht so stark auszudrücken, diese Auseinandersetzung zwischen den Antisemiten und den Herren von der Linken wenig Spaß. Die Juden sind der allgemeinen Wehrpflicht unterworfen wie alle anderen, sie müssen dienen, und ich kann dies offen erklären, daß ich bis jetzt noch nicht gehört habe, daß sie schlecht dienen. Aber Sie werden doch zugeben, daß nicht nur in den höher gestellten Kreisen, sondern auch bis tief in die Bevölkerung hinein ein Gegensatz zu den Juden besteht, daß der jüdische Kamerad nicht gefällt. Aber er muß ertragen werden. (Heiterkeit.) Ja, ich sage nicht: von mir ertragen werden, sondern von denen, die dem nicht folgen; er muß ertragen werden auch von dem Herrn Böckler. (Heiterkeit.) Also gegen jüdische Soldaten ist nichts zu sagen, und ich bin der Ueberzeuguug, daß sie auch tatsächlich überall ihre Schuldigkeit im Frieden tun, und daß sie sie auch im Kriege tun würden, Sie können sich darauf verlassen, daß ich überall da, wo rnir Klagen zukommen, daß Einjährig-Freiwillige nicht zu Unteroffizieren befördert worden sind, daß Unteroffiziere nicht das Oualifikalionsattest bekommen haben, diesen Klagen auf das Gewissenhafteste nachgegangen bin. Ich habe mir die Zeugnisse kommen lassen und ich habe immer gesunden, daß darin genau angegeben ist, der betreffende junge Mann ist aus dem und dem Grunde nicht geeignet, zum Reserveoffizier befördert zu werden. Sie können jedem sagen, der es hören will, daß die jüdische Religion unter keinen' U.m ständen einen Grund ab geben kann, jemand nicht zu befördern. Ich von meinem Standpunkt glaube deshalb, meiner Pflicht genügt zu haben, und mehr können Sie von mir nicht verlangen. (Beifall.) Wie sympathisch auch die Schlußworte dieser Rede klingen mögen — „der andere hört vor allem nur das Nein" und kann vieles nicht begreifen. Zunächst, wie schon ein liberales Blatt bemerkt, war in den ersten zehn Jahren nach denr großen Kriege niemals die Rede davon, daß ein jüdischer Einjähriger, der seine Pflicht erfüllt hatte und gegen dessen sittliche Führung nichts einzrrwenden war, von der Beförderung zum Reserveoffizier ausgeschlossen werden könne. Erst als der konservative Hauch einsetzte, fand hier ein Umschwung statt, und mit der Zeit ist es so weit gekommen, daß die Inden wie in der Linie, so auch in der Reserve sich von der Besördernng ausgeschlossen finden. Daß der Kriegsminister das Märchen von der „jüdischen Presse" sich auch zu eigen gemacht hat, wird von den Inden in Preußen mit tiefem Schmerz empfunden werden. Die patriotische Gesinnung, .die wir stets, in guten wie in trüben Tagen, bewahrt, hätte uns, so sollte man meinen, eine wohlwollendere Gesinnung seitens der Kreise zuwenden sollen, denen das Wohl aller Klassen und Konfessionen im Vaterlande vor allein am Herzen liegen muß. Auch in dieser Sitzung hat der Abg. Eickhoff aus eine Provokation von antisemitischer Seite nochmals das Wort ergriffen und durch die unfern Lesern bereits hinlänglich bekannten Zeugnisse des Admirals von Stosch, Georgs von Bunsen und des Dr. Moritz Gumbinner das Wort des Kaisers Friedrich von der Schmach des Jahrhunderts historisch unwiderleglich festgestellt. Am selben Tage hat Kaiser Wilhelm in einer herrlichen Rede zu Bremen das deutsche Volk ermähnt, den Idealen des edlen Hohenzollernkaisers treu. zn bleiben. Möge diese Mahnung in allen Kreisen beherzigt werden! Die Mache. Berlin, 28. März.' Mn den Reichstagsverhandlungen dieser Woche hat -y / die Affäre Bier eine große Rolle gespielt. Infolgedessen wird der nachfolgende Briefwechsel sicher vom allgemeinen Interesse sein. Nachdem nämlich der Abgeordnete Liebermann v. Sonnenberg am 7. März 1904 im Reichstage den Herrn Moses Bier in Bonn beschuldigt hatte, den Generalobersten v. Loö absichtlich getäuscht zu haben, schrieb Herr v. Los an den Reichstagspräsidenten Grasen Ballestrem: Bordighera, Hotel Angst, B. 10. 3. 04. Hochgeehrter Herr Reichstagspräsident! Ew. Exzellenz 'wollen mir gestatten, folgende Bitte auszusprechen. Der Herr 'Reichstagsabgeordnete Liebermann v. Sonnenberg hat in der Reichstagssitzung vom 7. März d. I. in seiner Aeußerung zum Etat für die Verwaltung des Reichsheeres gesagt, daß ich von dem ehemaligen Husaren Moses Bier „mit seinem angeblichen Eisernen Kreuz getäuscht" worden sei. Die Worte beziehen sich augenscheinlich auf die Tatsache, daß ich in einer öffentlichen Ansprache am 19. Juni 1902 in Bonn die Dekorierung des Herrn Vier mit denr Eisernen Kreuz irrtümlicherweise erwähnt habe. Ist diese meine Annahme richtig, so will ich unverzüglich erklären, daß ich mit der Behauptung der Dekorierung einen Irrtum begangen habe. Dagegen ist der Zusatz des Herrn Abgeordneten, daß Herr Bier an meinem Irrtum Schuld sei, unrichtig. Nicht allein hat Herr Vier mir vor dem 19. Juni 1902 niemals gesagt, daß er das Eiserne Kreuz besitze, sondern er hat sich vielmehr unmittelbar nach meiner Rede zu mir begeben, um aus eigenem Antrieb den Irrtum aufzuklären. Die Schuld an diesem Irrtum trifft also mich ganz allein. ' ' Ew. Exzellenz gebe ich nun vertrauensvoll und sehr ergebenst anheim, dem Herrn Reichstagsabgeordneten Liebermänn v. Sonnenberg Kenntnis von diesem Schreiben zu geben und bin mit der Versicherung meiner vorzüglichstell Hochachtung Ew. Exzellenz sehrergebener Loö, Generaloberst und Generaladjutant Seiner Majestät des Kaisers. Dieses Schreiben hat der Präsident des Reichstags mit der Marginal-Verfügung versehen. Herrn Mitglied des Reichstags Liebermann v. Svnnenberg zur gefälligen Kenntnisnahme und Aeußerung. Berlin, den 15. 3. 04. Der Präsident Graf Bellestrem. ' Daraus hat Abgeordneter Lieberm ann v. Sonnenberg geantwortet: Brevi manu nach Kenntnisnahme mit folgender- Erklärung zurückgereicht.' Am 19. Juni 1902 hat der Herr Generaloberst d. Loö die betreffende Rede in Aachen gehalten. Unmittelbar danach ist, wie Se. Exzellenz mitteilt, Herr Moses Bier zu ihm gekommen und hat aus eigenem Antrieb den Irrtum aufgeklärt. Davon ist aber damals leider nichts in die Presse gekommen. Und daher haben sowohl die jlldensreurldlichen als die judengegnerischen Zeitungen, beinahe vierzehn Tage lang, ihren Besprechungen der Rede die Annahme zu Grunde gelegt, daß Herr M. Bier Inhaber des Eisernen Kreuzes sei. — Herr Bier hat auch seinerseits nicht gegen die ihm recht reichlich deswegen in der jüdischen Presse gespendeten Ehrenbezeigungen protestiert. Erst am 9. Juli brachte die „Bonner Zeitung" folgende Notiz: „Generaloberst Freiherr v. Loö hatte anr 3. d. M., denr Gedenktage der Schlacht von Königgrätz, die hier wohnenden Inhaber des Eisernen Kreuzes, die unter seinem Kommando den Feldzug gegen Frankreich mitgemacht hatten, znm Mittagsmahl eingeladen. (Es folgt dann die Aufzählung der Teilnehmer, darunter nicht Herr M. Bier.)" Daran knüpften andere Zeitungen die Mitteilung, daß sich bei Ausfertigung der Einladungen zu diesem Essen erst herausgestellt habe, daß M. Bier nicht das Eiserne Kreuz besäße. Diese neue Wendung der Angelegenheit wurde von der jüdischen Presse totgeschwiegen, während in anderen Zeitungen das Verhalten des Herrn M. Bier gegeißelt wurde. Ich habe diese Angelegenheit schon einmal vor Jahr und Tag in einer Rede im Plenum im gleichen Sinne wie am 7. März erwähnt, ohne Widerspruch zu finden. Mich trifft an dem Irrtum also keine Schuld. Dessen ungeachtet bin ich