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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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Mißverständnis hat in vornehmer Weise, wie es sich für einen Edelmann geziemt, Freiherr v. Loe auf sich persönlich genommen. Abgeordneter Liebermann von Sonnenberg: Ich stelle nochmals fest (Stürm. Heiterkeit), daß Abgeordneter Eickhoff wieder einen Bogen schlägt. Ich habe vorhin schon erklärt, daß ich dem Präsidenten geschrieben habe, ich würde die Angelegenheit nicht vor der Tagesordnung, sondern bei der dritten Lesung beim Gehalt des Ministers richtig stellen. Präsident Graf Ballestrem: Da auch meiner Tätigkeit in dieser Sache Erwähnung getan worden ist und Briese verlesen worden sind, die an mich gerichtet waren, will ich meinerseits die Tatsachen feststellen, soweit sie mir bekannt sind. Nach der Aeußerung des Ab-' geordneten Liebermann v. Sonnenberg schrieb der Generalfeldmarschall Freiherr v. Loö, der mein persönlicher gütiger Gönner seit langer Zeit ist, an mich, daß er sich verpflichtet fühle, die Sache richtig zu stellen. Er ließ mir durch einen befreundeten Offizier den ganzen Sachverhalt mitteilen. Auch in diesem Falle habe ich so gehandelt, wie immer in solchen Fällen. Ich schickte das Schreiben Loös an den Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg und stellte ihm anheim, zu tun, was er für gut befände. (Hört! hört! links.) Darauf hat Herr Liebermann v. Sonnenberg den von ihm mitgeteilten Brief an mich gerichtet, und ich habe dies Schreiben wieder dem Feldmarschall v. Loö mitgeteilt. Das ist meine Mitwirkung an der Sache. Konstatieren will ich nur noch, daß Herr Eickhoff nicht von mir, sondern von anderer Seite von dem Schreiben Loös an mich Kenntnis erhalten hat. Ich hatte mir keine Abschrift davon genommen, aber der Schreiber deH Briefes hat Herrn Eickhoff wohl eine Abschrift zugänglich gemacht. Auch in der folgenden Sitzung wurde die Debatte über die jüdischen Soldaten fortgesetzt. Es lohnt aber nicht der Mühe, die Tiraden der, Herrn Liebermann und Böckler zu wiederholen. Nur ein Passus aus der Rede des ersteren muß hier aus bestimmten Gründen mitgeteilt werden, und zwar der folgende: „Wie außerordentlich gern die Juden ihre Wehrpflicht erfüllen, darüber kann ich Ihnen statistische Mitteilungen machen. 1882 bis 1892 durften sich der Wehrpflicht 2468 Juden entziehen, es haben sich ihr aber entzogen 4606 (hört, hört! rechts) und das ist nicht etwa eine antisemitische Statistik, sondern eine von Dr. Paul Nathan." Da niemand im Reichstage daraus antwortete, so gab Herr D r. Nathan sofort die treffendste Antwort in den Tagesblättern selbst, indem er erklärte: „Es ist richtig-, daß in dem Buche „Die Kriminalität der Juden in Deutschland" (Berlin 1896, Verlag Siegfried Cronbach), das ich herausgegeben habe, auf Grund der amtlichen Statistik die vorerwähnten Zahlen mitgeteilt sind. Es ist diesen Zahlen dann eine Erläuterung hinzugefügt, und zwar die wörtliche Wiedergabe von Ausführungen aus der Statistik des Deutschen Reiches, 30. Band, Seite 11, 8 und 9. Es wird in diesen amtlichen Darlegungen untersucht, wie es kommt, daß in den Jahren 1882 bis 1892 sich schwankend über 13,000 bis über 21,000 Deutsche in je 12 Monaten die Verletzung der Wehrpflicht haben zu schulden kommen lassen. Die Statistik des Deutschen Reiches führt, aus, daß von einer Verletzung der Wehrpflicht im eigentlichen Sinne für die Gesamtheit der in dieser Rubrik Untergebrachten nicht die Rede sein könne; denn die Auswanderung von Kindern im zartesten Alter bis an die Grenze der Gestellungspflicht heran ist als eine Verletzung der Wehrpflicht natürlicherweise nicht zu bezeichnen. Die Auswanderung spiele für diese Rubrik der Statistik eine außerordentliche Rolle. Auf Grund dieser Erörterungen kommt die Statistik des Deutschen Reiches an der angezogenen Stelle zu folgenden Schlußforderungen: „Hiernach dürfte es klar sein, daß'an die jährlichen Zahlen dieser Verurteilten Schlußfolgerungen auf die Kriminalität in dem Sinne, wie es bezüglich der anderen Deliktsarten zulässig ist, insbesondere hier auf die Gründe, welche zu dieser Gesetzesverletzung verleiten, nämlich auf die Unzufriedenheit mit den heimischen Zuständen oder auch nur auf die Häufigkeit der wirklich vorhandenen Abneigung gegen den Militärdienst nicht geknüpft werden dürfen." Gestützt auf die amtliche Darlegung setze ich selbst noch das folgende hinzu: „Wir haben diesen Ausführungen nur hinzufügen, - daß die stärkere Beteiligung der Juden an diesem Delikt sich aus ihrer stärkeren Auswanderung erklärt. Sie sind fünffach stärker, als es ihre Seelenzahl mit sich bringen würde, an der Auswanderung beteiligt: es hat also nichts Auffallendes, daß sie bei diesem Vergehen mit 4006 Fällen gegen prozentuell 2408 beteiligt sind. Auf eine stärkere Abneigung gegen die Wehrpflicht kann man nach den obigen amtlichen Auslassungen keinesfalls schließen." Nimmt man die Sollzahl der auf die Juden entfallenden Verletzungen der Wehrpflicht mit 1 an, so ergibt die obige, den Tatsachen entsprechende Statistik 1,66 Juden. Aber auf welcher Seite ist Veranlassung, zu lachen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die jüdische Auswanderung (zweifellos auch infolge der antisemitischen Agitation) im Verhältnis fünfmal so groß als die der christlichen Deutschen war?" Leider brachte diese Sitzung aber auch noch eine Ueberraschung, nämlich die Rede des Kriegsministers v. Einem, der unter anderem folgendes sagte: Wenn der Vorredner eine Aeußerung des Abgeordneten v. Liebermann zitiert hat, daß Hauptlente -jüdische Freiwillige nicht gern annehmen, um sich nicht die Front damit zu verderben, so hat dieser Satz doch eigentlich gar keinen Hintergrund, denn der betreffende Hauptmaun hat ja gar nicht das Recht, jüdische Einjahrig-Freiwillige zurückzuweisen. Bei den Regimentern, wo jüdische Freiwillige dienen wollen, da dienen sie; sie haben das Recht, sich den Truppenteil auszuwählen. Der Abgeordnete Eickhoff hat gestern gesagt, ich hätte in allen Fällen, die mir zugegangen wären, sachlich entschieden. Das ist richtig. Ich habe in dem Falle, wo ein Hauptmann gesagt -hatte, ich nehme Sie nicht, weil Sie ein Jude sind, sofort festgestellt, das ist durchaus fälsch, und hier muß Remedur eintreten. Ich habe einem jüdischen Herrn,, der bei mir war und mich fragte, was er machen solle, um seinen Sohn zum Reserveoffizier befördert zu sehen, einfach gesagt: Stellen Sie ihn zur Wahl bei dem betreffenden Landwehroffizierkorps. Darauf sagte er, Sie wissen ja, wie es bei den Wahlen ist. Ich entgegnete. Sie wohnen doch in einer Stadt, wo das Judentum tatsächlich besonders floriert und eine Rolle spielt, warum sollte Ihr Sohn dort nicht gewählt werden? Er erwiderte: Nein, Sie wählen ihn nicht. Darauf sagte ich, schicken Sie Ihren Sohn an das und das Bezirkskommando, dort ist ein sehr großes Reserve- und Landwehrosfizierkorps, und das besteht durchaus nicht immer aus Beamten oder aus Angehörigen der höheren Stände, aus Gutsbesitzern, sondern tatsächlich aus Kaufleuten, Lehrern, Elementen der liberalen politischen Richtung. Er erwiderte darauf, das ist ein sehr guter Rat, den werde ich befolgen. Der junge Mann wurde nun dorthin versetzt. Der Vater kam später zu mir und sagte, sein Sohn sei abgelehnt worden ^nit der Begründung, daß er Jude sei. Ich habe sofort an den kommandierenden General geschrieben und ihm gesagt, daß dies unmöglich ein Grund sei. um einen jungen Mann, der im übrigen das Qualifikationsattest habe, abzulehnen. Der kommandierende General war sofort meiner Meinung; er hob die Wahl auf und ordnete eine Neuwahl an, sofern sich der betreffende junge Mann wieder zur Wahl stellen wollte. Er sagte zu. Meine Herren, dieses gesamte, aus so verschiedenen Klassen zusammengesetzte Offizierkorps hat nun den jungen Mann einstimmig abgelehnt. (Bewegung.) Weder der kommandierende General noch ich hatten nun eilt Mittel, Remedur eintreten zu lassen. Ich möchte nun den Abgeordneten Eickhoff auf ein mir wenigstens sehr wunderbares Verhältnis aufmerksam machen. Ich glaube, daß die Arniee, das Offizierkorps und das Reserveoffizierkorps von niemand so wenig liebevoll behandelt wird wie von Blättern, die unter jüdischer Leitung stehen (Zustimmung rechts) oder von jüdischem Gelde subventioniert werden. (Erneute Zustimmung rechts.) Ich habe den Eindruck — und ich überlasse jedem das Urteil, ob dieser Eindruck richtig ist — daß die Hetze gegen, das Offizierkorps, ich erkenne das sehr gern an, nachgelassen hat. Aber tatsächlich wird immer noch gesagt, daß Luxus im Offizierkorps herrsche, daß dieses nicht mehr auf der früheren Höhe stehe, sich nicht mehr seinem Dienste widme. Auf der anderen Seite wird dem Reserveoffizierkorps vorgeworsen, daß unter ihm der

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