Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- Seite 144 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Leider haben sie nur unter den gegenwärtigen Verhältnissen wenig Anssicht auf Verwirklichung. Jedenfalls aber ist die Schrift für alle, die sich mit der sogenannten „Judenfrage" beschäftigen, eilte sehr interessante Lektüre. Viele werden darin das beste Rüstzeug für den Kampf oder die'Verteidigung gegen einen ebenso gefährlichen wie. in seinen Mitteln nicht wählerischen und heimtückischen Feind finden, der das Volksleben nun schon seit Jahrzehnten vergiftet und dessen „Ende" noch immer nicht abgesehen ist. — Stassow, Wladimir: Ueber Shakespeares Kaufmann von Venedig und das Shylock-Problem. Autorisierte Uebersetzung ails dem Russischen von W. Henckel, München 1905. A. Buchholz. Das Shylock-Problem bildet von jeher ein ergiebiges. Feld reicher Gedankenarbeit für alle Freunde und Verehrer des großen englischen Dramatikers. Viele Shakespeare-Erklärer behaupten, der Dichter habe in dieser Hauptfigur seines Kaufmanns von Venedig eine Art Rechtfertigung seiner und der Christen Abneigung gegen die Juden im allgemeinen ausgesprochen; andere wiederum meinen, er wollte im Shy'lock einen Juden illustrieren, der weniger durch seinen religiösen Haß als durch den Fanatismus des Geizes und Wuchers beherrscht ist. Selbst Brandes behauptet: „Shylok fei, angesangen von den tiefinnersten und endend mit allen äußeren Erscheinungen seiner Natur, ein Typus seiner Rasse während ihrer Erniedrigung." Stassow schlägt einen anderen Weg ein. Nachdem er beweist, daß das Märchen von dem Gläubiger, der ein Stück Fleisch aus denr Leibe seines Schuldners als Strafe für eine unbezahlte Geldschuld fordert, weder in England entstanden noch von Shakespeare ersonnen ist, sondern aus der ältesten Zeit des Buddhismus herrührt, und daß die in dieser Legende handelnde Person niemals ein Jude war, kommt er zu dem Resultat: „Der Kaufmann von Venedig" bietet ebenso wie Tolstois „Macht der Finsternis" ein Bild der menschlichen Schlechtigkeit, Sinnlosigkeit und der Vorurteile. Die einzige respektable Person in diesem Stück sei, wie schon Heinrich Heine richtig empfunden hat, der viel geschmähte Shylok, dem der Dichter Worte in den Mund legte, die seine eigene wahre Gesinnung und tiefinniges Glaubensbekenntnis bekunden. Der Dichter wollte in diesem Drama der Welt zeigen, wie es in ihr in Wirklichkeit hergeht: „Man häuft auf einen Menschen die ärgsten Ungerechtigkeiten und ■ Verbrechen und dann muß er sogar noch der Schuldige sein; erwirb von allen verurteilt, verdammt und verttucht, sie aber sind die Gerechten, sind liebenswürdige, ruhige und prächtige Menschen." Der russische Akademiker Stassow hat die Shakespeare-Literatur mit einem interessanten Beitrag bereichert, der nun durch die vorzügliche Uebersetzung von Henkel auch der deutschen Leserwelt zugänglich ist. A—tz. — In Hermann Walthers Verlagsbuchhandlung ist soeben eine von Bruno Stern verfaßte Schrift:. „Positivistische Begründung des philosophischen Strafrechts" erschienen, welche, ausgehend von den in Wilhelm Stern's „Kritische Grundlegung der Ethik als positive Wissenschaft" entwickelten Prinzipien und Standpunkten das philoj sophische Strafrecht auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen sucht, j — „Von Strand und Straße." Gedichte von I. Löwenberg, j Hamburg 1905. M. Glogau jr. Löwenberg ist in der Dichterwelt! schon längst kein unbekannter Name mehr, und auch vielen Lesern! dieser Zeitung dürfte er nicht bloß aus den hier erfolgten Besprechungen! seiner früheren Gedichtsammlungen bekannt sein. Seine „Lieder eines! Semiten" und seine Gedichte „Aus jüdischer Seele" sind in weite z jüdische Kreise gedrungen und haben ihm auch dort allseilige Wertj schätzung eingetragen. Die vorliegende „Von Strand und Straße"! betitelte Sammlung hat mit Ausnahme eines Gedichts mit dem Judentum zwar keinen Zusammenhang, aber es ist dennoch nicht unangebracht, daß in einer jüdischen Zeitung empfehlend auf sie hingewiesen werde, schon aus Rücksicht auf den Dichter, zumal wir es hier mit erstklassigen poetischen Erzeugnissen zu tun haben. Es sind diese Gedichte aus dem Borne warmer, wahrer Empfindung geschöpft. Bor dem Auge des Dichters, unter dem Wehen seines Geistes belebt sich alles, auf was bei unserer Wanderung mit' ihm am Strand und auf der Straße unser Blick fällt. Das Meer und die Dünen, die Heide und der Wald, die Blumen und Hecken, die Wiese und der! Garten, kurz, alles was er bei seiner Wanderung trifft und was ihm | begegnet, fei es nun draußen auf einsamer Flur, sei es im bunten I Gewühl der Großstadt, weiß ihm von einer fernen, reineren und höheren Welt zu erzählen, zu der wir uns mit ihm emporgehoben fühlen. Die von ihm angeschlagenen Töne erwecken in uns einen lauten, verständigen Widerhall, und was er als das Erlebnis seines Inneren schildert, das vermeinen wir an uns selber zu erleben. Es ist also bei diesen Gedichten nichts anempfunden, sie sind das klare und getreue Spiegelbild eines tiefgründigen Dichtergemüts. Die gewählten Bilder sind oft' kühn, dabei aber anschaulich und treu durchgeführt, wie in dem Gedichte „Der Sturm", wo uns der Dichter das sturmgepeitschte Meer, das Scheitern eines Schiffes und das gefahrvolle Hilfswerk des Rettungsbotes schildert. In ängstlicher Spannung verfolgt er vom Strande aus das kühne Unternehmen, bis es endlich gelungen ist und er sich von dem grausigen Schauspiel losreißt: „Ich reiß mich los aus starrer, stummer Angst; ich glaub', ich Hab' die ganze Zeit gebetet." — Da, wo Erscheinungen aus dem täglichen Leben zur Behandlung stehen, verrät sich eine auch das Kleinste liebevoll umfassende und darum echt poetische Beobachtungsgabe. So in Sylter Weibes „Ose". Es schwebt also über der ganzen Sammlung der Hauch des Anmutsvollen und Schönen. Allein es geht durch sie wie eine leise stille Wehmut, wie ein verhaltenes aber stilles Sehnen. Vielleicht daß Strand und Straße diesen Grundton weckten. Nur in den beiden letzten unter dem Titel „Gefunden" und „Ein Junge" zusammengefaßten Liedercyklen hellt sich der Himmel auf und Sterne blinkenden Glückes werfen ihre Strahlen aus. Hier kommt die innigste Liebe zu Weib und Kind in den wärmsten Herzenslauten zum Ausdruck. Besonders ist es die Vaterfreude, die den Dichter Töne anschlagen läßt, die ein jeder Vater in ihrer vollen Tiefe mitempfindet. So da, wo er nach Geburt eines Sohnes beglückt ausruft: „Sonne komm rasch an mein Fenster gesprungen, — Lache mit mir — ich Hab' einen Jungen!" oder wo er beglückt am Abend an der Schlafzimmertür seiner Kinder lauscht, oder wo er seinem Jungen ein Wiegenlied singt oder von Schneewittchen erzählt und der kleine Bursche bei der Schilderung von Schneewittchens Tod den Vater umarmt und schluchzt, so daß dieser seine Rührung selber kaum verbergen kann. Die sehr schön äusgestattete Sammlung ist „Otto Ernst und seiner Helmy" gewidmet. Möge sie einen recht großen Leserkreis finden, Wertschätzung wird sie sich allein erwerben. R. Sxrechsaal. Geehrter Herr Redakteur! "^in bezug auf die Korrespondenz aus „Aurich, den 6. März" in der jüngsten Nummer Ihrer Zeitung erlaube ich mir berichtigend zu bemerken, daß Blumenthal nicht zu Aurich gehört, sondern eine Filiale der Gemeinde Aumund-Vegesack in dem Regierungsbezirk Stade ist. Es handelt sich um denselben Fall, über welchen vor langer Zeit in Ihrer geschätzten Zeitung berichtet worden ist. bei dem die Strafkammer des Landgerichts zu Verden sich, im Gegensatz zu der früheren Entscheidung der Strafkammer in Osnabrück in einem ähnlichen Falle, meiner gutachtlich niedergelegten Auffassung ohne irgend welche Einschränkung angeschlossen und zugunsten des jüdischen Religionsunterrichts entschieden hatte. Daß nun die oberste Instanz, das Kammergericht, sich dem Urteil des Landgerichts zu Verden angeschlossen, ist von eminenter prinzipieller Bedeutung und macht mit einem Schlage der Verwirrung ein Ende, welche das verhängnisvolle Urteil in Osnabrück in dieser und jener Gemeinde bereits angerichtet hatte. . Hannover, 10. März. Hochachtungsvoll Landrabbiner Dr. Gronemann. $ ßmfhaftrn der Äedsktion. I. W. Deutsche Bibelkommentare für Ihren Zweck sind die von Philippson und Herxheimer, hebräische die von Arnold Ehrlich, A. Cahn, Malbim und anderen. Eine Bibliothek, aus welcher jüdische Lehrer Bücher erhalten können-, gibt es leider noch nicht. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.