Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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142 davon entfernt ist, sie voll und ganz zu würdigen. Dieses vorchristliche Diasporajudentumdas selbst an Zahl' dem im .Heimatlande zurückgebliebenen weit überlegen war — Alexandria und Umgebung allein zählte im Zeitalter Jesu mehr denn eine Million Juden - hat in der griechischen Welt geradezu Heroisches geleistet. Es war wahrlich kein leichtes Stück Arbeit, so weit Auseinanderliegendes, als Jüdisches und Hellenisches, zu verschmelzen, was ja tatsächlich der jüdische Alexandrinismüs zustande gebracht hat. Von Alexander dem Großen nach Alexandria verpflanzt, begannen unsere Diasporajuden bald sich an dem daselbst durch das Jneinanderfluten des hellenischen und orientalischen Geistes frisch pulsierenden wissenschaftlichen Leben zu berauschen. Sie sogen gierig än den bereits welkenden Brüsten griechischer Weisheit und verliehen ihr, sie mit ihren heimatlichen Ideen befruchtend, neue Schwungkraft. Diese auf dem Böden Alexandrias erfolgte Verschmelzung griechischer und jüdischer Weisheit brachte eine ungeahnte, drei Jahrhunderte andauernde Bewegung hervor, aus welcher, „als die Zeit erfüllt war", das Christentum hervorging. In der Brust dieser Diasporajuden nämlich regten sich mächtig zwei Seelen: die eine klammerte sich mit allen Organen an die väterliche Religion, die andere an die die neue Heimat beherrschende Philosophie, deren Strahl sich mit bestrickender Macht in ihr Herz versenkt. Da sie nun mit gleich inniger Liebe an beiden hingen und keine der andern opfern wollte, so mußte alle Anstrengung gemacht werden, eine Verschmelzung beider herbeizuführen. Als geeignetes Mittel hierfür bot sich die Allegorie dar, die zur Zeit in der griechischen Philosophie stark in Hebung war. Mit ihrer Hilfe wurde die Lehre Mosis nach allen Richtungen durchfurcht, wurde alles von der Zeit Ileberwundene vergeistigt, jedes das Leben in der heidnischen Welt erschwerende, oder dieses anstößige Zeremonialgesetz symbolisch ansgelegt und aufgelöst. Einmal aber mit heiligem Ernst an dieser erhebenden Arbeit, merkten unsere jüdischen Hellenisten nicht mehr, daß die väterliche Religion unter ihren ewig modelnden und umgestaltenden Händen einen ganz andern Charakter, einen neuen Inhalt bekommen. Sie hegten vielmehr die unerschütterliche Ueberzeugung, daß ihre Auslegung die einzig richtige, daß Moses seine göttliche Lehre niemals anders aufgefaßt wissen wollte, und daß die Philosophie der Griechen, die sie ja in Moses hineingezwängt, aus ihm geflossen. Dieser mit hellenischem Geist versetzte Mosaismus, der durch ein konsequentes Zürückdrängen der beengenden Zeremonial- und Nationalgesetze seinen Bekennern unbehinderte Entfaltung gestattete und auch auf gebildete, religionsbedürftige Heiden eine starke Anziehungskraft auszuüben vermochte, wurde von unfern jüdischen Alexandrinern, sobald sie sich der ihrer harrenden Mission bewußt zu werden anfingen, aus den Weltmarkt gebracht und mit dem glühendsten Eifer propagiert. Die Erfolge waren - ganz ungeahnte. Der jüdische Alexandrinismüs, dessen Erbe nach dem Untergang des jüdischen Reiches das Christentum übernahm, triumphierte über das untergehende Heidentum so vollständig, daß beispielsweise ein Seneca darüber den Entsetzensschrei ausstieß: „Die Besiegten haben den Siegern Gesetze gegeben!" i) ' Die gelehrten Juden der griechischen Diaspora hatten, als sie Moses in die große Welt einzusühren begannen, die mühsame Arbeit unternommen, die mosaische Lehre von Gott der y Leneea ap. Augustin. deCiv. Dei VI, 11: Usque eo sceleratissimae gentis (sc. Judaeorum) coiisuetudo convaluit, -ut. per omnes jam terras recepta sit: yicti' Tictoribus leges dederunt. sie trübenden Vorstellungen zü entkleiden, alle Anthropomorphismen nach und nach zu beseitigen, ein Beginnen, das schon in dem ältesten Denkmal alexandrinisch-jüdischer Geistesarbeit, in der sogenannten Septuaginta, sehr auffällig, zutage/ tritt. Die Gottheit mußte in unnahbare Höhe gerückt werden, weitab von der materiellen Welt, mit der sie in keine unmittelbare Verbindung gebracht werden durfte. Da unseren platonisierenden Philosophen die Materie als unheilig und schlecht, Gott aber als die Quelle alles Guten galt, der nichts Schlechtes entströmen könne, so mußte im Geiste der herrschenden Philosophie zur Annahme „g ö tt licher Mittelkr äste" Zuflucht genommen werden, um zwischen Gott und der materiellen Welt eine Verbindung herzustellen. Aus diesen hat sich später der zwischen Gott und Welt vermittelnde Logos herausgebildet, wie er in der Zeit Philos, in dessen Schrifttum wir ihm auf Schritt und Tritt begegnen, landläufig geworden war. Die „göttliche Dynamis" in dem alttestamentlichen Schrifttum unterzubringen, war nicht allzuschwer. Hat doch schon Salomo in feinen Sprüchen (Vlll, 22—32) von der Sophia gelehrt: „Der Herr habe sie im Anfang seiner Wege geschaffen, ehe er seine Werke begonnen, von jeher sei sie als Werkmeisterin bei der Schöpfung tätig gewesen." -- Und was war diese Sophia sonach anders als die zwischen Gott und Welt vermittelnde „göttliche Dynamis"? Und hiermit wären wir bei unserm eigentlichen Thema: der Philosophie der „Auserwähltheit", angelangt. Diese hatte sich nämlich aus dem -.jüdischen Alexandrinismüs, indem sie mit rücksichtsloser Unerbittlichkeit dessen letzte Konsequenzen zog, herausgebildet. Der jüdische Alexandrinismüs wahrte — wie wir dies bei seinen Hauptvertretern, insbesondere bei Philo sehen — selbst bei schrankenlosester Anwendung der Allegorie die Einheit Gottes auf das peinlichste; sein Seitenschößling aber, die Philosophie der „Auserwähltheit" oder die „fälschlich sogenannte Gnosis", als welche sie im Neuen Testament gebrandmarkt wird/) zerstörte diese Einheit, indem sie neben dem höchsten unfaßbaren Gott einen niedrigeren, weltschöpferischen Demiurgos einführte. " Die Gnosis bildete die äußerste Linke des jüdischen Alexandrinismus, von dessen gefangennehmenden Mysterien über Gott und Weltschöpfung sie ausging, die sie aber verweltlichte, indem sie sie mit heidnischen Anschauungen durchtränkte und sie mit ihrer reichen, leichtbeschwingten und buntschöpferischen Phantasie befruchtete und bestrickend gestaltete. Bildeten dem jüdischen Alexandrinismüs Moses und die Phropheten die unfehlbare und unverrückbare Basis, von der ihr Philosophieren ausgehen und zu der es immer wieder zurückkehren mußte, so ging die Gnosis zwar ebenfalls von derselben Basis aus, jedoch nur, uni sie bald darauf tief unter sich im wesenlosen Scheine zurückzulassen und den Höhen heidnischer Philösophie zuzustreben. Von diesen Höhen aus erschien ihr der von Moses und den Propheten verkündete weltschöpferische Gott als ein minderwertiger, seine Lehre als' eine einer geistigen Elite wenig genügende. Aus dem vielverschlungenen Wege ihrer Entwicklung gelangte die Gnosis endlich zur völligen Verwerfung des Judengottes und seines Gesetzes. Den demiürgischen) von Moses und den Propheten gepredigten Gott erklärten die Gnostiker für einen inferioren, der nicht einmal Kenntnis habe von dem obersten, unfaßbaren, allen andern außer ihnen — den Gnostikern nämlich — unbekannten Gott. An Stelle der idealen „göttlichen Mittelkräfte" und des Logos der jüdisch-alexandrinischen Schule war nun der y 1. Tim. 6, 20.