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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-24 · Heft 12 (24.3.1905) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
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' däß der Walfisch. nur kleine Fische verschlucken / könne. Gr empfängt aber die Antwort: . ' „Der Lehrer, der sprach ganz verblifft: E Walfischschlund, was deß betrifft, Js zwar e enger klääner, — ' Doch deßhalb sei ganz außer Sorg', E Iudd drickt iwerall sich dorch /. Un Jonas war ja ääner." Faßt man - das Gesagte zusammen, so sieht man: für Stolze existiert keine Judenfrage. Seine jüdische Dinge behandelnden Gedichte und Erzählungen sind Schnurren, in denen er lächelnd auf Seltsamkeiten in jüdischen Kreisen hinweist, mit demselben leichten Humor, mit dem er Angewohnheiten und Eigenheiten in den bürgerlichen Kreisen des alten und neuen Frankfurt bespricht. Man könnte sagen: Schade, daß er, der freiheitliebende Mann, der sonst unerschrocken für' das Recht der Unterdrückten einzutreten verstand,' und. drr durch sein kühnes Wort, wenn nicht unmittelbar, doch gewiß mittelbar zur Abstellung mancher Mißbräuche beitrug, nicht auch den Kampf der Gleichstellung der Juden zu dem seinigen machte. Er mag sich wohl über das am 8., Oktober 1864' erlassene Gesetz, das die bisher noch vorhandenen Beschränkungen' der Bürger israelischer Konfession aufhob, gefreut haben; ob' er aber in seiner damals erscheinenden Krebbelzeitung auch diese freiheitliche Einrichtung, ein Glied aus der Kette der liberalen Umwandlung des Jahres 1864, besungen hat, ist mir nicht bekannt. Mit dem reichsten Juden, mit dem alten Baron Meyer Anselm von Rotschild (1773—1855) stand Stoltze in näherer Beziehung. Eine der Anekdoten, die er aus seinem Verkehr mit dem Börsenfürsten gern erzählte, lautet so: „Als dem alten Baron, der streng am Glauben der Väter hielt, die Liste für den Dom gebracht wurde,- meinte er zwar abwehrend: „Der Dom hat kei Spitz und ich Hab kei Schneid", aber er zeichnete doch einen größeren Beitrag. Aehnlich verfuhr er, als Stoltze im Auftrag Seufferhelds mit der Bitte zu ihm kam, für das Altargemälde Rethels „die Auferstehung Christi" in der Nikolai-' kirche einen Beitrag zu zeichnen. „Dhu ich Ihne e Gefalle damit", sagte der Alte lächelnd, „so gebe Se de List! — Was leit mir dra, ob er uffgestanne is oder net!"'— Stöltzes Beziehungen zu Rotschild waren dadurch entstanden, daß er. der ein vielgesuchter Gelegenheitsdichter war, auf eine Aufforderung hin dem alten Herren zu dessen goldner Hochzeit (1846) ein Gedicht, machte. Der Dichter erzählt darüberfolgendes: „Baron Amschel ließ es in großen Prachtexenrplaren an seine Brüder und Neffen nach Paris, Wien, London und Neapel bringen und eigens noch einmal in blauem Druck bei Buchdrucker Kitz 500 Exemplare anfertigen und auf dem Bureau, und in der Stadt verteilen. Ich habe auch ein Gedicht auf die ‘ Vermählung des Barons Willy gemacht. Baron Amschel forderte 'mich selbst dazu auf ... Ueberhaupt hat mir der Baron Amschel nie Wohltaten erzeigt, es müßte denn sein, daß ich in seinem Garten spazieren gehen und mir vom Gärtner Blumensträuße für meinen Schatz und später für: meine Frau machen ließ. Gutes dagegen habe ich manches im Hause Rotschild genossen: gekelterte und ungekelterte Trauben, Orangen, Kuchen und Mazzen. Dafür habe ich ihm-' alles mögliche Getier, Tauben, Vögel, Kaninchen und. sogar Raubvögel ins Haus und in die Volieren gebracht." Wer dabei blieb es nicht; auch sonst erfreute sich der alte Herr am den Erzeugnissen von Stöltzes humoristischer Muse, namentlich an einem Gedicht, das der gelbe Pinscher und der Hofhund überreichten und in dem jeder aus der zahlreichen Bedientenschar des Rotschildschen Hauses in' einzelnen Versen charakterisiert wurde. Vor allem war Stoltze eine Art Privatalmosenier des' reichen Mannes: er wußte ihn zu Gaben oft in großem Stile anzulocken, besonders zu Spenden für die wegen 'ihrer freiheitlichen Bewegungen Verfolgten- oder erhielt Kunde von solchen Wohltaten, die nicht gerade jedem bekannt werden sollten. Ueber eine ^sehr hübsche Tat Rotschilds aus dem Winter 1847/48, durch die er die drückende Hungersnotzu beseitigen. suchte, berichtet Stoltze in seinem gemütlichen Dialekt folgendes.: „Der Lääb Brot hat 48 Kreutzer gekost und der alte Amschel hatt, damit die Dheuerung die Unbemittelte net gar so schwer dricke sollt, Brotkarte ä 24 Kreuzer ausgewe lasse sor jeden, der derrvo Gebrauch mache wollt, sodaß des Brot sor die Hälft der Tax von jedem Becker zu kriche war. Das hat en allerdings nor e paar mal hunnert tausend Gulde gekost." Durch solche Beziehungen bildete sich ein hübscher persönlicher Umgang: Stoltze war oft Gast des Geldfürsten in seiner schönen Billa in der Bockenheimer Landstraße - und lernte dort manche Berirhmtheiten kennen. Aber er bewahrte vollkommen seine Unabhängigkeit. Als der Bankier ihm anbot, als Journalist in die Dienste des Rotschildschen Hauses zu treten, lehnte der freie Schriftsteller dieses Anerbieten ab, weil eine solche Stellung mehr eine Last als eine Ehre 'gewesen wäre und seiner ganzen Art der Schriftstellerei widerstrebte. Durch solche Offenheit verdarb er es aber mit dem reichen, edeldenkenden Manne nicht. Vielmehr dauerte der harmlose, gemütliche Verkehr zwischen dem Krösus, der den Gast zu schätzen wußte, und dem freien Manne, der sich vor der Macht des Geldes nicht beugte, längere Zeit fort. Ein hübsches Zeugnis für diesen Verkehr und der Gesinnung der beiden in ihrem Besitzstände so verschiedenen Menschen hat uns der Biograph aufbewahrt. Er erzählt: „Rotschild richtete gern seine kurze Spazierfahrt in die Gegend des Röderbergs, wo Stoltze eine kleine Villa bewohnte. Die Aussicht von der Gartenterasse des Dichterheims fand er über die Maßen schön. „Ihr wohnt werklich in e Paradies, Stoltze — glicklich, wer das so hawwe kann." — „No", erwiderte der Dichter, „Sie kenne doch alles hawwe." — „Sin Se merr schtill von alles, in'mei Jahre! Soll ich hier e Park aalege, in der ich nicht mehr spazieren kann? Nei, Stoltze, da genieß ich besser bei Sie derr Landschaft" — „Dhun Se's nur recht oft und noch recht lang". — „Ich willls probirn", gab gut gelaunt der Baron zurück, „awwer mei.Ehrewort kann ich nich drauf gewwe." Beim Abschied, so erzählt uns Stöltzes Sohn, reichte er dem Vater die Hand und sagte: „Stoltze, der Gaarte muß Euer Wern, ich will nicht so oft umsunst hier gesesse hawwe. Wann Se zu merr uff der Zeil komme, redde ''merr driwwer, awwer fange Sie davo aa, ich vergeß es bei meim Atter." Doch der Dichter stellte sich nicht im Büreau auf der Zeil ein. Das schönste Zeugnis aber für die echt humane Gesinnuug Stöltzes, für die menschlich schöne Art, mit der er den Baron, nicht den hochvermögenden Geldfürsten, sondern den glaübenstreuen Juden und den einfachen Menschen, den schlichten Mann, der, so lange er das Glück hatte, seine Mutter zu besitzen, dieser stets ein liebevoller, stets treu sorgender Sohn war, zu ehren wußte, sind die Verse, in denen er den alten Rotschild nach seinem Tode feierte. Sie lauten so: „Den sie prunklos Hauß begraben Auf dem kühlen, stillen Flecke, Und ein Häufchen Erde gaben Daß es seine Blöße-decke.

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