Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sich, ihm die Hand zu reichen; es machte ersichtlich den Eindruck, daß nach Merzbachers Anschauung die seinem Freunde erwiesenen Dienste, gering seien gegenüber den Verdiensten von Nabbinowicz um die Wissenschaft und um die Beschaffung der Büchersammlung seines Mäcens. Merzbacher hat in seinem Testamente die Sammlung seiner Bücher seinem einzigen Sohne Dr. Eugen Merzbacher vermacht und dadurch sie vor . Zersplitterung bewahrt. Das Recht der Benützung hatte er jedoch neben einer schönen Geldrente Nabbinowicz, solange er sich wissenschaftlich, aber in München, beschäftigen würde, vermacht, weil er fürchtete, daß er seinen Wohnsitz nach Jerusalem verlegen und dort der Wissenschaft entfremdet werden könnte. Den Katalog der Bibliothek, mit . dem er seinen Freund einstmalen zum Geburtstage überrascht hat — er war ein kalligraphisches Meisterstück von Nabbinowicz, der im Hebräischen ein merkwürdiger Kalligraph war — hat auch Nabbinowicz verfaßt. Seinen Druck ließ erst nach Merzbächers Tod sein Sohn betätigen, der auch die Bibliothek durch mancherlei Neuanschaffungen bereichert hat. Nach dem Tode von Nabbinowicz, der leider nur zu früh, Chanuka 1888, eintrat, - zeigte es sich aber, daß ein Privatmann die Bibliothek, wenn sie weiter der allgemeinen Benützung durch Gelehrte erhalten bleiben sollte, bei dem großen Umfange derselben nicht behalten konnte, sodaß Merzbachers Sohn kurz vor seinem eigenen Tode die Bibliothek an die Frankfurter Stadtbibliothek abgab, in deren Besitz er die Sammlung, die aus Begeisterung für die Wissenschaft angelegt wurde, der Wissenschaft auch für die fernsten Zeiten erhalten glauben konnte. Merzbacher aber und Nabbinowicz, Nabbinowicz und Merzbacher, einem jeden von ihnen sei in dem stillen weit auseinander liegenden Grab in Wehmut und in Stolz nachgerufen “rtl? UTD?- Ihre Verdienste mögen uns beschirmen. Nachschrift: Der Kundige sieht dieser Beschreibung an/ daß sie nicht von einem Fachmanne geschrieben ist; der Laie soll sich aber nicht ehtbilben, daß diese Aphorismen von einem jüdischen Gelehrten stammen: der diese Mitteilungen zum großen Teile aus dein Munde von Merzbacher und Nabbinowicz hat, teils die Vorgänge mitzuerleben und zu sehen das Glück hatte, will sie nicht mit aus dieser Welt nehmen, während sie diese Zeitung vielleicht der Vergessenheit entreißen dürfte, wenn das Papier, auf welches sie gedruckt wird, auch nur einigermaßen wie das der Bibliothek den Zeiten trotzen wird. Was neulich in einer Zeitung stand, daß Merzbacher seine Bibliothek in der Sukkah aufbewahrt hat, ist selbstverständlich ebenso unrichtig, als daß jene herrliche Bibel einen kostbaren antiken Einband trägt; vielmehr war die Bibliothek viel zu umfangreich und kostbar, um dort aufbewahrt zu werden. Sie befand sich in der Wohnung von Nabbinowicz, in welcher sie die Wände von mehreren Zimmern und insbesondere des Arbeitszimmers von Nabbinowicz bis zu seinem Tode eingenommen hat. Die Bibel hat einen ganz einfachen, etwa 150 Jahre alten Einband. Auch ist Nabbinowicz nicht, wie dort stand, in Kowno, sondern auf einer Reise in Kiew, gestorben und begraben. Nach dem Tode von Nabbinowicz war die Bibliothek Jahre lang in Merzbachers Haus am Maximiliansplatz 4 in München und zum Teile, in . den Räumen des Vereins zur Förderung jüdischer Wissenschaft in der jetzigen Herzog Rudolphstraße untergebracht und möglichst der Benützung der Gelehrten zugänglich gemacht. —t jfrirdrjch Ltoltzr und der altr Nvtlchild. f Von Pros. Ludwig Geiger. 4 em in Norddeutschland wenig bekannten, auch in seinen hochdeutschen Poesien nicht genug gewürdigten Frankfuirter Dichter Friedrich Stoltze (21. November 1816-28. März * 1891) — seine hochdeutschen Gedichte liegen erst in 7. Auflage vor, während seine Frankfurter Gedichte zum Teil schon in i 27. Auflage verbreitet sind — hat seine dankbare Vaterstadt Frankfurt längst ein prunkloses Denkmal errichtet; schlicht und prunklos ist auch ein literarisches Denkmal, das ihm kürzlich; gewidmet würde.') Es ist ein fleißiges Buch, leider ohne j Inhaltsverzeichnis und Register, das freilich seine Doppel- /J aufgabe, die Geschichte eines Menschenlebens und die eines städtischen Gemeindewesens darzulegen, nicht vollständig erfüllt, weil ein derartiger Döppelzweck kaum zu erreichen istaber ein sehr reichhaltiges Material übersichtlich ordnet und den interessanten Stoff mit Geschmack und Liebe darstellt. Als Friedrich Stoltze geboren wurde, wurde in Frankfurt | gerade, man möchte sagen: unter Boernes geistiger Führung, der Kampf für die Gleichstellung der Juden gekäinpst. In den Kreisen, in denen der Knabe aufivuchs, als Sohn eines i übrigens gar nicht aus Frankfurt stammenden Weinwirts, fanden diese Kämpfe kein lautes Echo. Aber seine bewegte Jugend, ' die er zum Teil als Kaufmannslehrling außerhalb Frankfurts / zubrachte, sein reifes Mannesnüd fein Greisenalter führten ihn mit manchen Juden zusammen. Mit vielen lebte er in kammerädschaftlichem. Mit manchen in freundschaftlichem Verkehr. Einige Zeit war einer der bekanntesten jüdischen Aerzte, der allgemein hochgeachtete, selbst dichterisch beanlagte Dr. Schwarzschild, sein Hausarzt. Einem gleichfalls jüdischen ..? Frankfurter Dichter, Michael Bing, widmete er eine ergreifende 4 Totenklage; die lustigen Abenteuer eines später sehr berühmt . ' gewordenen Physiologen jüdischen Ursprungs, Moritz Schiffs, 4 schildert er in einem sehr unterhaltenden' humoristischen Gedicht mit untermischter Erzählung „Die Kapp". Kommen hier und da auch kleine Spöttereien gegen Juden vor, wie „Sichel an der Bank", die Geschichte eines älteren Juden, der; bei einem Tanzmeister mit einem Mal alle Tänze lernen will, so sind sie so harmlos erzählt, daß man etwa Antisemitisches S an ihnen absolut nicht beinerken kann. Auch „Levy und | Rebeckche" ist eine harmlose Anekdote, die kaum dadurch H pointenreicher wird, daß darin von Juden berichtet wird. Andere jüdische Geschichten sind köstliche Genrebilder wie .7 „Brendelche Schnud", deren Beruf darin besteht, sich nach .5 Erlangung eines Honorars von sechs Batzen für andere zu ärgern, und die ihr Geschäft bei zwei Familien, die sie damit J beauftragen, in abgefeimter Weise besorgt. Oder „Mordche Unglück", der freilich in nicht eben sehr redlicher Weise einen Bauer, dem er einen Wagen mit zwei Kühen aus- I geführt hat, um eine ganze Kleiderausstattung bringt und durch seine Frechheit vor dem Richter als Schuldigen 7 darstellt. „Der Prophet Jonas, eine Erinnerung aus den g Schuljahren" ist eine wirkliche Erzählung aus der Schulzeit und . so anmutig erzählt, daß selbst der frömmste Jude nichts dabei | finden würde. Stoltze berichtet nämlich, wie ein Religionslehrer "7 . die Geschichte von Jonas lehrt; ein Schüler weist den Lehrer > ' darauf hin, daß er in der Naturgeschichtsstunde von dem kleinen Schlund des Walfisches berichtet und dargetan habe, ____ 4 l) Friedrich Stoltze und Frankfurt a. M.. Ein Zeit- und Lebensbild von Johannes Proelß. Frankfurt a. M. Neuer Frankfurter ' Verlag. . |