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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-24 · Heft 12 (24.3.1905) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
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138 oft gering geschätzt hatten und kaum vor dem Vermodern zu schützen für nötig fanden: so ist beispielsweise das von Professor David -Kaufmann im Jahre 1896 herausgegebene Gemeinde- -buch von Bamberg aus dem Speicher des Gemeindehauses seiner Heimatsgemeinde Baierdorf in die Sammlung gelangt und dadurch vor dem heute schon sicher sonst eingetretenen Untergange bewahrt worden, während die ebenfalls von Kaufmann herausgegebenen Memoiren der Glückel von Hameln Rabbinowicz durch Kauf in einer Abschrift erworben hat. Auch die zahlreichen Kinder Merzbachers haben ihm wohl nie, ein anderes Geburtstagsgeschenk gegeben als Bücher, die Rabbinowicz irgendwo ausgestöbert hatte, deren Kauf er aber doch nicht seinem Freunde und Gönner zuzumuteu das Herz hatte. So ist beispielsweise ein wundervoller Druck den einstmalen die Frau Doktor Conat in Mantua um - 1476 hergestellt hat, auf. welchem sie sich stolz als die - Frau des Arztes und uns eres Lehrers Conat in Mantua bezeichnet, und schreibt: Dieses Buch habe ich,, die kleine- Estellina, mit Hilfe des Leviten (sein Name ist mir entfallen) geschriebenweil nämlich die hebräische Sprache damals noch kein Wort zur Bezeichnung der neu* erfundenen Buchdruckerkunst hatte, das letzte Geburtstagsgeschenk seiner jüngsten Tochter; und nahezu verklärt vor Freude war der Beschenkte, als er die wenigen Druckbogen, die so wundervoll hergestellt und erhalten waren, daß man nicht einen Druck, sondern ein herrliches, gestern' erst fertig gewordenes Manuskript vor sich zu haben glauben konnte, zum ersten-Mal sah. So ist auch auf eine sonderbare Weife jenes merkwürdige Bibelmanuskript in die Bibliothek gelangt, das nachder Ueberzeugung von Rabbinowicz noch im vorigen .Jahrtausend, also vor mehr als 665 Jahren handschriftlich hergestellt wurde; man denke ein Buch in großem Quartformat, etwa 20 cm dick, geschrieben etwa zur Zeit, als Friedrich II., Babarosfas Enkel, deutscher Kaiser war, wenn nicht noch früher, offenbar das letzte Blatt von derselben Hand, diedas erste hergestellt hatte; nach der mehr als 600 jährigen Tinte sind aber, wohl die Vokale und Accente zu einer viel späteren Zeit geschrieben als die Konsonanten; auf den ersten Blättern befindet sich eine Darstellung von Tempelgeräten und Musikinstrumenten in Goldfarbe; auf den vorangebundenen Pergamentblättern befinden sich vielfach Namen früherer Besitzer. mit Inschriften-, aus denen Rabbinowicz den Schluß auf das Alter des Buches zog. An den Rändern des Manuskriptes befindet sich auch eine miDE die, wenn ich richtig unterrichtet bin, der englische Reverend Ginzburg seinerzeit bei Herausgabe seines großen und wichtiger: Massorawerkes benutzte. . , Eines Tages erzählte Rabbinowicz seinem Freunde Abraham Merzbacher, daß er diese Bibel in Italien bei einem Antiquar namens Foa ausgestöbert habe; Rabbinowicz,. der. damals bereits feine im Laufe der Zeit erworbenen. bibliographischen Kenntniffe auch als Antiquar verwertete, beschrieb diese Bibel eingehend, meinte aber, daß sie, weil sie 500 Francs koste, doch zu teuer sei. Merzbacher aber, der als erfahrener Mann nach der Beschreibung. sofort den unschätzbaren Wert des Buches erkannte, schalt ihn, daß er dieses kostbare. Werk, wie in der. Welt, vielleicht kein zweites. seiner Art gefunden werden könnte, nicht sofort für ihn selbst, erworben habe. Sofort ließ aber Rabbinowicz das kostbare Buch für Merzbachers Kinder zu. seinem herannahenden 70. Geburtstag kommen und so ist durch diesen Schatz die Sammlung bereichert worden. Wie der Reverend Ginzburg. den Merzbacher trotz seiner Flucht, aus dem Judentum als großen Massoretiker anerkannte, das Buch, von dem er gehört hatte, begeistert ansah und eindringlich um die Ueberlassung desselben auf kurze' Zeit-zum Zwecke der Edition der Massora bat, aber nicht für. sich, sondernfür das Britische Museum 200 Pfund für das Buch anbot, entschloß sich Merzbacher, das ihm überhaupt nicht feile Buch, das er allmorgens aus dem feuerfesten Schrank nahm,! um daraus zu. lernen, auf einige-Monate herzugeben, um es darnach wieder beglückt alltäglich aus seinem feuersicheren .Verschluß zum eigenen - Studium zu verwenden. Ginzburg hielt aber das Buch für einen so großen Schatz, daß er das Buch weder selbst sich mitzunehmen getraute, noch der Post oder der Eisenbahn es anvertraute. Infolge seiner Beziehungen zum britischen Museum veranlaßte er> daß der englische Botschaftskurier, der allwöchentlich von Konstantinopel nach London gehtes auf seiner Durchreise in München bei der englischen Gesandtschaft, die das Buch hatte bei Merzbacher holen lassen, mitnahm und ebenso es der englischen Gesandtschaft und von dieser dein Eigentümer nach einigen Monaten zurückgestellt wurde. Des Scherzes halber sei noch erzählt, wie eines Tages' Rabbinowicz das Manuskript des jed (Semag) des Moses aus Couch mib herrlichen Initialen daherbrachte und seinem Freunde und den gerade Anwesenden, worunter sich der Schreiber dieses zu befinden das Glück hatte, erklärte, daß das Buch mit seinen vielleicht 700 Blättern, so dünn wie feines Postpapier, aber andrerseits so kräftig wie das beste Maschinenpäpier, auf Pergament aus Gänsehaut geschrieben sei, daß aber die Kunst der Herstellung dieses Pergamentes verloren gegangen sei, worauf inr Scherz einer der Anwesenden seinem Bedauern über die ihren: regelmäßigen, kulinarischen Berufe und. Zwecke verloren gegangenen. Gänsehäute zum Mißfallen Abraham Merzbachers Ausdruck gab?) . . Was sonst an Schätzen die Sammlung geborgen hat und noch birgt, zu erzählen, sei der gediegenen Feder des' gelehrten Mannes Vorbehalten, der die Schütze zum Leidwesen zahlreicher Freunde der Wissenschaft in "München von dort entführte, um sie jetzt selbst in Frankfurt mit aller Liebe und Sorgsamkeit wie seinen Augapfel zu hüten und nicht nur den Zwecken der Wissenschaft, sondern auch fernsten Zeiten sicher zu. überliefern und zu erhalten: möge er auf seine Mitteilungen nicht mehr zu lange warten lassen. Nach den Worten des seligen Rabbinowicz -sei die Sammlung der Bibliothek an.Rechtsgutachten. eine großartige. Merzbacher, selbst ein Gelehrter und ein Meister des Wortes, ein Mann von bestrickender Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit, von nie rastendem Fleiße, der sich mit seinen: 60. Jahre von: Geschäfte -zurückgezogen hatte und mm seinen wissenschaftlichen Neigungen und aus bestimmten Rücksichten noch einigermaßen dem Münzenhandel sich widmete, betrieb von da ab bis zu seinem Tode noch 13 Jahre eifrig die Bibelkunde; oftmals sah man ihn vom Abendgottesdienfte mit seinem 25 Jahre jüngeren, aber von ihm ob seiner Gelehrsamkeit bei jeder Gelegenheit hochgeehrten .Freunde zu seiner Rechten, diesen angetan mit .schwarzem, fast auf den Boden reichenden Rock und schwarzem. Zyli^^erhut, durch den Hofgarten .nachhause gehen; die vorbeigehenden Kinder hielten den ernsten Rabbinowicz. vielfach trqtz seines langen schwarzen Bartes für. einen katholischen Geistlichen und beeilten *) Von hochge*ehrter Seite werde ich darüber belehrt, daß man niemals aus Gänsehaut Pergament habe inachen können und daß das Buch auf hochfeines, aus Alexandria stammendes Pergament geschrieben sei, Rabbinowicz sich .vielmehr mit uns einen Scherz erlaubt habe; ich glaube aber, daß Rabbinbwicz gutgläubig gewesen und selbst das Opfer eines Scherzes geworden ist.

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