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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-24 · Heft 12 (24.3.1905) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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In Italien sind unsere Glaubensgenossen wirklich in vollen: Umsange des Wortes gleichberechtigt. Und es ist nicht Italiens Schaden. Denn wieviel hat, Italien seit einem Jahrzehnt an innerer Konsolidierung und äußerer Wertung gewonnen. Kehren wir also zu unserem Gegenstände zurück, zu der Anfrage, ob Ercolessi ein Jude ist. Nein — Ercolessi ist kein Jude, und diese Bestätigung lege ich Ihnen bei, im Original und in Uebersetzung, vom italienischen Ministerium selbst. Ich lege Ihnen auch die zweite Antwort bei, die. ich durch Vermittlung des Herrn Giacomo Pincherle erhalten, dem ich hier meinen besten Dank ausspreche. Mögen auch die deutschen Glaubensgenossen bei diesem Anlässe sehen, wie liberale Blätter in Italien für eine gerechte Sache eintreten. Der erste Brief aus dem Ministerium des Innern lautet: Geehrter Herr! „Der Kapitän Ercolessi ist glücklicherweise kein Israelit. Die Fabel, daß er einer sei, rührt von irgend einem elenden Antisemiten her." Im Wortlaut heißt es: „de qualche scelerato antisemita!“ Ein hervorragender italienischer Politiker verbreitet sich in folgendem Schreiben ausführlicher über 'den Gegenstand: Geehrter Herr! Ein Freund in Venedig, der mit den einschlägigen Verhältnissen vertraut ist und von welchem ich Informationen über das Geschwätz, Ercolessi sei ein Jude, erbeten, schreibt: Nicht Ercolessi, sondern seine Frau sollte eine Jüdin sein; aber auch »dies war eine der gewöhnlichen antisemitischen Lügen. Aus diese törichte Erfindung hat Lucio d'Ambra im „Giorno" von Neapel in einem Aufsatz: „Die Hebräerin wider Willen" sehr scharf geantwortet. Es geht daraus herror, daß die mitschuldige Frau des Kapitäns Ercolessi Giulelmina heißt. Dieser Name klang den Antisemiten aber zu katholisch — sie mußte deshalb mindestens Esther oder Sarah heißen. Der italienische Snobismis, der alles Französische nachäffe, habe sich auch eine kleine Drehfusaffäre zurechtmachen wollen. Dieses ist aber mißglückt, da sowohl Ercolessi wie seine Frau gutkatholischer Herkunft find! ' Lur Gekchichtr der kibUotkeca iVterrbscberlana Nonacen8l8. Jahre 1903 erfuhr die Frankfurter Stadtbibliothek durch die Einverleibung der Büchersammlung weiland Abraham Merzbachers in München eine solche Bereicherung an Judaicis, wie sie in der ganzen Welt nicht oft, vielleicht überhaupt nicht wieder zu finden gewesen wäre. Freunde jüdischer Gelehrsamkeit wird es vielleicht interessieren) nachdem während der jetzt 20 Jahre seit dem Tode Abraham Merzbachers, geboren in Baiersdorf 1812, gestorben in München 1885, bald eine neue Generation herankommt. Einiges über die Entstehung dieser Büchersammlung noch zu vernehmen. Es muß Mitte des vorigen Jahrhunderts, der 60 er Jahre, gewesen sein, als zum Zwecke der Hebung der in der Münchener Staatsbibliothek befindlichen Schätze jüdischer Wissenschaft mit einer warmen Empfehlung Jellineks der Russe Raphael Nathan Rabbinowicz zu Abraham Merzbacher, dem einstigen Rabbinatskandidaten, nach München kam. Abraham Merzbacher, der erfolgreich seinen Beruf als Münzenhändler und Mitinhaber eines Bankgeschäftes, das heute noch in München vielleicht als das allerälteste Bankgeschäft unter der Firma I. N. Oberndörffer besteht, bekleidete, der zum Schrecken eines seiner Gesellschafter, wenn ihm sein heiliger Beruf als beispielsweise rief, das Bankgeschäft Bankgeschäft sein ließwird kaum neben seinen Berufsarbeiten und neben der pünktlichen Erfüllung aller religiösen Pflichten, der Sorge für die GemeindeäNgelegenheiten und Wohltätigkeitsanstalten damals, trotz seiner glühenden Begeisterung für jüdische Wissenschaft viel Zeit zu wissenschaftlicher Tätigkeit gefunden haben; sofort ergriff er mit Eifer die Gelegenheit, der jüdischen Wissenschaft zu dienen durch Unterstützung von Rabbinowicz, in dem er bald einen phänomenalen Gelehrten erkannt hatte. Rabbinowicz, welcher mit seinem fünfzehnbändigenl) leider nicht vollendetem Werke O'HSID 'pHp*! (variae lectiones in Mischnam et in Talmud Babylonicum)' hauptsächlich das in der Staatsbibliothek befindliche alte Talmudmanuskript ' von 5403 herausgab, mußte zur ruhigen ' Arbeit die Schätze der Münchener Staatsbibliothek ins Haus bekommen, die er trotz Üller seiner Gelehrsamkeit nie dorthin bekommen '"hätte, wenn er nicht einen angesehenen Bürgen, der für jeden Schaden der Staatsbibliothek haftete, hätte stellen können. Merzbachers Gesellschafter, Samson Oberndörffer, der Onkel von Merzbachers Ehefrau Nanny, derselbige, der ' oftmals gejammert hatte: Ein Bankier und ein wie verträgt sich das? erschrak auch nicht wenig, wie er für den fremden blutarmen Polen Merzbacher bei der Staatsbibliothek Bürgschaft leistete und suchte den darüber lächelnden 'Merzbacher durch Vorstellungen, daß er so viel Geld nicht habe, als er da könnte bezahlen müssen, davon abzuhalten. In der Vorrede des 1. Bandes seines Werkes wie im 15. Band * hat Rabbinowicz seinem Gönner, Wohltäter und nachmaligen eifrigen Freunde Abraham Merzbacher ein Denkmal gesetzt; Herrn im Anfang wird, wie Rabbinowiz dort erzählt, Merzbacher sich nicht nur wie später bei allen Bänden auf die Bezahlung der Druckkosten des Buches beschränken dürfen, sondern auch sonst seinem Schützling unter die Arme haben greifen müssen. Während seiner Arbeit stellte sich aber heraus, daß Rabbinowicz mit den Schätzen der Staatsbibliothek allein nicht ausreichen werde. Merzbächer, welcher im Anfang wohl nicht zu. viel an Büchern gehabt haben wird, außer denen, die er zu seinem eigenen einstigen Studium brauchte, schaffte nun ohne viel Rücksicht auf die Kosten an, was Rabbinowicz eben alles brauchte. Die Zeitgenossen erinnern sich wohl nochdaß, wenn Rabbinowicz einen Band glücklich fertig und zum Druck gebracht hatte, er nicht etwa abwartete, bis ihm im Buchhandel die Exemplare bestellt wurden, sondern daß er, der große Gelehrte, der aber eine kindliche Freude am Reisen und am Eisenbahnfähren Hatte, mit seinen grün, broschierten Büchern auf die Wanderschaft ging und sie in derganzen Welt, wo man Sinn für die jüdische Wissenschaft hatte, bei reichen Freunden dieser Wissenschaft und bei minder mit Glücksgütern gesegneten jüdischen Gelehrten verbreitete. Nichts lag näher, als daß er bei seinen, von seinen Freunden paßhafter Weise als Kunstreisen bezeichn eten Fahrten durch ganz Deutschland, durch Rußland, insbesondere aber durch Italien alle möglichen Bücherschätze zu sehen und zu würdigen bekam, sodaß ihn Merzbacher oft als den größten' jüdischen Bibliographen bezeichnete. Was er aber an solchen Bücherschätzen sah, das trüg er in der Regel, soweit es zu annehmbaren Preisen käuflich war, auf Kosten seines Mäcens mit nach Hause und so erwarb dieser nach und nach eine in ihrer Art wohl einzige Büchersammlung und gewann eine solche Freude an derselben, daß er schließlich von seinen zahlreichen Freunden ebenfalls zu seiner Sammlung zugewendet bekam, was diese . ü Ein sechzehnter Band, von R. teilweise vorbereitet, wurde . yach seinem Tode von Dr. Heinrich Ehrentreu herausgegeben.

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