Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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r- Pioniere jüdischer Kolonisation. Ätichts mit sich bringend - wie den - Willen als freie Menschen, ohne Verletzung ihrer Ueberzeugung, ohne Verleugnung ihrer Stammeseigenschaften, durch ihrer redlichen Hände Arbeit allein sich und ihren Familien eine neue Existenz-zu gründen in dem Lande der Zukunft, Argentinien. Neues Land, neue Verhältnisse, neue Arbeit. Schwere Jahre hatten sie durchzumachen, und bittere Enttäuschungen zu erfahren. ■ zu sehen, das hier mit Hilfe und Organisation der »7. 6 A. entstanden' ist. Zirka 500 jüdische Familien haben hier im Laufe der Jahre eine Kolonie, zur Blüte gebracht, die in keiner Weise denjenigen ihrer nichtsemitischen Brüder nachsteht. Ausgedehnte Weizenfelder, Leinanpflanzungen, Kleegefilde, Viehzucht zeigen, daß die Einzelleistungen jüdischer Kolonisten wahrhaft großartig sind. Um den Sitz der Zentrale ihrer Administration; die in Mosesville selbst ist, in einer Entfernung von etwa 7 öder 8 Kilometer beginnend, sind die Kolonien gruppenweise angesiedeld Zu jeder Gruppe gehören vier Haushaltungen; jede Gruppe ist ein Kilometer von der andern entfernt. Kleine, aber nette Häuschen, umgeben von einem kleinen Gemüsegarten, hie und da auch schattige Baumanlagen zeigen, daß die Bewohner Hand in Hand mit der Gesellschaft bemüht waren, und es zu Stande gebracht haben, hierein gemütliches Heim aufzuschlagen. Die Gesellschaft selbst hat die alten Lehmhäuschen, die seiner Zeit die Kolonisten erbaut hattennun fast überall durch Ziegelsteinhäuschen ersetzt, und diese wiederum sind von den wohlhabenderen Kolonisten, von deren eigenem Gelde vergrößert worden. Schulen und Bethäuser sind eingerichtet, die für die geistige Erziehung der Jungen und Alten sorgen sollen, und auch recht gut besucht werden. Ja, die Zentralstation hat eiize Synagoge, so prächtig ausgestattet, daß Buenos Aires sich einer solchen nicht zu schämen brauchte. Mosesville-Zentral zählt gegen 100 selbständige, auf eigenem. Grund und Boden etablierte jüdische Familien, die sich teils, aus Geschästsleüten, teils aus Gewerbetreibenden rekrutieren und Dank der günstigen Lage von deren umgebenden jüdischen und christlichen Kolonien.ihren bescheidenen Lebensunterhalt finden. Verschiedentlich hat die -7. C. Ä. versucht, um in ihrer Mitte keine Privcrteigentümer zu haben, deren Besitzungen anzukaufen, was ihr aber bis jetzt noch nicht gelungen ist und voraussichtlich auch nicht gelingen kann. Die selbständigen Kolonisten haben ein? Gemeinde. Auch haben sie mit Unterstützung der Gesellschaft es dahin gebracht, daß , binnen kurzem das neu errichtete-Hospital so gut ausgestattet sein wird, daß es sicherlich, ein Musterinstitut sein dürfte. Verschiedene Vereine haben sich gebildet, darunter einer zur Unterstützung jüdischer Emigranten, ein anderer, um in momentaner Not durch Darlehen bis zu 100 Dollar gegen gute Garantie seinen Mitgliedern zu helfen. Die Kolonistenbevölkerung, die in innigem Frieden, unter strenger Beachtung unserer religiös-sittlichen Vorschriften lebt, setzt sich aus ca. 200 alten Kolonisten, d. h. aus solchen, die schon zwischen 10 und 14 Jahren dort ansässig sind, und aus etwa 300 jüngeren Landwirten zusammen. Die ersteren, meistens Bessarabier und Russisch- Polen, die, obwohl sie eigentlich nur wenig jüdisches Wissen besitzen, dennoch diejenigen sind, die am zähesten an den ihnen traditionell eingeimpften Tugendlehren festhalten. Von den letzteren, die nun seit etwa drei Jahren hier wohnen, sind ungefähr 250 Littauer und 50 Rumänen. Was die Littauer anbetrifft, so dürfte' es weder in Santa Fe noch in Entre Nios bessere Landarbeiter geben; auch an Intelligenz sind sie ihren Bernfsgenoffen bei weitem überlegen. Von Hause aus arm, an Entbehrungen gewöhnt, finden sie sich leichter mit den Strapazen zurecht, die ihre neue Lage unvermeidlich mit sich bringt, als die Rumänen, die, bevor - sie das mit allen Naturgaben ausgestattete Land an der Unterdonau verlassen mußten, bessere Tage gesehen hatten, aber zurzeit die ärmsten aller Kolonisten sind. Dies einsehend, hatte auch die 7. G. A. den letzteren einen monatlichen Vorschuß bewilligt, ebenso wie sie es s. Z. den alten Kolonisten gewährte, die mit den ersten Transporten herausgekommen, gezwungen waren, eine lange Zeit von den Unterstützungen der 7 C. A. leben zu müssen, bis daß sie mit der Landarbeit beginnen konnten. Jene gemachten Vorschüsse sind heute die indirekte Veranlassung zu den gespannten Beziehungen zwischen der Administration und den Kolonisten, was auch viel dazu beigetragen hat, daßwiederholentlich solche, teils freiwillig, teils gezwungen die Kolonie verließen, wovon mehrere ihrer ehemaligen Häuschen, die gegenwärtig von Gautsches bewohnt werden, Zeugnis ablegen. j Ich beabsichtige binnen kurzem auch die anderen Kolonien zu < besuchen und werde Ihnen dann wieder einen Bericht zukommen — S lassen. ' ■ l _ _ . ’ '' I Soweit der Bericht des Herrn Rabbiners Dr. Hoffmann. Wir hoffen zuversichtlich, daß die Veröffentlichung desselben dazu beitragen wird, daß die Wünsche der Kolonisten seitens der 7. C. A., soweit sie berechtigt und erfüllbar sind, die verdiente Beachtung finden werden. v ■ ■ - ■■"■■■■■.' I Itsiirmlchw Verräter? Von Dr. U. Brett h o lz-Triest. / uf verschiedene Anfragen, ob die Nachricht des Wiener .-Deutschen Volksblatts", die auch in deutsche Blätter' j übergegangen, daß der Hauptmann Ercolessi ein Jude sei, ) guf I Wahrheit beruhe, kann ich folgendes erwidern: Das „Deutsche i Volksbtatt" und dessen „Quelle" „Eclair" schienen mir gleich sehr verdächtig zu sein; gleichwohl habe ich die Sache verfolgt und j kann nun mit ruhigem'Gewissen die Antwort erteilen: Es ist | wieder einmal eine jener Unwahrheiten, die von unfern Gegnern! erfunden und dann in die Welt gesetzt worden. Schließlich hätte es sich ja aber auch fügen können, daß ausnahmsweise auch einmal ein Jude ein Verräter sei. Ich glaube aber, ohne-unreine Uebertreibung zu schulden kommen zu lassen, - sagen zu dürfen- Der italienische Jude ist der beste Patriot- ' den es in Europa geben kann! Und. dies. mit vollem Rechte. J Wo gibt es noch einen Staat, der das Kriegsportefeuille einem . Juden anvertraut? Ein jüdischer Kriegsminister! — In allen ii anderen europäischen Ländern wäre schon der Gedanke selbst' f{ ein Wahngebilde. Und ein jüdischer Finanzminister? ^ein \\ jüdischer Unterstaatssekretär im Kultusministerium (Rava), Generäle — hohe, die höchsten Beamtenstellen von Juöen besetzt? Wer dürfte in Deutschland oder in Oesterreich etwa auf den Gedanken kommen, so was auch nur zu beanspruchen? Und in einem solchen Lande, das Juden in allem als gleichberechtigte Bürger im vollen Sinne des Wortes betrachtet und behandelt,, sollte ein Jude sich so weit vergessen und dieses Vaterland verraten? Wer die jüdische Gesinnung kennt, wem jüdisches Fühlen und Denken nicht fremd ist, der müßte ja von vornherein den Gedanken, einem jüdischen Offizier Verrat nur zuzumutem, überhaupt ausschließen — einem italienischen jüdischen Offizier aber vollends! ’ \ Ich. habe unlängst von einem einflußreichen, hochgestellten, j durch und durch jüdisch gesinnten Manne einen Brief' erhalten, | dessen Inhalt ich in kurzen Worten wiedergebe. j Italien sei für die Juden das gelobte Land, da sie alle 1 Rechte besitzen, dieses Vaterland mit allen ihren Fasern lieben | und bereit sind, für ihren geliebten König Gut und Blut zu % opfern. J Wäre dies Schreiben in poetischer Sprache abgefaßt, würde man da nicht Jehuda ben Salomo Alcharisi hören, der seinerzeit (1170—1235) mit warmer Glut sein Vaterland Spanien so gepriesen hat? 1) Ercolossi ist des Hochverrats angeklagt und. in Messina verhaftet worden. Auf demselben Niveau steht auch die antisemitische Mitteilung aus Triest.- In die Bombenaffare seien lauter Juden verwickelt. Der Prozeß ist ja in Wien gewiß mit aller Strenge und Gewissenhaftigkeit durchgesührt worden. Ist auch nur ein einziger Jude unter Anklage gestellt worden? Nein!