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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-24 · Heft 12 (24.3.1905) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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Einigung erzielt worden. Die Juden kommen in dem neuen Gesetzentwürfe sehr gut weg. Sie werden das Recht behalten, sich zu vereinigen und eine zentrale Kommission unter einem gewählten Oberhaupte zu schaffen. Ursprünglich wurde nämlich beabsichtigt, den religiösen Gemeinden zu verbieten, mit den andern in Verbindung zu treten. Nach dem abgeänderten Gesetzentwürfe werden die Juden, ihr Zentral-Konsistorium beibehalten dürfen, welches das Recht haben wird, die einzelnen Gemeinden vor den Behörden sowie vor den Gerichten zu vertreten. Ferner dürfen reichere jüdische Gemeinden von. ihrem Ueberflns; den ärmeren Gemeinden abgeben. Das Pensionsrecht für Rabbiner und Gemeindebeamten tritt bereits mit dem 25. Dienstjahre und nicht, wie ursprünglich beabsichtigt war, mit dem 30. Jahre in Kraft. Sehr wichtig ist die Frage über das Eigentumsrecht der Gemeinden an ihren. Synagogen. Nach dem Beschluß der Kommission gehören alle durch Subskriptionen der Gemeindemitglieder errichteten Synagogen nicht mehr den Gemeinden als Eigentum, sondern dürfen von ihnen nur" mietsweise benutzt werden. Auch ist es fraglich^ ob die jüdische Zentrale das Recht beibehalten wird, Legate und' Geschenke anzunehmen und unter die einzelnen Gemeinden zu verteilen. Es ist jedoch zu hoffen, daß die Kammer einzelne Härten des Gesetzes noch mildern wird. Die Beratung des Gesetzes im Plenum beginnt am E d. Mts. Die Annahme desselben ist so gut wie sicher. Die Meldungen der Tagesblätter aus Rußland sind diesmal nicht recht verständlich. Es heißt in . denselben, daß die Vereinigung „der polnischen, jüdischen und russischen Mittelparteien" zur Tatsache geworden seien. Das alleinige gemeinsame Ziel soll die Verfassung sein. Die Regierung scheine die Bedeutung dieses Ereignisses zu unterschätzen, doch könne mit Bestimmtheit behauptet werden, daß einzig .die Beendigung des Krieges den für April und Mai bevorstehenden Aufstand hintanzuhalten geeignet wäre. Um welche „Mittelparteien" es sich hier handelt, wird aber nicht, gesagt. Dagegen wird die Uebersetzung folgender von 6050 Juden unterschriebenen Petition an die russische Regierung veröffentlicht: »In gegenwärtiger Zeit, die von allen das russische Staatsleben betreffenden Fragen widerhallt, soll auch die Judenfrage in ihrer Gänze zum erstenmal nach langen Jahren auf das Arbeitsprogramm der Gesetzgeber gestellt werden. Es ist richtig, die Judensrage ist auch in der vergangenen Zeit durchaus nicht vergessen worden. Man hat sie sogar beharrlich auf dem ersten Plan erhalten, indem man die Juden im Leben der grausamsten Verfolgung, in der administrativen Gepstogenheit der ununterbrochenen Erniedrigung und in der Gesetzgebung allseitiger Beschränkung aussetzte. Man hat sich der Juden als Blitzableiter füralle Leiden des Volks bedient, und man bemühte sich, die durch allgemeine Mißwirtschaft hervorgerusene Unzufriedenheit auf sie abzuwälzen. Den Juden wurde, der Weg zur Bildung verlegt, man hat sie von allen gesellschaftlichen und staatlichen Beamtenstellungen ausgeschlossen und man beschränkt sie in der Wahl ihrer Beschäftigung und des Wohnorts. Die gewaltige Mehrzahl der jüdischen Masse hat man in die übervölkerten Städte und Städtchen des Ansiedlungsrayons eingepfercht, wo sie die Aussicht haben, durch Hunger oder Krankheit umzukommen. Dasjenige, was bei anderen Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit und des Besitztums genannt wird, hat sich für die Juden zur normalen Daseinsbedingung entfaltet. Und wie in wirtschaftlicher Beziehung die Muffe zur Verarmung geführt'wurde, während die privilegierten Gruppen sich alle um ihr Fortkommen sorgten, so wurden die Juden moralisch entehrt und gebrandmarkt, so. bemühte man sich, ihre Seele durch Rechtlosigkeit und durch Schimpf der. Ohnmachtherabzuziehen. Es gibt keinen freien Schritt, den der Jude ohne Gefahr tun könnte, es'gibt kein Winkelchen seines Daseins, auf dem nicht der Alp der Willkür lastet, mit Rot und Verbitterung auch dasjenige vergiftend, was noch ein Leben genannt wird. ' Jetzt schickt man sich an, die uns betreffenden Willkürbestimmüngen " durchzusehen und äußerlich in einzelnen Teilen zu verändern. Wir wollen die Ergebnisse dieser Durchsicht 'nicht Voraussagen; außer durch eine grundsätzliche Aenderung der Staatsform Rußlands können wir aus Befriedigung unserer -Forderungen nicht rechnen. Nichtsdestoweniger halten wir es für unsere Pflicht, in dieser Zeit der offenen Aussprache.aller Wünsche seitens der Gesellschaft-laut und unzweideutig unsere Ansicht über unsere Lage als Juden zum Ausdruck zu bringen >und unsere- Wünsche auszusprechen und zu begründen. Wir tun daher kund, daß wir alle Versuche, die jüdische - Bevölkerung durch irgendwelche teilweise Zugeständnisse zu befriedigen und zu beruhigen, für unfruchtbar halten. Wir^ erwarten Gleichberechtigung vor dem Gesetz. Aber wir erwarten diese Gleichberechtigung nicht deshalb, weil die Juden danach den anderen Teilen der Bevölkerung Nutzen bringen könnten oder weil die Bewilligung der Gleichberechtigung zur Hebung des Wohlstandes irgend jemandes beitragen würde; wir wünschen sie auch nicht als Entgelt etwa dafür, daß unsere Brüder auf den Gefilden der Mandschurei ihr- Blut vergießen, wie sie es auch in früheren Kriegen vergossen haben; unsere Wünsche fußen auch nicht aus der historischen Tatsache, daß wir seit. Jahrhunderten in dem Gebiete leben, das jetzt zum Bestände desrussischen Reiches gehört. Wir fordern Gleichheit vor dem Gesetz als Menschen, in denen ungeachtet aller Nebenumstände das Gefühl des Stolzes lebendig ist, als bewußte Bürger des heutigen Staates. Wir verlangen die Vernichtung aller uns bedrückenden Beschränkungen im Namen der einfachen Menschenwürde, im Namen der Grundlage jeder kulturellen Gesetzmäßigkeit. Wir lassen ferner wissen, daß wir auch eine allmähliche Aufhebung der Beschränkungen als nicht genügend erachten. Dasjenige; was wir verlangen, stellt keine Sunune von Vergünstigungen dar und kann daher nicht in Portionen verteilt werden. Nicht von Erleichterungen unseres Daseins ist die Rede, es handelt sich-um Gleichberechtigung. um ungeschmälerte Gleichberechtigung. : Wir erwarten die Gleichstellung unserer Rechte, mit denen des russischen Volkes; dann werden wir gemeinsam mit allen Völkerschaften in Rußland unser Geschick bestimmen, in freier Entwicklung - unserer Kräfte zum Heile des Vaterlandes und der Menschheit. Wir betrachten die Gleichstellung nicht; als einen Beweis der Gnade oder Großherzigkeit und selbst nichtals eine politische. Abrechnung, sondern einzig als einen Akt der Ehre und Wahrhaftigkeit." Gezeichnet ist diese Petition von 6050 Personen aus 22 russischen Städten. Wer die Verhältnisse im Ansiedlungsrähou kennt, weiß, daß in den obigen Ausführungen keine Uebertreibung liegt. Aber die ganze Sache ist dadurch hinfällig, daß Witte, dem die Petition überreicht wurde, bereits kaltgestellt ist. * Die europäische Presse hat sich eine geraume Zeit mit den Vorgängen in den argentinischen .Kolonien beschäftigt. Wir geben deshalb mit Vergnügeneiner Zuschrift des Herrn Rabbiners Dr. A. Hoffmann in Buenos Ahres Raum, der es als seine Seelsorgepflicht erachtete, sich persönlich nach Mosesville zu begeben, um an Ort und Stelle die Sachlage zu studieren. Herr Dr. Hoffmann sendet uns nun darüber folgenden Bericht: Mosesville, die Stammkolonie der J. G. A., kann mit Recht als Musterschöpfung sozial-ökonomischen Unternehmens bezeichnet werden. Hier können wir so recht sehen, was der eiserne Wille, den zu stählen die jüdische Religion als Mittel zu ihrem heiligen Zweck sich vor allen! zur Aufgabe macht, fertig bringen kann . . . . Vertrieben aus dem Lande der Dunkelmänner, wo noch gegenwärtig jenes mittelalterliche Losungswort, „dex Jude wird verbrannt" die Staaisparole ist, kamen sie vor mehr denn ein Jahrzehnt herüber, die ersten

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