Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
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134 das sich durch die Jahrhunderte rein gehalten hat, und daß dagegen diese so hochgeborenen Lords doch zumeist Abkömmlinge von geadelten Höflingen, einstigen normanischen Seeräubern u. -dergl. wären. Es -ist bekannt, wie dieser englische Premierminister auch später als Lord Beaconsfield stets das Judentum hochgehalten und ihm dereinst eine' glänzende? Zukunft prophezeit hat. Von unseren Getauften hierzulande aber haben wir nirgends Nutzen und eher eine Schürung des unausrottbaren „Rischuß" zu erwarten; ist doch z. B. durch Busch bekannt, daß Bismarck getauften Juden, mit denen er zu tun hatte, eine starke Abneigung widmete, ob sie auch gesellschaftlich noch so hoch, emporgeklettert waren. Noch sind ja leider Recht und Freiheit' in dem jungen deutschen Staatenbund nicht so sehr aller Orten festgewurzelt, als daß wir nicht besorgt auf das Benehmen auch' der getauften Juden nicht nur in den-Parlamenten sondern auch in ihren Aemtern- und sonst zu achten hätten. Traurig, daß es so ist, aber es ill zurzeit leider noch so. Hat' ja selbst der frühere Präsident des Reichsgerichts, Simson, einem ihn um seine Mitwirkung angehenden Mitgliede des Komitees für die verfolgten russischen Juden scharf abweisend geantwortet: „Mein Name darf gar nicht mit dieser Sache im- Zusammenhang genannt werden." Die als Spende angebotenen Goldstücke wies darauf das jüdische Komiteemitglied mit Recht zurück. Aus dem gesellschaftlichen Ausschluß unsererseits werden sich diese oft hochstehenden Konvertiten wohl wenig machen,, aber sie sollen doch bei solchen Vorkommnissen im Parlament und auch bei gelegentlichen Begegnungen mit den Söhnen des alten Bundes sehen, daß wir noch Manns genug sind, die Fahne, bei der wir treu ausgehalten haben, selbst zu schützen. Und so sei denn dieses traurige Kapitel — traurig auch für die Konvertiten selbst, die stets noch , bei Kind und Kindeskindern mit , dem Mißtrauen zu rechnen haben, das ihnen von oben und unten entgegengebracht wird — .wenigstens. mit einem Lichtpunkte auf unserer Seite beschlossen. Mit ruhiger Würde hat im Landtage jüngst der freisinnige Abgeordnete Justizrat Cassel, als der Abgeordnete von Zedlitz, den er mit Bileam verglich, über seine nahe Stellung zum alten Testament spöttelte, diesem Führer der Konservativen geantwortet: „Mir liegen solche Zitate nach Abstammung und Glauben sehr nahe, und darauf bin ich stolz!" Endlich ein offenes Wort, das namentlich allen jüdischen Parlamentariern ins Gedächtnis gerufen werden sollte, die da glauben, die Politik verlange, daß sie sich nicht als Juden im Parlament zu erkennen geben. Müssen wir ja doch sters die Zeche bezahlen! Hierin hat selbst die Aera Lasker-Bamberger gesündigt, und aus jener Zeit stammt das uns oft entgegengeschleuderte Wort von der Judenschutztruppe. Schade, daß der Abgeordnete Cassel noch nicht im deutschen Reichstage sitzt, um auch dort offen und mutig und scharf den immer zahlreicher werdenden und jüngst ganz ohne Rüge gebliebenen Schmähungen auf das Judentum energisch entgegenzutreten. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 18. d. M. hat er in einer Rede, wie sie selten noch ein jüdischer Abgeordneter gehalten, die Frage der systematischen Zurücksetzung von jüdischen Richtern bei der Beförderung in höhere Aemter von neuem, und zwar mit geradezu schlagenden Argumenten behandelt. Er erklärte von vornherein, daß weder er, noch einer seiner Freunde die Prägorative der Krone bei der Beförderung von Richtern in höhere Stellen bestreiten, wies aber nach, daß das Recht der Krone in den allgemeinen Gesetzen und der Verfassung seine Grenzen habe, daß die Krone aber gär nicht selbständig die einzelnen Beförderungen vornehmen-könne, sondern, wie es in der Natur der Sache liege, Vorschläge über die Beförderung seitens des Justizministers entgegennehme. Aber gerade die systematische Zurücksetzung der jüdischen Richter bei seinen Vorschlägen zur Beförderung . sei dem Jüstizminister zum Vorwurf ' zu machen. In der. weiteren. Debatte wurde von keiner Seite aus diese Frage zurückgegriffen. Die konservativrklerikale Mehrheit schnitt sogar durch einen Schlußantrag dem Abgeordneten Werner das Wort ab, der vielleicht in seinem antisemitischen Drange gegen den freisinnigen Redner zu polemisieren versucht hätte, und, wie die Tinge im Abgeordnetenhause liegen, muß' das schon als ein gewisser Erfolg angesehen werden. Es erscheint sogar nicht ausgeschlossen, wie ein freisinniges Blatt meldet, daß die Frage demnächst wieder einmal, aber auf breiterer Grundlage erörtert wird, wobei dann die freisinnigen Parteien in der Auffassung, daß hier eine Verletzung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung vorliege, nicht allein stehen dürften. *&mr Bit Wache. Berlin, 22. . März, m Reichstag und in den Kommissionen gab es auch in dieser Woche mancherlei interessanten Stoff zu Betrachtungen aller Art. Zunächst interessierten uns natürlich die Kommissionsberatungen über den Toleranzantrag des Zentrums. Obwohl die Juden bisher fast gar nicht erwähnt wurden, geht uns doch die Sache so gut an wie alle anderen religiösen Bekenntnisse. Die Einzelheiten der Debatte kann man aus den.Tagesblättern entnehmen. Daraus ist auch zu ersehen, daß für unsere öffentlich-rechtlichen Verhältnisse der ganze Antrag, soweit sich jetzt übersehen kaum irgendwelche Aenderung, geschweige denn einen Fortschritt zum Besseren bedeuten würde. Ist es doch charakteristisch für die ganze Frage, wie ein protestantischer Geistlicher im „Berliner Tageblatt" an der Hand der Berichte über die Verhandlungen ausführte, daß' der wichtigste Absatz aus der preußischen Verfassung, die Gleichberechtigung aller Bekenntnisse, aus dem Toleranzantrag absichtlich ausgeschieden worden ist. Sonst hat die Woche wenig Bemerkenswertes gebracht. Die Verhandlungen über das Auswanderungswesen und die Kontrollstationen sind allerdings auch für uns wichtig. Aber nach dem Ton der Anfrage war ein anderes Resultat dieser Debatte kaum zu erwarten. Es bleibt eben alles beim Alten. Nur die Modalitäten für die einzelnen Auswanderer werden noch verschärft — selbstverständlich bloß in sanitätspolizeilichem Interesse. Es ist schade, daß die Klage über diese Zustände gerade von einer Seite geführt wurde, die alles so grell, wie möglich darstellt und mit vehementen Angriffen auf die Regierung ausstattet. Vielleicht wäre eine Aenderung der Verhältnisse oder doch eine Milderung der Bedingrmgen zu erreichen gewesen, wenn Abgeordnete anderer Parteien sich der Sache angenommen hätten. Leider ist dies nicht der Fäll gewesen. Wenn man übrigens die niedliche Denunziation gelesen, die die Kreuzzeitung sich jüngst gegen den Hilfsverein der deutschen Juden geleistet hat, den sie einer „gewissen Aufsicht" unterstellen möchte, weil er ein Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten errichten will, so wird man dies Schweigen und vieles andere begreiflich finden. Nach dem Bericht der parlamentarischen Kommission zur Beratung über die Trennung des Staats von der Kirche in Frankreich ist zwischen Regierung und Kommission eine volle