Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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\ 69. Jahrgang. No. 12. Berlin, 24. März 1905. Gin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljähri. 2 M. Redakteur: Gustav rrkarpele». Begründet von Rabbiner Ludwig Philippfon. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richte». Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Aus dm Osrismkntm. _ * Berlin, 22. März, t^^charfe und durchaus ungerechte Worte sind in der letzten '—* Zeit im Deutschen Reichstag gegen die Juden gefallen, ohne daß ein irgendwie erheblicher oder nennenswerter Widerspruch sich dagegen erhoben hätte. Als aber ein sozialdemokratischer Abgeordneter einem getauften Juden am Sonnabend im Deutschen Reichstag znrief: „Wer seinen Glauben wechselt wie ein schmutziges Hemd . . . ." wurde. er von dem Präsidenten sofort zur Ordnung gerufen. Der Abgeordnete Böckler durfte dagegen ungehindert die „Berliner Juden" maßlos beschimpfen und fand noch wiehernden Beifall bei der Junkerpartei, als er höhnisch fragte: „Sind denn 10 000 deutsche oder Berliner Juden soviel wert wie 10 000 Landbaner?" Da im Parlament hierauf keine Antwort erfolgte, wollen wir an dieser Stelle darauf antworten, daß 10 000 Landbauer für die -Kultur und den Fortschritt Deutschlands lange nicht die Bedeutung haben wie 10 000 intelligente deutsche Juden, weil sich kräftige Fäuste zur Bebauung des Bodens überall finden lassen, lvie die starke Auswanderung von Bauern nach Brasilen, nach Nordamerika, nach Afrika und allen deutschen Kolonien beweist, daß aber 10 000 in Deutschlands Industrie und Bildung wirkende, geistig rege, betriebsame Köpfe nicht so rasch aus dem Boden zu stampsen, wenn überhaupt zu ersetzen sind. Was aber aus einem Staat wird, der sich lediglich auf die Bauern stützen will, sehen wir jetzt deutlich an Rußland. Auch das Gerede, daß militärische! Erfolge besser als durch Betriebsamkeit und Kultur des Geistes! durch kräftige Bauern garantiert werden, hat in den letzten z Wochen erst seine richtige Beleuchtung erfahren, da die j russischen Muschiks und die kraftvollen Söhne der Steppe vor j den in modernem Geiste geführten Japanern auf den Schlachtfeldern ausgerissen sind wie Hasen. Mit demselben öden Ueberhebungsgeist, mit dem sich die jetzt bei uns das große Wort als Politiker führenden Antisemiten über die Juden, als angeblich inferiore Rasse erhaben fühlen, hat noch vor kurzem auch der Moskowiter geglaubt, gar schnell mit den „gelben Affen" fertig zu werden, aber es kam anders, denn nicht durch die Stärke und Gewalt siegt der Mann, sondern durch Geist. „Mit Mann und Roß und Wagen — hat sie der Herr geschlagen." Es gibt ein sittliches Weltgericht für die Völker! Was nun die öffentliche Charakterisierung des obengenannten getauften Abgeordneten im Parlament anbelangt, so wäre es ja an sich interessant, daß in einer.Zeit, in der der offizielle Staat durch Bevorzugung der getauften Juden eine Prämie auf die Charakterlosigkeit setzt, im Parlament von der Tribüne herab dem Renegatentum ein Mißtrauensvotum ausgesprochen wird — aber es müßten eben andere Leute sein, die diesen Vorwurf erheben. Mit Recht bemerkt die „Freie deutsche Presse hierzu: „Sonderbar, höchst sonderbar! Die Herren hatten wohl in jenem Augenblick vergessen, daß für ihre Partei „Religion Privatsache" ist und daß nicht weniger als 43 Mitglieder — also weit über 50 v. H. der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstags — der Religion ihrer Väter abtrünnig geworden sind. Auch führende Genossen, so der -.frühere leitende Redakteur der „Leipziger Volkszeitung" Abgeordneter Dr. Schönlank und der jetzige leitende Redakteur des „Vorwärts" Abgeordneter Dr. Gradnauer haben das nach Zubeilscher Auffassung « „schmutzige Hemd" des Judentums — was sagen denn die vier dem mosaischen Glauben ihrer Väter treu gebliebenen Abgeordneten Haase, -"Singer, Stadthagen und Wurm zu solcher Beschimpfung ihrer "Religion??? — gegen ein christliches gewechselt und sich evangelisch taufen lassen. Freilich soll ja Abgeordneter Dr. Gradnauer, der 1898 „evangelisch", Mitglied des Reichstags für Dresden-Altstadt wurde, nun seinen neuen Glauben schon wieder aufgegeben haben und sich konfessionslos nennen; in das Reichstagshandbuch für 1903 hat er sich aber noch als'evangelisch eingetragen. Eine ivahre Glaubensperle stellt der sozialdemokratische Abgeordnete für Stollberg-Schneeberg Hermann Goldstein dar, der im „Kleinen Kürschner" sich als „Dissident, bis 1876 evangelisch", aufführt, doch offensichtlich nur aus dem Grunde, damit nicht etwa jemand argwöhnt, er sei von mosaischer Abkunft. Unter solchen Verhältnissen sollte die sozialdemokratische Partei doch nicht auf ihre Glaubenstreue pochen, sondern lieber Herrn Zubeil mahnen: „O rühre, rühre nicht daran!" Im übrigen haben so ziemlich alle-Parteien im Parlament . ihre Täuflinge aufzuweisen. So lange diese Herren noch nie, obwohl selbst „Rassesemiten", ein Wort gegen den oft im deutschen Parlament gepredigten Rassenantisemitismus verloren haben, muß. jeder Unbesonnene ihr Gebühren mitunter widerlich finden, umsomehr als wir sehen, daß der Jude bei allen Parteien nur geduldet wird, so lange er ihnen dient, was allerdings bei solchen konservativen Juden oft bis zur moralischen Selbstvernichtung gehen muß. Ein oft genannter konservativer Abgeordneter sieht im äußeren aus wie ein ganzes Minjandorf Juden — Berthold Auerbach würde sagen, wie eine ganze jüdische Dorfgemeinde —, ist ferner mit einer Jüdin verheiratet, aber wie wenig gleicht dieser Herr seinem konservativen englischen Vorbilde, dem einstigen Führer der Tories Disraeli! Dieser portugiesische Jude, dessen Vater in einer .fernen Zeit, da noch die Kirche allein herrschte, unter dem Druck des Exils zu einer ihm innerlich fremden Religion übergetreten war, rief im englischen Unterhause den über unsere Junker an echtem Freisinn himmelhoch erhabenen Tories, als sie sein semitisches Auftreten belächelten, zu, daß er stolz aus seine Abstammung sei, auf den Ursprung inmitten eines Volkes,