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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · p. Seite 132

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 132 (sequence 12)
Language
German
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'n Peim (Silbergroschen) kriegen." — „Warum denn das, Schaje?" — „Warum? Nu, Jtzig Naar ist tot, Mordche Naar ist Lot, Taube Naar ist tot — nu bin ich allein, muß ich;n Peim kriegen — anderes nehnü ich nich." — Reichte man ihm das Gewünschte, so gab er den Sechser nicht eher heraus, als bis er den Groschen sicher in Händen hatte, eilte aber davon, so der Spender^sagte: „Willst Du nicht, so rgt6 ’ das Geld wieder zurück, kriegst Du gar nichts." Er brandschatzte auch Herrschaften, welche in Kutschen vorbeifuhren, indem er mit aus gestrecktem Arm auf sie zueilte und rief: „ Geben Sie was!" Betraf ihn der Gendarrn dabei und tat, als wollte er ihn ins Gefängnis abführen, so wehrte sich Schaje, ihm zurusend: „Was will denn der Schandaar von mir, der Rosche (Bösewicht) der, warum tut mir denn der Wachtmeister nischt?" Dem gutmütigen Gendarm war wohl die Bedeutung von „Rosche" nicht fremd, aber er lachte mit dem sich schnell angesammelten Publikum mit. Schaje eilte davon, was ihn die Füße tragen konnten, ununterbrochen vor sich hermurmelnd : „Hasten Rosche von ün Schandaar!" — Schaje hatte während eines kalten Winters das Unglück, sich, die Zehen zu erfrieren, . derart, daß sie ihm amputiert werden mußten. Die Gemeinde brachte ihn dann unter günstigeren Verhältnissen bei eineranderen Familie unter und honorierte seine Pfleger auch besser. Als .Mchaje hiervon erfuhr, sagte er schadenfroh: „Es ist der Khille schon ganz recht, daß man mir abgeschnitten hat die „Finger" von die Füß' — nu muß sie mehr bezahlen." Mt diesem Unglücklichen ist der letzte Narr tftn der Gemeinde dahingeschieden und diese steht verwaist da — ohne rechten Narren — und wer möchte daran zweifeln, die Gemeinde kann auch ohne einen solchen gut bestehen. Ebenso erging es den meisten anderen Gemeinden; nur ganz vereinzelt dürfte sich da oder dort ein Narr finden, der aber wohl besser daran ist als seine Genossen aus alter Zeit, weil er nicht mehr so den Unbilden seiner Nebenmenschen äusgesetzt ist. Sind wir auch nicht so optimistisch zu glauben, daß die Narren ganz und gar verschwinden werden, so dürfen wir doch heute gestützt auf die Grundsätze und Ausübung seiner besseren Unterrichts-^und Erziehungsmethode,^'eine wesentliche Abnahme erhoffen. — Bei aller Achtung vor den Lehrern aus alter Zeit müssen wir leider gestehen/ daß es Melamdim (Lehrer) gab, welche von dem Vorwurf, das Heranwachsen von Narren verschuldet zu haben, nicht freizusprechen sind. Verfasser hat an anderer Stelle dargetan, wie die alten Melamdim ihre ^Schüler mit allerhand Spitznamen bedachten. Bei irgend welcher Ungereimtheit z. B. war i man bald mit dem Prädikat „Naar" bei der Hand. „Jekew Naar"rief der Präzeptor, „Kinder, lacht den Jekew Naar aus." Und die Horde erhob unter dem Beifall ihres Lehrers ein wieherndes Gelächter. Darauf hieß es: „Jungen, jetzt ruft alle ganz laut dreimal „Jekew Naar!" Man gehorchte willig, während der arme verspottete Knabe vor Scham verging. Wiederholte sich das, so hieß er „Khillenaar" und wurde auch als solcher von seinen Genossen behandelt; hatte ihm doch sein liebenswürdiger Lehrer den Stempel der Narrheit aufgedrückt. War ein'mit diesem Namen bedachter nicht gerade ein ganz Heller, kluger Kopf, welcher im Leben den vollen Beweis zu geben vermochte, daß er nichts weniger sei als ein Narr, so konnte er den „Narren" nicht leicht von sich abstreifen. Wie ganz anders heutzutage. Mit ganz besonderer Nachsicht, ja mit rührender Aufmerksamkeit wendet sich das Lehrerherz gerade dem geistig zurückgebliebenen Kinde zu, um es nach'KrästenIzu fördern, seiner schwachen Fassungsgabe möglichst aufzuhelfen und es zu einem brauchbaren Mitgliede der Menschen heranzubilden. (Auch gibt es besondere Anstalten für Geistesschwache.) Dem humanen Beispiel ihrer Lehrer folgend, behandeln auch die Schüler ihren umglücklichen Genossen mit Milbe^ und liebevollem Entgegenkommen. Wehe dem Kinde, das sich herausnehmen wollte, einen so bemitleidenswerten Mitschüler durch seinen Spott zu kränken! Wäre dem nicht so, es fehlte auch in der Gegenwart in den meisten Gemeinden nicht an Khillenarren. Aber auch mancher Erwachsene, der in seinem Gehirn nicht ganz kapitelsest war, wurde so lange geuzt und gehänselt, bis er an dem Punkt angelangt war, wö man ihn haben wollte. Jeden moralisch und rechtlich Denkenden Mußte bei einem solchen Gebaren Unvernünftiger Widerwillen erfassen. Ganz insbesondere wollen wir hier den aufrichtigen Wunsch aussprechen, es möchte bei der erhöhten Bildung, welche allgemein angestrebt wird, vernünftigerweise jedes Verlangen, sich aus Kosten seiner Nebenmenschen in Gezeichneter Weise zu amüsieren, unterdrückt werden.Nicht alle Narren sind geborene Narren; gar viele darunter wurden ~ traurig genug — von den lieben Mitmenschen, wie oben erwiesen, erst dazu erzogen. . Man sollte doch bedenken, wie sehr man sich durch ein derartiges „unschuldiges" Vergnügen gegen die Menschheit versündigt. Ich schließe mit einem Worte unserer Alten:. „Jst's denn ein Kunststück, einen Schaute zum Narren zu machen; eher noch Ms ein Kunststück einen Chochem (einen Klugen) zum Narren zu haben." faß / ' Literarische Mitteilungen. — Von der Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B. wurde im Jahre 1904 ein Antrag angenommen, an der Förderung und Verbreitung einer für die jüdische Jugend geeigneten Literatur tatkräftig mitzuwirken. Eine Kommission von Fachmännern, welche den Auftrag erhielt, über die Mittel und Wege zur Durchführung dieses Beschlusses zu beraten, hat nach mehrmaliger Tagung nunmehr ihre Vorschläge überreicht. Als die zunächst wichtigste Aufgabe erscheint es ihr, einen Ueberblick über den Umfang und den Wert der bereits vorhandenen und zum Teil wenig bekannten Jügendschriften zu gewinnen. Darum soll ein Organ gegründet werden, in dem pädagogische Fachmänner über die Anforderungen, die an eine Jugendliteratur zu stellen sind, und über das Maß, in dem die bisher gekannten Jugendschriften ihnen entsprechen, ihre Anschauungen zu äußern in der Lage sind: Nach dem Muster der „Jugendschriftenwarte" soll dieses periodisch erscheinende Blatt Referate über neu veröffentlichte Jugendschriften bringen und sie nach Inhalt, Form und pädagogischer Brauchbarkeit sowie ihrer ästhetischen Wirkung beurteilen. Auch die alten Jugendschriften, sowie geeignete Artikel aus Kalendern, Zeitschriften u. a. sollen herangezogen werden, und es soll besonders geprüft /werden, wie weit sie sich zur Neubearbeitung sowie zur Umgießung in moderne Form, in der heutigen Jugend angemessene Gedanken und Stil, eignen. Desgleichen soll aus der Jugendliteratur des Auslands (besonders Englands und Amerikas) dasjenige herangezogen werden, was zur Uebersetzung für die deutsche Jugend zu verwerten ist. Die Zeitschrift, die als Beilage zu den Berichten der Großloge erscheint, steht unter Leitung des Herrn Dr. M..Spanier in Magdeburg, Breiteweg 99; eventuelle Mitarbeiter, denen für ihre Referate angemessenes Honorar zugesichert wird, wollen sich mit ihren Zuschriften an den Leiter wenden. Die Zeitschrift wird allen interessierten Kreisen, insbesondere den Herren Rabbinern und Lehrern, auch wenn sie nicht Mitglieder des Ordens sind, auf ihr Verlangen gratis zugestelll werden. Gesuche um Uebersendung sind an den Sekretär der Großloge, Herrn D. Wolff, Berlin SW., Wilhelmstraße 118 zu richten, lieber die weiteren Beschlüsse zur Veröffentlichung von Jugendschristen wird in obigem Organ berichtet werden. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Vfrautwvrt.ich für. die Oicbaftimi: Max Bauchw ih in Berlin.

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