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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
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131!— nur 'n klein Stückel besser wie unser Phasen." Das war alles, was er von Berlin zu erzählen wußte. Alles andere , war sür ihn bedeutungslos. Mordche und Jtzig waren zum Morgengottesdienst die ersten im Bethamidrasch (Lehrhaus sür Talmudstudium), wo ( ) sie mit sichtlichem Behagen die Talglichte ansteckten. Und wie l j paßten sie aus, um die Lichtschnäuzen zur rechten Zeit mit I | ihren bloßen Fingern zu entfernen. Verbrannten sie sich bei I § diesem heiligen Werk die Finger und schnitten vor Schmerz l » possierliche Gesichter, so lächelte wohl mancher darüber sogar rm mitten in der Schmoneeßreh (die 18 Segenssprüche, das ,i 1 andachtsvollste Gebet). ) 8 Zum Abendgottesdienst stellten sie sich schon nachmittags « ein, nicht viel später folgten ihnen erwachsene Jungen, auch I etwelche Hausväter, welche bereits ihr Tagewerk beendet, oder « sonst nichts zu tun hatten, und bildeten „Rädchen". In Erl mangelung von Theater, Konzerten und sonstigen Lustbarkeiten, ‘ l \ suchte man vor der lieben Schul' seine Erholung. Um Gesprächsi! stoff war man nicht in Verlegenheit. Man ventilierte Gemeinde- \ suchen, langte sich außer dem einen oder anderen Vorsteher den Rabbiner, den Chasan und den oder die Lehrer, die alle j dabei nicht gut fortkamen. Herumstehende Buben lauschten andächtig dem Räsonnement, andere neckten zu ihrem Vergnügen Mordche und Jtzig und brachten sie in Harnisch. ] Diese machten sich ihren Peinigern gegenüber durch Schimpfen und Fluchen Lust und liefen um die Synagoge herum, verfolgt unter Hurrarufen von den losen Burschen, bis einer aus dem Rädchen ihnen zurief: „Jungens, was wollt Ihr denn von ihnen? — Mordche, Jtzig, kommt her zu uns!" — Beide,^ ihren ' 4l Verfolgern wütende Blicke zuwerfend, näherten sich zuversichtlich H dem kleinen Zirkel. Kaum hatten sie sich ein wenig erholt, I als besonders Mordche von den Großen bestürmt wurde: I „Mordche, fing' uns mal vor einen Lechodaudi — nein, einen Naarizcho — nein, die Keduschah von Schabbes — nein, den Unßanetokef" (diverse synagogale Sangweisen) — und Mordche stand ratlos da, blickte von einem zum andern; denn er konnte zu keinem rechten Entschluß kommen, weil er nicht wußte, wem er es zu Liebe tun sollte. Ihm war's ja auch einerlei, ob das'eine oder das andere. Hatte man sich geeinigt, so sang er zum Gaudium seiner Zuhörer so ein Lied, das Stein erweichen und Menschen rasend machen kann. Aber wie gesagt, I er hatte ein recht dankbares Auditorium, das ihm mit hellem Gelächter den Tribut in Worten des vollsten Lobes zollte. Und der beglückte Mordche schmunzelte freundlich und schickte sich f bald wieder zu einem neuen Sang an. So ungeheuerlich die Sache klingen mag, so war ein solches Gebaren noch unschuldig zu nennen gegenüber dem, was sich mitunter am heiligen Sabbat oder den Festtagen D während des Gottesdienstes abspielte. Auch hier konnten die j ( losen Burschen und — der Wahrheit die Ehre — auch manche i \ rohe Erwachsene, es nicht unterlassen, die armen Unglücklichen zu hänseln. Mitten im Gebet, oder im Leienen (Vorlesen der Thora) vernahm man plötzlich die keifende Stimme Mordches: „Ihr Banditen Ihr, was Ihr seid, was wollt Ihr denn haben von meiner armen Neschome (Seele) — ich bin ein : [ Kohen (zum Priesterstamm gehörend) —- und ein Kohen ist hitzig, das hat schon meine Mutter gesagt — ich nehm' da den Ständer und werf' ihn Euch an den Kopf, daß Blut kommt, das sag' ich Euch, Ihr Banditen' Ihr, was Ihr seid." Und ein andermal schrie der sonst gelassene und geduldige Jtzig mit noch kräftigerer Stimme: „Gewaalt, Gewaalt, Ihr Asuspenemer , > (freche Gesellen) — Ihr Mordbrenner — Gewaalt, Gewaalt!" m Bei derartigen empörenden Anlässen, welche den Gottes- W dienst in unerhörter Weise störten, eilten die entrüsteten Vorsteher in Begleitung des Schammes (Synagogendiener) herbei, um Ruhe zu schassen. — Die Szenen am Simchas-Thora (Freudenfest) lassen wir lieber unerwähnt. An diesem Tage nahm man's bei der allgemeinen Freude, welche zu verlautbaren man von jeher das Privilegium hatte, ohnehin nicht so genau. Mordche war aber nicht nur den Insulten seiner eigenen Glaubensgenossen, sondern auch denen der christlichen Bevölkerung ausgesetzt. Ging er über den Marktplatz, so erscholl es laut von einer Ecke: „Wariat, Wariat" (Verrückter — polnisch). Er griff nach einem Stein und eilte mit diesem aus seinen Beleidiger zu. Da aber rief man wieder von einer anderen Ecke dasselbe, und flugs kehrte sich Mordche gegen seinen zweiten Gegner, und so wiederholte sich das gegen einen dritten und vierten. Da ihn einer wohlwollend belehrte, er solle sich nicht hören machen und ruhig seines Weges gehen, entgegnete er in seiner Weise: „Wie heißt, ich soll mich nicht hören machen, ich hör' doch aber ja!" Anfangs der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gab eine Schauspielergesellschaft unter ihrem jüdischen Direktor Samst aus Berlin in den Provinzialstädten Vorstellungen. Einem Mitgliede war Mordche in die Augen gefallen und es ersann einen Hauptkoup. Mordche erhielt für eine bestimmte Vorstellung ein Freibillet und freute sich schon seit einigen Tagen aus die „Kommeddie"; war es doch das erste Mal in seinem Leben, daß er einer solchen beiwohnen sollte. Mitten im Stück trat eine Figur, die leibhaftige Kopie Mordches darstellend, auf die Bühne mit den Worten: „Ich bin Mordche." Verblüfft schaute Mordche drein, ermannte sich aber schnell und rief dem Schauspieler entgegen: „Nein, 's ist nicht wahr — Mordche bin ich; hier unten steh' ich, nicht dort oben." — Und wieder hieß es von oben, aber energischer: „Ich aber sag', ich bin Mordche Bimbam." — „Nein — nein, ich bin Mordche Bim — —" Er scheute sich vor dem „bam." Dieser kurze drastische Auftritt war von einem ungeheuren Lacherfolg sowohl von Seiten des Publikums wie sämtlicher Schauspieler, denen sich Mordche Naar klugerweise ebenfalls anschloß. Als Mordche sich eines Tages den lukullischen Genuß einer Gänse-Stopfleber für eine volle Mark leistete und ob seiner unerhörten Verschwendung von einem Wohlgesinnten zurechtgewiesen wurde, entgegnete er: „Wie heißt, ist denn mein Magen etwas schlechter wie der von N.?" (Hier nannte er den reichsten Mann in der Gemeinde). Daß er am nächsten Tage mit bloßen Pellkartoffeln fürlieb nehmen mußte, war ihm gleichgültig. Damit auch der vierte im Bunde, Schaje Naar, zu seinem Recht komme, sei auch noch seiner Erwähnung getan. Schaje war eigentlich mehr Idiot. Er war bar alles Wissens, konnte nicht einmal hebräisch lesen, dessen sowohl Mordche wie Jtzig kundig waren, die beim Morgengebet Tsilim (Gebetriemen) legten, zu Minjan gezählt wurden, auch mit einer Aliah beehrt wurden (zur Thora aufgerufen wurden, um den Segen zu sprechen). Ob Narr oder Idiot, die damalige Welt kannte solche Unterschiede nicht — und die böse Welt machte auch den Idioten zum Narren und erfreute sich seiner Albernheiten. Schaje war von der Gemeinde bei einer Familie untergebracht, holte in den jüdischen Häusern, verschmähte auch christliche nicht, sein Freitag-, Rosch Chaudesch- (Neumondstag), und Jomtowgeld (zu den Festtagen). Sonderbar, wo es Vorteil galt, dort bewies Schaje eine gewisse Kniffigkeit. Aus dem Umstande, daß er die drei Vorerwähnten überlebte, suchte er Kapital zu schlagen. Erhielt er den üblichen Sechser, so sagte er: „Nein, ich nehm' nich, ich muß jetzund

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