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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
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i: W l f 130 Wenn wir im Verlaus unserer Ausführungen „Naar" statt „Narr" gebrauchen, so wolle man das nicht als einen Verstoß gegen unsere orthographischen Kenntnisse, oder als Schikane des Druckfehlerteufels ansehen. So liegt beispielsweise in dem „Naar" ungemein mehr -Saft und Kraft, als in „Narre" oder in dem bereits in der deutschen Sprache emanzipierten „Schaute". Alles das muß vorausgeschickt werden. Da wir aber hier eher als alles andere als etymologische Untersuchungen im Auge haben, müssen wir schon den geneigten Leser auf das Folgende Hinweisen, woraus er am besten erfahren wird, was eigentlich ein rechter Khillenaars zu bedeuten hat. Die Khillenarronim waren vor Zeiten wohl in jeder rechten Gemeinde vertreten, in der einen mehr, in der anderen weniger. Es stand schlimm um die Gemeinde, schlimmer noch um den Khillenaar, wenn dieser das Unglück hatte, vereinzelt, ohne Konkurrenz dazustehen; denn in diesem Falle war er ein doppelt geplagter Mensch, die Zielscheibe desjenigen Auloms (Leute in der Gemeinde), der Wohlgefallen daran fand, mit ihm anzubinden und sich an seinen Narrheiten und an seinen durch Neckereien hervorgerusenen Wutausbrüchen zu ergötzen. — Es bleibe mir erlassen, die Gemeinde, von welcher hier die Rede sein soll, namentlich zu bezeichnen. Wer derselben nahe steht, und es leben Gottlob noch viele Hunderte, wird zweifellos sofort den Ort erraten, sobald ich ihm die Namen der betreffenden Khillenarronim genannt haben werde. Die in Rede stehende Gemeinde hatte das Glück, gleichzeitig vier solcher Naronim ihr eigen zu nennen. Es waren dies: Jtzig Naar, Mordche Naar bezw. Mordche Bimbam, Schaje Naar und Taube Naar. Eben bemerke ich zu meinem großen Bedauern, mit Verletzung aller Etikette, bei Aufzählung des Quartetts dem weiblichen Geschlecht den letzten Platz eingeräumt zu haben. Um diesen Fehler wieder gut zu machen, will ich zur Genugtuung Taube Naars dieser jetzt den Vorrang lassen. Aus ihrer Jugendzeit weiß ich nichts wesentliches zu berichten. Als ich ihre Bekanntschaft machte, war sie bereits zur Jungfer von etlichen und sechzig Jahren herangereift. Selbst das schärfste Auge wäre außerstande gewesen, auch nur den geringsten Zug einstiger Schönheit an ihr zu entdecken. Sie trippelte, in Lunchen gehüllt, ihr graues Haupthaar mit einem schmutzigen Tuch umwunden, einher; nur an den Feiertagen machte sie eine kaum merkliche Ausnahme. Von ihrer wunderlichen und abstoßenden Erscheinung läßt sich ein Begriff machen, wenn man erführt, daß Kinder, jüdische wie christliche, bei ihrem Anblick zurückschreckten und flüchteten und sich eines hohen Grades von Beherztheit bewußt fühlten,- so sie sich ihr wenn auch zögernden und schlotternden Schrittes näherten. Sie lebte von der ihr zufließenden Unterstützung seitens der Gemeinde, nahm die Wohltätigkeit einzelner jüdischer Familien in Anspruch und rupfte zeitweise gegen Entgelt in den jüdischen Haushaltungen das geschlachtete Federvieh. Taube bekundete einen Appetit, mit dein sie sich öffentlich als Eßkünstlerin hätte produzieren können, und verzehrte die vierte und fünfte anständige Portion mit dem nämlichen Heißhunger wie die erste, wobei nicht weniger ihr starkes Gebiß wie ihr Magen Bewunderung erregte. Sie vertilgte den Fisch samt den Gräten und zermalmte mit Leichtigkeit Fleischknochen. Aber sie nahm auch von dein ihr Gebotenen manches mit sich, zu dessen Unterbringung sie nicht weniger als drei Schürzen um den Leib gebunden hatte, nämlich eine fleischige, eine milchige und eine parwene (nichb fleischig, nicht milchig), zu beliebigen: Gebrauch. Als eine Frau, in deren Hause sie sich an den ihr gereichten Speisen gütlich tat, sie darauf hinwies, doch ihr prächtiges Zahngebiß mehr zu schonen, replizierte sie prompt: „Wenn ich werd' haben so ausgefrefsene Zähn wie Ihr, werd' ich mir auch so schöne Zähn' einsetzen lassen wie Ihr." Und da der Ehemann besagter Frau ironisch meinte: „Aber Taube Naar, Du wirst doch das nicht nötig haben, denn Du bist doch ein ganz schön Mensch," entgegnete sie lachend: „Hihihi, bin ich werklich 'n so schön Mensch, 'n so schön Mensch — so könnt Ihr mir doch 'n Puß (Kuß) geben, wie Ihr habt jene Woch' Lewis Schickse (Dienstmädchen) — gepußt" und ließ, mit einem wiederholten Hihihi sich entfernend, das Ehepaar verdutzt dastehen. Eine kürzlich verlobte Braut fragte sie gelegentlich in übermütigem ironischen Tone: „Fräulein Taube Naar, wie geht es Ihnen?" — Wenn Taube auch das „Naar", an das sie von jeher gewöhnt war, gern verzieh, so vermochte sie den Spott, der in dem „Fräulein" und „Ihnen" lag, nicht leicht verwinden und entgegnete darauf: „Fr ei lein -- Ihnen — auch mir eine feine Barjette (Honoration) geworden! Wie ich aber mein, ist sie auch kein großer Chochem (nicht recht klug), wenn sie sich nimmt 'n Choßen (Bräutigam), was er ist ein großer Schicker (Säufer) und 'n Kartenspieler." — Einige Tage darauf wurde sie von dem Fräulein Braut freundlichst extra zu Tische geladen und aufs reichlichste bewirtet; — denn nach näher eingezogener Erkundigung hatten sich jene Beschuldigungen gegen den Bräutigarn als wahr erwiesen und die Verlobung wurde gelöst. Und Taube Naar wischte sich nach dem leckeren Mahle den Mund und verabschiedete sich mit den Worten: „Nu, was hat Taube gesagt?" In diesem Falle hatte sie mit ihrem Gerede doch einen Menschen vor Unheil bewahrt. Taube kam überall herum, und obwohl sie tat, als kümmere sie sich um die ganze Welt nicht, spitzte sie in ihrer Verschmitzheit doch ihre Ohren und erhielt so Kunde von allen Ereignissen in und außerhalb der Gemeinde. Und da sie sonst keinerlei Sorgen hatte, packte sie bei Gelegenheit zum Aerger und Verdruß mancher Leute ihre Erfahrungen aus. Wurde ihr hier und dort für die Folge der Zutritt verboten, so hielt das nicht allzulange an; man fürchtete ihre spitze Zunge, und mancher verschluckte bei der Anrede das „Naar", um nicht in Ungelegenheit zu kommen. Taube starb hochbetagt. Mordche und Jtzig Naar waren ihrer Person nach die strengsten Gegensätze. Jener klein, munter und beweglich, redselig; dieser groß und steif, ruhig, mit scheuem, Mitleid erregendem Blick. Der arme Mann, der es nicht lange in seiner Gemeinde aushielt, unternahm oft Reisen in die benachbarten und entfernteren Gemeinden, um die Mildtätigkeit seiner Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen, bei welcher Gelegenheit er zu seinem Leidwesen wiederholt von der Hermandad gefaßt und für Wochen und Monate dem Arbeitshause zugeführt wurde, woher er dann kurz geschoren und glatt rasiert, trüben Sinnes wieder heiinkehrte, um nicht lange darauf von neuem seine Wanderschaft anzutreten, was eigentlich nicht notwendig gewesen wäre, da er ebenso wie die anderen Armen in der Gemeinde sein kärglich Brot gefunden hätte. Auch Mordche unternahm zeitweise größere Ausflüge. Als er einst nach seiner Heimkehr aus Berlin befragt wurde, was er dort alles gesehen, sagte er: Was soll ich haben gesehen, wie Hä uff er und Gassen — dann bin auch gewesen in der Schul in der Heidereitergaff', groß, schön, schöner wie die hiesige, und der Chafen (Kantor), ich mein' er heißt Lichtenstein, hat gesungen mit 'n Kol (Stimme) — püh, Püüh -t * j$L

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