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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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MKMW - 128 hebräischen Original korrigieren: „Liebe Deinen Anderen, d. h. Deinen Nebenmenschen wie Dich selbst'" So lange aber die ' Liebe auch hier das treibende Prinzip bildet, bleibt auch der; Nebenmensch mit sinnlicher Qualität behaftet, bildet erauch hier nicht den Ursprungsbegriff des Ich, des Selbst. Sn-, sehen wir deutlich, daß die Religion in ihrem Zusammenhang mit dem Affekt nur eine Mehrheit, aber keine Allheit erzeugen kann, wie gern sie auch gerade die Allheit begründen möchte. Auch hier verfehlt Cohen nicht, die kulturhistorische Bedeutung der Religion ins rechte Licht zu setzen: „Der höchste Ausdruck, mit dem die Religion zu operieren vermag, ist die Liebe. Was bedeutet ihr dagegen das Erkennen? Im hebräischen Ausdruck bedeutet Erkennen zugleich Lieben Um so mehr daher Lieben zugleich Erkennen. Die Liebe hat den Nebenmenschen geboren; Das ist ein großes Werk,- das von der Geschichte der Ethik nicht verkleinert werden darf." Nicht minder originell und geistvoll sind Cohens Betrachtungen über die exegetische Bedeutung des Rea-Begriffes in seiner geschichtlichen Entwicklung: „Wie ist die Nächstenliebe überhaupt entstanden? Im hebräischen Urtext heißt es: Liebe deinen Rea als dich selbst. Rea ist der Andere. Der Ausdruck wird sogar von zwei Nägeln gebraucht, die zu einander gehören. Wie ist aus dem Andern nun aber der Nächste geworden? Die Septuaginta übersetzt Rea mit Nachbar (Tibjatoc). Dieser Ausdruck nimmt auch in dem klassischen Griechisch die erweiterte Bedeutung der Nähe an. Und in der römischen Sprache sind" ja die Verwandten die Nahen (Propinqui). Wenn nun im lateinischen Sprachgeb rauche Rea mit Proximus übersetzt wird/ während die Vulgata dagegen mit dem nicht minder verfäng-i lichen ^mious übersetzt, so scheint durch den Superlativ der Positiv der Verwandten überstiegen zu sein. Also sind zugleich mit den Blutsverwandten auch die Stammesgenossen übertroffen; und welche andere Nähe und Freundschaft könnte es: sonst noch geben, in welche die Menschen in engere Verbindung sich zusammenfügten? Man weiß aber wie schwer und verhängnisvoll für das sittliche Selbstbewußtsein der Fortgang der Kultur diese Frage beantwortet hat. Näher als Blut und Stamm hat der Glaube die Menschen verkettet. Und der Genosse des Glaubens wurde zum eigentlichen Hausgenossen oLxsxrjc xriQ morste, er erzeugte jedoch unvermeidlich die'' legitime Ausnahme von der Regel der Nächstenliebe. Er wurde zum Nächsteren. Man kann es bei Hugo Grotius gewahren, man braucht dafür nicht aus die scholastische Literatur zurückgreifen, wie die Kriege mit den unchristlichen Völkern gerechtfertigt werden." Es ist eine wahrhafte Ehrenrettung, die in diesen Worten Cohen der Bibel zuteil werden läßt. Allgemein war der Vorwurf gegen das Alte Testament erhoben worden, daß unter Rea nur der Volksgenosse zu verstehen sei, während im Neuen Testament der Nächste, d. h. dev' Nebenmensch schlechthin als Korrelat des Ich betrachtet wurde. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Rea heißt nicht der Volksgenosse, auch nicht der Nächste. Rea heißt der Andere, das heißt der Nebenmensch. Und die Uebersetzer von der Septuaginta bis zur Vulgata Haben diesen Ausdruck erst seines tiefsten ethischen Inhalts allmählich entblößt und entkleidet. .. Wie sehr aber gerade dem Ausdruck „Nächste" der partikularistische Charakter im Blute steckt, das zeigt sich besonders in der Anwendung, die der Rechtsphilosoph Rudolf Stammler von diesem Begriffe noch heute macht. Und in der Charakterisierrmg dieser Methode gibt sich nicht minder Cohens apologetische Kraft zu erkennen. Der Begriff des Nächsten dient Stammler dazu, die Rechtsgemeinschaft „in eine genau berechnete und abgemessene Stufenleiter von Relativitäten" aufzulösen. Darin liegt deshalb diegrößte Gefahr dies es religiösen Grundbegriffes,daß er nicht bei der Religion in seiner Partikularität stiftenden Tendenz stehen' bleibt,, daß er vielmehr auch Wirtschaft und Recht in seine Kreise zieht. „Wer aber wird an der Wahrheit des Sprichwortes zweifeln wollen, daß das. Hemd mir näher ist als der Rock." So zeigt uns gerade die geschichtliche Entwicklung des Reabegriffes die Schwäche der Religion in der Begründung der Ethik. Die Religion beruht auf dem Affekt. Der Affekt aber kann nie den Andern, sondern nur den „Nächsten" erzeugen. „Und dieses Problem (se. die Erzeugung des Nebenmenschen) ist allein durch das Selbstbewußtsein zu bezeichnen, durch das Selbstbewußtsein des reinen Willens. Ob ich das Selbstbewußtsein erlangen kann, wenn ich allein auf der Welt bin, wenn nur ich mich habe, nur mich kenne und will, oder aber ob ein Anderer als der andere unbedingt zu meinen Selbst erforderlich sei, das ist die Frage. Und der Sinn dieser Frage wird verdunkelt und verkümmert, wenn aus dem Anderen der Nächste wird. Sagt man etwa von zwei Hälften eines Ganzen, daß sie einander nahe oder nächst wären?" Indessen muß das religiöse Problem der Nächstenliebe mich noch aus anderen Gründen abgelehnt werden. Nicht allein der Begriff des „Nächsten" bedeutet eine Verkennung des ethischen Problems, auch der Begriff des „Selbst" im religiösen Sinne deckt sich keineswegs mit dem Begriff des Selbst im ethischen Zielbegriff des. Selbstbewußtseins. Auch bei der günstigsten Interpretation des Satzes: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" wird keine andere Forderung ausgesprochen, als daß das persönliche Selbst sich mit dem Selbst des Nächsten vereinige. Hier wie dort ist unter Selbst etwas Persönliches, Begrenztes, Objektives zu verstehen. Wie aber soll die durch Liebe zu erwirkende Vereinigung der Persönlichkeiten vollzogen werden? Wie soll die Verschmelzung von statten gehen? Soll etwa die Mystik das letzte Wort hier sprechen? Oder soll etwa im Sinne buddhistischer Weisheit die Selbständigkeit des Individuums vernichtet werden? Wenn aber das Individuum verneint wird, wo in aller Welt bleibt dann Raum für die Vereinheitlichung der Individuen in der Einheit der Menschheit?. Schon diese wenigen Fragen zeigen die unübersehbare Anzahl von Schwierigkeiten, die sich bei der religiösen Fassung des Selbstproblems ergeben. Wie klar und bestimmt formuliert dagegen der sittliche Begriff des „Selbst" das Problem. „Selbst" im sittlichen Sinne setzt den „Anderen" bereits voraus. Und die sittliche Aufgabe des Selbstbewußtseins fordert: In allen deinen Handlungen werde Selbst durch den Anderen. Ohne den Anderen ist dein Selbst gar nicht vorhanden. Durch den anderen erst wird es erzeugt. Und so gewiß die Handlung erst in der Einheit .und Bedingtheit der Handlung zum Ausdruck kommt, so gewiß hast Du erst dann Dein Selbst gegründet, wenn Du in Deinen Handlungen die Menschheit in ihrer unendlichen Totalität,; in ihrer Allheit, in ihrer ewigen Einheit vertrittst. Das Selbst ist keine Person, keine demonstrierbare Einheit, kein Objekt, das Selbst ist Aufgabe und immerdar Aufgabe, die in keinem Moment Deines empirischen Seins gelöst ist. In der Handlung wird das Selbst erzeugt. Die Handlung ist bedingt. Sie bedeutet'nichts als den ewigen Ansatz zur neuen Handlung. Gründe Dein. Selbst — so lautete die. sittliche Parole. Gründe Dein Selbst in Deinen Handlungen. Lösche hier den Unterschied aus zwischen Deinem Subjekt und dem des anderen, indem Dü in seinen Interessen die Deinen erblickst. Soweit erstreckt sich die Vereinigung zwischen Dir und-dem anderen: Die Handlung allein präzisiert: den Umfang , der t.

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