Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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125 Einen Fehler nur hat diese Verteidigung: den Verteidigern ist unbewußt, was sie verteidigen. Es läßt sich leider nicht leugnen, daß sie zur Kampfstellung mehr durch äußere als durch innere Gründe bewogen werden. Zugegeben: wenn die jüdische Erziehung, die sie im modernen Elternhaus empfingen, wenn der durch unsere heutigen Schul- und Lebensverhältnisse von allen Seiten eingezwängte Unterricht im Judentum, den sie als Schüler erhielten, keine'tiefere Spuren bei ihnen zurückließ, so ist das am wenigsten ihre Schuld. Wenn wir ihnen aber Eines zum Vorwurf machen, wäre es dies, daß sie ihre Kenntnis des Judentums, .für das sie doch nach außen eintreten, wesentlich auf der Stufe belassen, die sie als Kinder bereits erklommen hatten. Ihnen haben sich die glücklichen Jahre aufgetan, in.denen sie mit Lust auf der Hochflut des Lernens dahintreiben. Alle Tore des Geistes, alle Pforten ihrer Seele stehen weit dem Einströmen ihnen bisher unbekannter Wissenschaften, Kenntnisse, Gedanken offen. IM da nicht auffallend und betrübend zugleich, daß sie ein Wissensgebiet so stiefmütterlich behandeln, welches ihnen für ihre doch ninuner hinwegzudeutelnde Sonderausgabe hoch bedeutsam sein müßte? Wissen sie denn, in welch hohem Grad sie sich der Kraft berauben, voll für ihre Sache einzustehen, wenn sie sich nicht bemühen, ein klares Bewußtsein vom Wesen dieser'Sache zu gewinnen? So lange das nicht anders wird, werden sie kaum hindern, daß Gegner jugendliche Unklarheit sehen, wo sie ein Ideal zu vertreten beanspruchen. Und bei dieser unzureichenden Einsicht in die Sache diese anscheinende Abgeschlossenheit des Urteils, diese schnellhinrauschende Wortsülle, diese Bestimmtheit im Ausspruch! Das also sind unsere Geistesstreiter und unsere Vorkämpfer für die Zukunft? Gott sei Tank! sie sind noch jung. Sie werden sich wandeln, das ist unsre Hoffnung! Die tieftraurige Erscheinung, die durch böses Beispiel unberechenbaren Schaden im Judentum stiftet, daß eine Anzahl geistig Begabter um äußerer Ehren und Vorteile willen ihre erhabensten Besitztümer preisgibt und, um Gnadenblicke von außen zu erhaschen, ihre Abkunft mit Füßen tritt, ihre Kinder leichtherzig einem andern Glauben verkauft — sollen diese entwürdigende Vorkommnisse in der Zukunft des Judentums sich weiterspinnen? Was ist denn, genau betrachtet, der Grund solchen Verfahrens? Erschreckende Unwissenheit auf dem Gebiet des Judentums bei allen möglichen wissenschaftlichen und geistigen Interessen, gänzliche Ahnungslosigkeit betreffs seiner unvergleichlichen sittlichen, religiösen und geschichtlichen Bedeutung und hieraus entspringende abgrundtiefe Gleichgültigkeit. Sollen die, welche heut die Geistesblüte unserer'Jugend darstellen, als künftige weltliche Leiter unserer Gemeinden, zu denen doch ein Teil von ihnen bestimmt ist, dereinst ratlos über Weg und Ziel ihrer Aufgabe dastehen und sich dann aufs Schwerste an ihren Gemeinden und am Judentum versündigen, weil sie es versäumt haben werden, sich die Grundbedingung anzueignen, nämlich ein klares Bewußtsein vom Wesen des Judentums? Soll unser schwer bedrohtes Judentum auch in Jukunft sich mit Wachtposten begnügen müssen, die ohnmächtig sind, die von allen Seiten drohenden Gefahren abzuwehren, well sie sie in ihrer Kurzsichtigkeit gar nicht als Gefahren erkennen? Wächter, wie tief Ms in der Nacht? Wächter, wie weit iM in der Nacht?" also tönt die prophetische Frage. Und auch heutige Wächter erwidern freudig: „Der Morgen kommt!" Unfec Selbstbewußtseiu als Israeliten, so sprechen sie, hat zu tagen begonnen, vorüber sind die Zeiten, da wir uns von herausfordernden Gegnern widerstandslos als Juden beschimpfen und demütigen ließen. Zu Körperschaften zusammengeschlossen stehen wir unerschrocken auf der Warte, die Uebergriffe unserer Feinde mit Einsetzung unserer Leibeskraft, und wenn es nötig wird, auch unseres Lebens abzuwehren. Also die Wächter. Verzeihet denn, Wächter, wenn wir bei aller Anerkennung eurer sittlichen Selbstaufraffung, um der Wahrheit willen euch mit dem Propheten entgegnen: „Es ist trotzdem noch Nacht." Denn noch lebt gar mancher unter euch im Dunkel der Unkenntnis dessen, was ihr mit solch lobenswerter Unerschrockenheit verteidiget. Wahrlich, es ist Zeit, auch auf dem Gebiet des Judentums endlich der trägen Geistesschlaffheit, der tötenden Gleichgültigkeit, dem unbegründeten BeWrwissenwollen und dem Absprechen von oben herab zu entsagen. In ausdauerndem Kamps gegen diese schweren Gefahren, welche die lebenumspannende Macht des Judentums von innen untergraben, sollten alle seine Freunde sich einmütig zusammenschließen. Auf dieser herrlichen- Bahn aber voranzuschreiten, ist unausweichliche Ehrenpflicht der geistig Strebenden in seiner Mitte. An unsere geistig strebende Jugendblüte insbesondere, hoffentlich unsere Zier und unser Stolz in kommenden Tagen, ergeht die Mahnung, endlich damit zu beginnen, daß sie einen Teil ihres feurigen Lerneifers den eigensten Geistesschätzen zuwende. Wenn diejetzigen Jünglinge dann, zu Männern gereift, aus der Tiefe wahren Wissens Liebe und Begeisterung -für das Judentum geschöpft haben werden, dann Heil ihnen selbst und Heil uns allen! Nicht mehr mit geteilten Empfindungen — mit Wonne und Dankbarkeit werden ihre reifen Anschauungen, ihre ernsten Ueberzeugungen begrüßt werden. •ÄT Die unssrilch-ilrselitilche Litersturgrlelllchskt. wei in letzterer Zeit erschienene und von unserer Literaturgesellschast herausgegebene Werke1), die ich mit Ihrer Erlaubnis den geschätzten Lesern vorführen will, bieten mir willkommenen Anlaß, ein längst gegebenes Versprechen einzulösen und zunächst Ziel, Organisation und Wirken der israelitische - ungarischen Literaturgesellschaft zu skizzieren, welche gerade heuer das erste Dezennium ihrer ersprießlichen Tätigkeit vollendete. Die Idee zur Gründung eines jüdischen Literaturvereines tauchte schon vor 20 Jahren unter den führenden Geistern des ungarischen Jung-Jsrael auf. Hervorragende Männer,, wie Dr. Ignaz Goldziher, Rabbiner. Dr. Samuel Kohn und Dr. Immanuel Löw traten für die Verwirklichung derselben in der damals noch jungen ungarisch-jüdischen Monatsschrift „Magyar Zsido Szemle" (Ung.-jüd. Revue) in die Schranken und auch die damaligen Redakteure dieser Zeitschrift, die Professoren Dr. Bacher und Dr. Bänoczi, propagierten eifrigst die Sache. Daß diese Idee aber erst zehn Jahre später zur Tat y Monumenta Hungariae Judaica, publicari fecit Societas Litteraria Hungarico-Judaica. Tomus I. 1092 —1539. Cooperante Dre. Mauricio Weisz studio Dris. Arminii Friss. Budapestini. Gomissio : F. Wodianeri et Feliorum. 1904. Evkönyv. Kiadja az Izraelita Magyar Irodalmi Tarsulat. Szerkeszti Bänöszi Jözsef. 1904. Budapest. 1904. (Jahrbuch. Herausgegeben von der Israelitischen Ungarischen Literaturgesellschaft. Redigiert von Josef Banoczi. 1904. Budapest. 1904.)