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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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duldung, anderseits wieder eine Befestigung der herrschenden Kirche. Dies gilt als gewaltsam in der Praxis, - führt zu vielen nicht, wünschenswerten, manchmal sogar zu tragischen Erscheinungen. Die Kirche kann nur durch das Wort wirken. Die Gewalttätigkeit ist unpassend. Dadurch werden Gruppen von Menschen geschaffen, die schwer unterdrückt sind." Schließlich wollen wir noch der Vollständigkeit halber die Mitteilung russischer Blätter wiedergeben, daß die Frage über die gesetzliche Lage der Juden zweimal im Ministerkomitee in Bälde besprochen werden soll, namentlich bei dem Punkt 6 und 7 des kaiserlichen Ukases vom 12. (25.) Dezember 1904. Man sagt, daß man die Absicht habe, zu diesen Sitzungen Vertreter des jüdischen Rabbinates und auch Gemeindevertreter einzuladen. Nous verrons. ■' * Der neue Generalkommissar für das amerikanische ' Einwanderungswesen, Sargent, der wie sein Vorgänger Powderlh die einwanderungsfeindlichen Arbeiterinteressen vertritt, hat einen merkwürdigen Jahresbericht in die Welt gesetzt. Er bemerkt zwar eingangs, daß in der Einwanderung 1903/4: (813000) eine Verbesserung eingetreten sei, da sie um 44000 Köpfe abgenommen hat, und zwar namentlich in dem unerwünschten Zuzug aus Oesterreich-Ungarn und Italien. Aber selbst jetzt noch seien 422 000 Einwanderer Italiener, Juden, Polen, Slowaken und Magyaren. Diese Völker sind damit als unerwünschte bezeichnet, denn der Kommissar hätte der Zahl nach Deutsche (leider 75 000), Engländer und Irländer eher erwähnen müssen als Slowaken und Magyaren (zusammen nur 52000). Die amerikanischen Juden sind keineswegs erbaut, die-106000 Juden, die 1903/4 zuwanderten, als unerwünschtes/Menschenmaterial gebrandmarkt zu sehen. Schon seit Jahren haben sich die Juden beklagt, daß sie in der Statistik der Einwanderung als Rasse- und nicht als Staatsangehörige aufgezählt werden, da sie immer fürchteten, der latente amerikanische Antisemitismus werde einmal gegen sie losbrechen. In der Tat hat die antirussische Volksstimmung auch durchaus keine erhöhte Judensreundlichkeit in Amerika erzeugt, dabei nimmt die Einwanderung immer größere Dimensionen an. Aber in diesen Zahlen kommt doch, wie die „Kölnische Zeitung" richtig bemerkt, in erster Linie die unentrinnbare Tragik des Auswandererschicksals zur Verdeutlichung, und nur in zweiter auch die Tatsache, daß Amerika nicht ausschließlich die besten Volkskräfte fremder Länder anzieht; im Grunde ist das doch bloß eine Gerechtigkeit der Weltgeschichte, mit der sich die Amerikaner abfinden müssen : nehmen sie unser Bestes, so.mögen sie auch mit an unserem Schlimmsten tragen. Schließlich haben die Einwanderer des 19. Jahrhunderts Amerika zu dem gemacht, was es heute ist, und wo sie nicht hinkamen, wie in den Südstaaten, ist die Entwicklung lange Zeit fast stehen geblieben. Lin Mshnwort. Bon Rabbiner Dr. Kakischer-Bonn. 1 Hnser Judentum hat viele Feinde, offene und versteckte, vorhergesehene und unvorhergesehene, von außen und im Innern drohende. So ist es gewesen, seitdem das . Judentum besteht; so wird es bleiben, so lange das Judentum bestehen wird. Der Bestand des Judentums selbst ist dadurch nicht im mindesten in Frage gestellt. Man kann weiter gehen und sagen, daß, wenn es für das Judentum heißt: „hie Gegnerschaft, dort Gleichgültigkeit", ' es der ersteren den Vorzug geben wird. Denn Erfahrung lehrt, daß aus dem Boden des Hasses oft Liebe erwächst. Was aber bringt die Gleichgültigkeit hervor? Sie bleibt ewig unfruchtbar. In dem von Arbeit und Kampf erfüllten Zeitalter, in welchem wir leben, dringen uns tausendfach Rufe der Bejahung, sicher aber noch zahlreichere und stärkere der Verneinung gellend ins Ohr. Nie sah in dem Grade wie heutzutage sich der einzelne vor "die Notwendigkeit gestellt, zu den zeitgemäßen Fragen Stellung zu nehmen, sei es für, sei 'es wider. ' Man denke über Religion, wie man will — das wird kein j Denkender zu leugnen wagen, daß ^die religiöse Frage .eine der bedeutsamsten Zeitfragen ist. Unter diesem Gesichtspunkt hat ein großer Teil unserer Zeitgenossen sich beeilt,, zur Religion Stellung zu nehnren, und wenn das überwältigend/ oft im verneinenden Sinne geschieht, so liegt auch dies im . Wesen der Richtung, welche die Zeit beherrscht. Auf keinem Gebiet wird der Meister geboren. Am wenigsten sind Gedankenklarheit und Geschlossenheit des Urteils Gaben, die ein lächelnder Zufall ihren. Inhabern in den Schoß legte. Meist werden sie ein schwererrungenes Vorrecht des reifen Alters bleiben, das in langen Jahren viel gesehen, erfahren, nachgedacht, viel an sich selbst und anderen erlebt hat. , Zuweilen will, bedünken, daß die leichtblütige Jugend, der nach ihrer Ansicht selbst Sonne, Mond und Sterne gehören, wenn sie sie nrit einem kühnen Sprung herunterholt, auch jene Weisheit der Erkenntnis und Erfahrung zu besitzen glaubt. Das Vorrecht des jüngern Alters ist eben die rosige Lebensanschauung. So dürfen wir die Jugend wohl auch unbedenklich in ihrem Glauben belassen. Nun, wenn uns ein Wort in diesen Fragen zusteht, so werden wir, die mit der strebenden Jugend es gut meinen, sie solange bei solchem Glauben lassen, als er sie nicht auf Wege führt, durch deren Beschreitung sie sich geistig und seelisch schädigen muß. Von dem Augenblick an dagegen, wo die Harmlosigkeit aushört, der Ernst anfängt, wo sie öffentlich ihre zu wenig durchdachten Erwägungen mit um so siegesgewisserem ° Wortreichtum verkündet, werden wir um ihrer selbst und um derer willen, die zum Schaden der Sache auf äußere Dinge allzugroßen Wert legen, mit unserm Urteil nicht zurückhalten dürfen. Wenn das Leben überhaupt ein Kanchf ist, so ist's ja das heutige Leben in besonderem Maße. Wer soll kämpfen, wenn nicht die kraftvolle Jugend? Was unsere geistig strebende Jugend anlangt, so kämpft sie mit allen Waffen des Leibes und der Seele, sich für ihr augenblickliches und späteres Leben einen würdigen Platz in der Gesellschaft zu erringen, und wer wollte so kleinmütig sein, am Erfolg dieser.Mühen zu verzweifeln? Haben Wolken sich getürmt — früher oder später werden sie weichen. An die Stelle des Uebelwollens wird Wohlwollen, an die Stelle der Abneigung Anerkennung treten. Diese Ueberzeugung dürfen wir nimmer aufgeben. Wie glücklich, wenn sie uns einen ausreichenden Trost böte! Was ist aber das, halb und halb einem Namen huldigen, dessen Bedeutung man nicht kennt? Das tut dem Judentum gegenüber unsre geistig strebende Jugend recht oft. - ■:;; Sie hat großenteils eine gewisse Pietät dafür bewahrt, die um so anerkennenswerter, weil diese Jugend eben nur recht lockere Bande mit dem Judentum verknüpften. Sie schämt sich ihres Judentums nicht — im Gegenteil, sie verteidigt es gegen brutale Angriffe mit Kräften, nach bestem Wissen.

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