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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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125 suchenden ist eine große Anzahl lediger Personen und-in sehr vielen Fällen sind die ehelichen Angaben mangelhaft, oder es sind gar keine Angaben vorhanden. Demnach gewinnen die 46 Verbrecher ein erhebliches Gewicht. Unter diesen 46 in Mischehe lebenden Verbrecherfamilien sind 41 jüdische und 5 christliche Männer. Dem Stande nach waren 20 Kaufleute, 12 Händler, 8 Handwerker, 6 Arbeiter. Was die Verbrechen selbst betrifft, so begingen 12 Personen Diebstahl, 10 Unterschlagung, 8 Betrug, 5 Kuppelei, 3 Urkundenfälschung, je 2 Hehlerei und Untreue, je 1 Abtreibung, Meineid, Betteln; 1 Knabe aus Mischehe wurde der staatlichen Fürsorgeerziehungübergeben. 36 mal beging der Mann das Verbrechen, 5 mal die Frau, 4 mal der Sohn, darunter war 3 mal der Vater christlich. Von den Frauen begingen 2 Unterschlagung, 2 Kuppelei (beide male war die Frau jüdisch), 1 mal Diebstahl. Maretzki möchte der Verwertung dieser Tatsache gegen die Mischehe keine Gewalt antun, aber es drängt sich doch unwillkürlich die Ansicht auf, daß bei dem, der an seiner Religion mißachtend vorbeigeht, die sittlichen Widerstände auf eine schiefe Ebene geraten, auf der es keinen Halt gibt. Der wahre Grund dürfte aber doch mehr in den sozialen Verhältnissen liegen. Die Mischehen sind in den wirtschaftlich schwachen Kreisen verbreitet, darum auch dort die häufigen Verbrechen. Fraglos ist diese Begründung nicht von der Hand zu weisen, indessen kann man einen gewissen ursächlichen Zusammenhang zwischen Mischehe und Vergehen nicht wegleugnen. Die Schlüffe, die Maretzki aus seinen wertvollen Untersuchungen zieht, sind so wichtig und interessant, daß wir ihnen eine besondere Betrachtung widmen müssen. Bit Woche. Berlin, 14. März, rechte Art mit Antisemiten umzugehen, haben jetzt die liberalen Parteien im Parlament gefunden. Dies zeigte eine Szene im Reichstag am 8. d. M., wo über den freisinnigen Antrag betreffend die Wahlkreiseinteilung debattiert wurde. Natürlich mischten sich auch die Antisemiten in die Debatte, d. h. nur die aus dem Lande gewählten, also vor allem Herr Böckler, der u. a. behauptete: „Die 100 000 Juden in Berlin stellen eine Einwohnerzahl von 2OO bis 3OO Dörfern dar. Nun wäre es ein großes nationales Unglück, wenn 2OO bis 300 Dörfer verschwänden, aber wenn die 100 000 Juden ihren Wohnsitz nach dem Auslande verlegen würden, so würde das niemand bedauern." Darauf antwortete der Abgeordnete Gothein treffend: „Was soll es aber bedeuten, wenn Herr Böckler einem einzelnen minderwertigen Wähler aus Berlin hier einen Bauern gegenüberstellt? Den Verbrechern sind ja ohnehin die bürgerlichen Ehrenrechte entzogen. Die Ausführung über die 100 000 Juden in Berlin wird von mindestens 95 Prozent der Mitglieder dieses Hauses gemißbilligt werden." Und der sozialdemokratische Abgeordnete Ledebour fügte hinzu: „Solche Bemerkungen mag Herr Böckler aus seiner Tätigkeit in der Ritualmordbewegung in Könitz gewöhnt sein, von dort hat er sie wohl auch mitgebracht. Hier gehören sie nicht hin." Natürlich fühlte Herr Böckler das Bedürfnis, sich zu verteidigen und die Scharte auszuwetzen. Er sagte: „Ich glaube nicht, daß die Herren von der- Linken sich so eingehend mit diesem Teil meiner Rede beschäftigt hätten, wenn ich nicht ^den hunderttausend Berliner Juden auf die Hühneraugen getreten hätte. Es scheint auf der Linken wieder einmal eine Aera besonderer Judenknechtseligkeit zu bestehen. (Bravo! rechts, stürmische Heiterkeit links). Das hat die Herren geärgert und deshalb haben sie rnich % schlachten wollen." (Andauernde große Heiterkeit links.) D Mit Recht bemerkte darauf in seinem Schlußwort der Abgeordnete Kopsch: „Auf die Ausführungen des Abgeordneten Böckler will ich nicht eingehen. Nachdem die Abgeordneten Gothein und Ledebour mit größter Selbstüberwindung auf das Niveau des Abgeordneten Böckler herabgestiegen sind, kann ich das wohl vermeiden. Nicht seine Rede war bedauerlich, sondern daß sie Bravo! auf der Rechten finden konnte. Es liegt nicht im Interesse der Würde des Hauses, aus das Niveau des Tones des Herrn Böckler hinabzusteigen." (Sehr gut links.) Natürlich hatte die Szene noch bei den persönlichen Bemerkungen das übliche Nachspiel. Der Abgeordnete Böckler bemerkte nämlich trotzig: „lieber mein Niveau ist Herr Kopsch gar nicht imstande zu urteilen, aber ich weiß ja, daß er allen Grund hat, sich bei seinen lieben Berliner Juden wieder in den Tee zu setzen." (Lebhafter Beifall bei den Antisemiten.) Worauf der Präsident Graf Vallestrem witzig erwiderte: „Sie dürfen keine persönliche Bemerkung im Namen der Berliner Juden machen." (Stürmische langanhaltende Heiterkeit im ganzen Hause.) Das Schlußwort hatte der Abgeordnete Gothein: „Der Herr Abgeordnete Kopsch hat behauptet, ich wäre, wenn auch widerwillig, auf das Niveau des Herrn Böckler herabgestiegen. Ich verwahre mich gegen diese Behauptung, das habe ich nie getan." (Heiterkeit links.) Das ist schließlich auch das Beste. & Mehr als anderen interessieren jetzt die Nachrichten aus Rußland, und zwar die über die innere Lage so gut wie die über den Krieg in der Mandschurei. Leider sind diese Nachrichten oft sehr unzuverlässig und, wenigstens was die'Juden betrifft, auch ungünstig. Ganz vortrefflich ist in dieser schweren Zeit das Benehmen der russischen Juden! Sie sind nicht feig und nicht kriegerisch, sondern mit rechter Manneswürde machen sie ihre nur zu berechtigten Forderungen geltend. Wir haben erst in der vorigen Woche die Petitionen der sibirischen und der baltischen Juden erwähnt. Heute wollen wir das Telegramm hier wiedergeben, das eine kleine jüdische Gemeinde Borrissoglajebsk im Gouvernement Tambow an den Präsidenten des Ministerkomitees gerichtet hat, um diesen Geist zu charakterisieren. Dasselbe lautet: „Wir Juden sind fest überzeugt, daß die vollkommene Gleichstellung in den Rechten mit der übrigen Bevölkerung, dem' vielen Millionen zählenden Judentum in Rußland die Möglichkeit geben wird, ein Leben der Arbeit zu ihrem eigenen Nutzen, und dem Nutzen des Staates zu führen. Wir sind ebenfalls überzeugt, daß wir, berufen alle Staatslasten zu tragen, endlich aus der Rechtlosigkeit auf den breiten Weg der Gleichheit aller Bürger zum Wohle des Vaterlandes herausgeführt werden müssen. Zur vollen Verwirklichung des kaiserlichen Ukases vom 12. (25.) Dezember 1904 ist es notwendig, die kompetente Stimme der Vertreter des russischen Judentums in den Angelegenheiten, die sie berühren, anzuhören, was allein als Pfand zur allseitigen Aufklärung dieser Frage dienen kann." Auch der erbittertste Gegner der russischen Juden wird nach solchen Proben nicht in Abrede stellen dürfen, daß diese für die Emanzipation durchaus reif sind. Hat doch sogar ein hoher geistlicher Würdenträgerder Metropolit von Petersburg, Antonius, in der Unterhaltung mit einem Vertreter der Presse folgendermaßen, sich darüber geäußert: „Die Glaubensduldung, dem Gesetze nach, hat bei uns eine große Anwendung in bezug auf die fremden Andersgläubigen; aber zu gleicher Zeit begegnen sich sehr ernste Inkonsequenzen, zum Beispiel das Verlassen der rechtgläubigen (Prawoslawnh)-Kirche wird als Kriminalverbrechen betrachtet. Auf diese Weise einerseits Glaubens-

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