Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- 69^ Jahrgang, Io. 10. Berlin, 10. März 1905. ‘'J ^Beilsse zur „Allgemeinen Leitung de^ Judentums" korrrlpondkn-kn und Mschrichtrn. Deutschland. 22 Berlin, 6. März. Irr-Sachen Graf Pückler. hat der Oberpräf.ident der. Provinz Brandenburg - jetzt eine> Entscheidung „getroffen... .Das Organ des Grafen . Pückler, der „Netter, ausder -Judennot". wurde bei seinem Erscheinen., durch die Berliner Polizei vom. Straßenhandel, ausgeschlossen. .Auf die hiergegen eingelegte Beschwerde beim Oberpräsidenten ift: von .diesem jetzt, folgender Bescheid eingegangen: . „Der. Beschwerde über .polizeiliches Einschreiten - gegen das . öffentliche Verbreiten und . Ausrufen der Nummer 1 der Wochenschrift „Der Retter aus der Juden not", kann ich nicht stattgeben. Namentlich der Artikel in der Beilage ist bemüht, gewisse Klassen der : Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten, gegen die. jüdische Bevölkerung . .auszureizen, ja, er schließt mit der Aufforderung, durch Ausplünderung und. Zerstörung der Läden der jüdischen Kaufleute deren Eigentum zu. vernichten- Dies sind Anreizungen zu Verletzungen, der Strafgesetze. Die. Polizeibehörde, war daher, verpflichtet, gegen das öffent- . . liche Verbreiten dieser Flugblätter gemäß § 10, Teil II, Titel 17 des - allgemeinen Landrechts zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung einzuschreiten." BerAir, 1. März. Der Hilssverein der Deutschen Inden hielt am 26. v. M. seine 3. Generalversammlung ab, die von dem Vorsitzenden Herrn. James Simon mit einem warmen Nachruf auf die.verstorbenen Mitglieder eingeleitet wurde. Insbesondere gedachte derselbe des: verstorbenen Generalsekretärs Willh Bambus, dessen Verdienste um die Judenheit überhaupt und insbesondereum den Hilssverein, Herr Simon in höchster Anerkennung würdigte. Hierauf gab der Vorsitzende einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung des Hilfsvereins im Jahre 1904. Er konstatierte mit Genugtuung die großen Sympatien, der sich der Hilssverein in Deutschland allgemein erfreut.. Die Zahl der Mitglieder ist von 5500 auf 8500 gestiegen; die regulären Einnahmen des Hilfsvereins aus Mitgliederbeiträgen und Spenden,sind gleichfalls von 45000 Mark auf rund 70000 Mark gewachsen. Die große Hilfsaktion, welche zugunsten der russischen Inden vom deutschen Hilfsverein eingeleitet worden ist, hat es erforderlich gemacht, daß der Redner eine Spezialsammlung für diesen Zweck veranstalten mußte. Die Sammlung beschränkte sich auf einen kleinen Kreis wohlhabender Glaubensgenossen in Berlin, und ergab die Summe von 108000 Mark. Die Gesamteinnahmen des Hilssvereins im Jahre 1904 betrugen 209931 Mark; die Ausgaben 194503 Mark. Das Vermögen des Hilssvereins betrug am 31, Dezember 1904 einschließlich der Baron von Cohn-Oppenheim-Stistung für Schulzwecke die Summe von 688030,48 Mark. Dr. Paul Nathan erstattete hierauf den Geschäftsbericht für das Jahr 1904: Die Tätigkeit des Hilfsvereins galt im abgelaufenen Jahre in erster Reihe den Juden Rußlands. Die Hilfsaktion war zweierlei Art. Zunächst mußte die Notlage unserer Glaubensgenossen,, welche sich in Rußland befinden, vorzüglich in den westlichen Jndustriebezirken einigermaßen gelindert werden. . Zu. diesem Zweck hat der Hilssverein eine Summe von 50000 Mark bereit gestellt. Diese Summe ist wie folgt , verteilt worden. Es haben erhalten: Warschau 10000 .Franks, Wilna 10000 Franks, Odessa 10000 Franks, Lodz 5000 Mark. Ferner wurden 10000 Mark für den gleichen Zweck dem Petersburger Komitee überwiesen. Zu erwähnen wäre noch eine Spende von 2000 Mark für die durch Krawalle geschädigten Glaubensgenossen in Smjela, eine solche von 4100 Mark für die Abgebrannten in Wilkomir usw. Andererseits war die Hilfsaktion darauf gerichtet, für diejenigen, die sich in derHeimat nicht mehr halten konnten und zum Wanderstab griffen, Erleichterungen eintreten zu lassen. Es ist bekannt, welchen Unzuträglichkeiten die jüdischen Auswanderer an der. preußisch-russischen Grenze ausgesetzt waren. Diesem Uebel ist - durch - die Begründung einer großen Organisation von Schutzkomitees für durchreisende russische-Juden an den. wichtigsten Uebergangsplätzen von Memel bis Ratibor gesteuert worden. Durch persönliche Verhandlungen mit den. maßgebenden Faktoren der. Ä ..Regierung sowohl wie der Schifffahrtsgesellschasten ist es gelungen, ':4 eine Reihe von Erleichterungen für die auswandernden Glaubens-?; genossen zu erzielen. - Um. die ohnehin'schon geplagten Auswanderer ' vor Ausbeutung durch Subagenten und Wirte zu schützen, sind in Plätzen, wo sich dies als besonders notwendig und zweckmäßig erwies, besondere Herbergen begründet worden, so in Tilsit und in Königsberg. - Die Bestrebungen, die planlose jüdische Auswanderung zu regulieren, führten zu der internationalen Konferenz in Frankfurt a. Mi,- deren 4 -Haupterfolg die Begründung eines Zentralbnreaus für jüdische . Auswanderungsangelegenheiten in Berlin durch den Hilssverein der deutschen Juden und die Großloge für Deutschland ist. Auf dem ~r . Gebiete des Schulwesens galt die-Tätigkeit des Hilssvereins in erster . Reihe der Türkei und den Balkanstaaten. Dabei lies; sich der Hilss- ’J verein von dem Gesichtspunkt leiten, überall dort zugleich die Verbreitung der deutschen Sprache unter den Juden zu fördern,, wo sich ~ dies für unsere Glaubensgenossen nach deren eigener Ansicht aus ‘ Gründen des wirtschaftlichen Fortkommens als notwendig und zweckmäßig erwiese Es wurden Schulen gegründet respektiv unterstützt in Sofia, Philippopel, Konstantinopel, den anatolischen Kolonien und Z einer Reihe von Schulen in Rumänien. Ganz besondere Aufmerksamkeit hat der Verein den Schulverhältnissen in Palästina zugewendet. Um dem großen Mangel an geeigneten Lehrern im Orient abzuhelsen, " hat der Verein die Begründung eines Lehrerseminars in Jerusalem 1 beschlossen, welches am 5. Mai 1904 seine Lehrtätigkeit bereits begonnen - hat. Der Hilfsverein unterhält ferner in Palästina drei Kindergärten, 1 von Heuen sich zwei in Jerusalem und einer in Jaffa befindet. Die ,'r Eröffnung eines vierten Kindergartens in Saffed steht bevor. Es -q besteht die Absicht, im Anschluß an diese- Kindergärten Normalschulen;> zu errichten. Das Bestreben des Hilfsvereins seit seiner Begründung > ging dahin, durch Einführung von Hausindustrien den galizischen ',r- Glaubens gen oss en Arbeitsgelegenh eit zu bieten. Besonders verbreitet .• ist die Haarnetzindustrie. Neu hinzugekommen ist die Herrenkleiderkonfektion, Korbwarenindustrie, Fabrikation von Metalltäschchen und -j Fezquasten. Ein bedeutender Faktor für die jüdische Bevölkerung in Galizien verspricht die Spitzenklöppelei zu werden, welche mit Unter- ■< nehmen in Kolomea eingeführt worden ift. Es werden bereits i■ 120 Mädchen mit diesem Industriezweig beschäftigt und es besteht die > Hoffnung, daß es bald möglich sein wird, in großer Anzahl jüdische Mädchen in der Spitzenklöppelei zu beschäftigen. Zu erwähnen wäre " noch die Beteiligung an der Hilfsaktion für die marrokkanischen Z Juden mit 2000 Mark, an-, der Errichtung eines Lehrerseminars für i die osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. mit 5000 Mark, an dem Bau einer jüdischen Mädchenschule in Haskaien, einer Vorstadt ■* Konstantinopels, gleichfalls mit 5000 Mark an einem Kindergarten in Stanislau rc. Nach kurzer Debatte wurden die statutengemäß ausgeschiedenen Mitglieder. des Zentralkomitees durch Zuruf einstimmig wieder gewählt. Nach Erledigung einiger Statuten- 7. Linderungen, welche nach dem Vorschläge des Zentralkomitees von der | Mitgliederversammlung mit großer Majorität angenommen worden sind,, schloß der Vorsitzende die Versammlung mit der Versicherung, 7 daß der Hilfsverein auch fernerhin bestrebt sein wird, zum Wvhle der notleidenden Glaubensbrüder im Osten zu wirken. .-i s. .Berlin, 2. März. Vor einigen Tagen wurde hier unter dem; Titel „Vereinigung jüdischer Religionslehrer Berlins", ein Verein begründet, der den an den verschiedenen Schulen Berlins tätigen Religionslehrern und Lehrerinnen konservativer Richtung \ Gelegenheit geben will, ihre Anschauungen und Erfahrungen gegenß seitig anszutanschen. Der'Vorstand besteht aus Herren Rabbiner Höxter,. Vorsitzender, Dr. M. Hildesheimer, Schriftführer, Dr. I. Bleich- '7 rode, Kassierer. Die Sitzungen finden an jedem ersten Dienstag im * Monat statt. Zu den wissenschaftlichen. Vorträgen sind Gäste ohne -Einführung willkommen. Bisher sind dem Vereine 21 Lehrer und . Lehrerinnen.beigetreten.