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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-10 · Heft 10 (10.3.1905) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
Seite 119 (sequence 11)
Language
German
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Als er nach Hause kam, .sprach er zu niemandem ein Wort. Er ging traurig umher und. brummte nur in einem fo.rt: „Er versprach wieder zu kommen .... Aber wann? Wann-kommt-er? . . . Ah, ah!- Solch ein kleiner schwacher Knabe, und wie lernte er! Tag und Nacht lernte. er! Gemara lernte er! ... Und was tat Gott? -Warum hat Gottdas getan?. Warum mußte er krank werden? . . ." Und seine Schlitzaugen füllten sich mit Tränen. - Schon bedeckte grünes Gras den Grabhügel des Knaben Josef,' aber der Kamonenser erwartete noch immer seine Wiederkehr. Den ganzen..Winter ging er ohne warmen Rock umher, da er seine geringen Ersparnisse nicht vergeuden wollte und ' sie für seinen Liebling aushob. Wenn er abends am Waschfaß stand .und die Töpfe abspülte, brummte eiT teife vor sich hin: „Wann wird' er kommen? Wann? Er hat^s ja versprochen . . ." _ Dir Juden in Sottrrdam. Von Albert Katz. ^er nach Rotterdam mit der Absicht kommt, das Leben und Treiben der dortigen Juden unauffällig zu beobachten, hat, wenn' er der Landessprache nicht mächtig ist und sich nicht sogleich an die einzige Auskunstsstelle, das Rabbinat, wenden will, große Schwierigkeiten 'zu überwinden, ehe er zu seinem Ziele gelangt. Die 10 000. Juden, welche dieser. lebhafteste Handelsort Hollands unter seinen 310.00.0 Einwohnern aufzuweisen hat, wohnen in der ganzen auf beiden Seiten der Maas liegenden Stadt und deren Vororten zerstreut und unterscheiden sich von ihrer christlichen Umgebung weder durch ihre Physiognomie, noch durch die sogenannte jüdische Lebhaftigkeit oder andere - äußere Merkmale, die, wie viele glauben, den Juden als solchen schon von der Ferne kennzeichnen. - ’ /. Ein Berliner jüdischer Reisender, mit dem ich . in einem Hotel wohnte, sagte mir, als ich von ihm, der Rotterdam „inwendig und außwendig" zu kennen behauptete, etwas Näheres über die dortigen Juden zu erfahren wünschte: „Sie geben sich nicht zu erkennen," und er brach dabei in ein so konvulsivisches Lachen aus, daß ich mich unwillkürlich umsah, ob ihn nicht jemand kitzelte. Allein der gute'Mann, den ich, selbst wenn ich ihn nicht von Berlin aus gekannt, sofort als Jude erkannt hätte, obwohl er sich die größte Mühe gab, sich unkenntlich zu machen, scheint die Rotterdamer Juden nach seiner eigenen Gesinnung beurteilt zu haben. Nicht sie geben sich nicht zu erkennen, sondern der freiheitliche Himmel, unter dem sie leben, macht sie unkenntlich. In gleichem Maße wie ihre christliche Umgebung im Vollbesitz aller bürgerlichen und politischen Rechte, fühlen sie sich ebenso wie jene in erster Reihe als Holländer, als Söhne eines Vaterlandes, das schon längst alle Scheidewände zwischen Juden- und Christenmenschen niedergerissen hat. Hierzu kommt noch, daß sie nicht wie die Juden in Amsterdam in kompakter Masse nebeneinander, sondern, wie bereits erwähnt, in der ganzen Stadt zerstreut wohnen, sich dem Straßenhandel geflissentlich fern halten und, was die Hauptsache ist, keine voneinander getrennten Gemeinschaften bilden. ''> Während die Juden in Amsterdam noch jetzt in zwei Gruppen, portugiesische und deutsche Juden, gesondert sind, was zweifellos, da sie sich auch gegenwärtig nur äußerst selten miteinander, verschwägern, mit die Schuld an der physischen und geistigen. Verkommenheit v eines nicht geringen Teiles der dortigen jüdischen Bevölkerung trägt/ haben die portugisischen Juden in Rotterdam schon längst eingesehen, daß sie gar keine. Veranlassung haben, ihre deutschen Glaubensgenoffen als minderwertig zu betrachten,' und bilden nun mit ihnen zusammen nicht bloß eine Gemeinde, sondern schicken sich-auch darin, daß die Sorge für ihr Seelenheil einem in Deutschland geborenen und ausgebildeten Rabbiner anvertraut ist. Ja, wie mir von vertrauenswerter Seite nutgeteilt wurde, rekrutieren sich die begeisterten Anhänger dieses streng orthodoxen deutschen Rabbiners neben einigen vor kurzem aus Süddeutschland und Polen eingewanderten hauptsächlich aus Abkömmlingen portugiesischer Juden, die nun auf Rabbi . Mose Jsserles schwören und für eine in. den Zeitverhältnissen begründete Fortentwicklung des Judentums so wenig oder so viel Verständnis haben, wie .die große Mehrheit der hochdeutschen Gemeindemitglieder Verständnis. für ein Ghetto-Judentum besitzt. Der überseeische Wind, der. von der silberschillernden Maas aus die Straßen Rotterdams durchzieht, hat aus ihnen, wie es scheint, nicht nur die Jammergestalten mit der Ghetto- Signatur, nicht nur die Bettler, Schmarotzer und Judentumhändler mit dem Stempel des Galuth an der Stirn weggejagt, er hat aus der Mitte der Rotterdamer Gemeinde auch all^ jene widerlichen Kehila-Ruderer, Besserwisser, Projektenmacher und Judentumsbeglücker verdrängt und reinigend und stählend auf die Geister gewirkt, daß sie allesamt, mit geringen Ausnahmen/ nur ein Ziel vor Augen haben: In Frieden mit einanderzu leben, um dem Judenelend so weit als möglich abhelsen zu können. Und wahrlich, den Juden in Rotterdam mangelt es nicht an Gelegenheit das große Elend ihrer Glaubensgenossen aus nächster Nähe kennen zu lernen. Aus den unzähligen Akten der großen Tragödie des jüdischen Volkes spielen sich hier sehr häufig Szenen ab, welche die hiesigen Glaubensgenossen unwillkürlich an jene traurige Zeit erinnern, in der einst auch ihre Väter die liebgewordene Heimatsscholle verlassen und zum Wanderstab greifen mußten, um ebenso wie jetzt die rumänischen und russischen Flüchtlinge eine- Reise — ins Ungewisse anzutreten. Zum Lobe der Rotterdamer Juden aber sei es gesagt: sie haben ein sehr gutes Gedächtnis; das. von ihren Altvordern durchkostete Leid lebt in ihrer Erinnerung, als Hütten sie es an ihrem eigenen Leibe erfahren, noch immer fort, und darum ist die Art ihrer Hilfeleistung und Fürsorge für die unbeholfenen hilfesuchenden Stammesverwandten innig und herzlich und frei von jedem großspurigen Getue.und verletzender Güte, sondern echt jüdisch in der Vorbereitung und Ausführung: ohne Eclat nach außen und ohne jegliches Verlangen nach Dank und Anerkennung im Innern. Ich erwähne nur die von der Rotterdamer Gemeinde in weiser Voraussicht der kommenden Dinge schon vor Jahren in aller Stille errichtete jüdische Herberge, in der die im Laufe eines Unglücksjahres nach tausenden zählenden , armen Emigranten für die Zeit ihres dortigen Aufenthaltes bis -zum Abgang der sie in die weite Welt tragenden Schiffe eine liebevolle gastliche Stätte finden. Diese jüdische Herberge, die mit vollem Recht den Namen „Montefiore-Haus" führt, ist für den jüdischen Reisenden eine größere Sehenswürdigkeit als das bekannte Rotterdamer „Witte-Huis" mit seinen zehn Etagen, das kein Fremder, sich anzusehen verfehlt. Nur durch einen Zufall erfuhr ich von. der Existenz des Montefiore-Hauses. :. Als ich nämlich an einem Freitag Abend die. Synagoge in der Boompjesstraße besuchte, erblickte ich unter den Betenden einen polnischen Juden, der an einer bescheidenen Ecke stand und in inbrünstige Andacht versunken, war. Der Mann mit

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