Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Was der Arzt behauptet, weiß ich nicht," erwiderte der Kamonenser. „Aber Josef klagt, daß ihm das Herz sehr weh'tue." - -7 ' 5^ „Welch ein Schmerz! Welch ein Schmerz!" jammerte/Gitel leise. „Schon im vorigen Jahr klagte er häufig über einen D»rück -im Herzen. Wäre er daheim geblieben," so hätte ihn die Krankheit gewiß verschont." *. „Aber lernen tut er hier!" schrie der Kamonenser begeistert, während sie sich einem niedrigen Vorstadthäuschen näherten. „Er lernte und lernte Tag und 'Nacht ohne Unterlaß. Genau lernte er. Schade! ' Sehr schade, daß er krank wurde," schrie er immer lauter. ' „Was brüllst Du so, Unmensch!" ließ sich die Stimme einer alten Frau aus dem Hausflur vernehmen. Gitel zuckte zusammen. „Was?" fragte der Kamonenser. ' „Siehst Du nicht, Tolpatsch, daß die Ziege nicht angeseilt ist?" brummte die alte Frarh die auf einem Schemel zur Erde saß, und die vor ihr flehende Ziege melkte. „Dein Gebrüll hätte sie beinahe scheu gemacht, wenig fehlte, und sie hätte den Milchnapf umgeworfen." - „Ich habe nichts gesehen," entschuldigte sich der Kamonenser. ' r,Jch komme zu erfahren, wie es dem kleinen Josef geht." „Er ist mit meinem Alten draußen im Freien. Ich trage ihm gleich, die frische Milch hin, die noch warm ist. Die: ganze Nacht hat er nicht geschlafen. Der Husten plagt ihn sehr. Daß sich Gott seiner erbarme!" „Seine Mutter ist gekommen!" sagte der Kamonenser. Die beiden Frauen blieben reglos, keines Wortes mächtig, vor einander stehen. Die Alte hielt in ihren vertrockneten Händen den Milchnaps und blickte der Ziege nach, die mittlerweile ihren Standort verließ um einen kleinen Spaziergang zu machen, Gitel faltete die Hände über die Brüst, und stille Tränen rannen über ihre Wangen. „Gehen -wir hinaus!" unterbrach der Kamonenser das Schweigen. ' : „Zu ihm," flüsterte Gitel. . Sie machten sich zu dreien auf den Weg, während die Alte sagte: ■ „Ihr müßt das Kind nach Hause nehmen und es wie . Euren Augapfel behüten. Eine Mutter weiß am besten, wie ihren kranken Sohn zu behandeln. Der Arzt sagte, er dürfe' ganz und gar nichts lernen." „Aber gelernt hat er hier," seufzte der Kamonenser. „Ah, ah! Wie der lernte! Tag und Nachts tat er nichts als lernen. Gemara lernte er!" „Er darf nicht lernen! Der Arzt verbot es ihm ausdrücklich . . ." betonte die Alte. „Mein; Sohn, mein Sohn!" schluchzte Gitel in einem fort. „Dort spaziert er herum mit/ meinem Alten," wies die Frau mit ihrem mageren Finger. „Seht Ihr? Dort, in der Nähe des Hauses!" Gitel fing aus Leibeskräften zu laufen an. »Josef! Josef, mein Sohn!" schrie sie laut auf. Der Knabe wandte sich um, und blieb wie angenagelt stehen.; »Josef!" wiederholte die Mutter. Der Alte.faßte den Knaben bei der Hand und geleitete ihn sacht der Mutter entgegen. . - >,Mein Kind, mein Kind! Ich bin zu Dir. gekommen! Mutter, ist gekommen!" fe.: - Der Alte winkte ihr zu, aufzuhören. „Wie langsam er geht!" stöhnte Gitel. „Er kann nicht mehr rasch gehen. Er kann nicht!" . 7. . . „Ach!" entrang sich ein kurzer'Seufzer "aus zwei'Herzen,- als Mutter' und Sohn sich rveinerid in die Armefielen.' „Das Herz tut mir weh, Mutter!" stöhnte der Knäbe, während die Mutter 'ihn heftig an die Brüst drückte. - - Gitel wich' einige Schritte zurück und betrachtete mit kummervollem Blick das bleiche abgemagerte Antlitz des Sohnes, dessen blutlose Lippen und zurückgesunkene, große-Augen. Sie rang verzweifelt die Hände und jammerte laut: . „Mein Kind, was ist aus Dir geworden'!"? „Ich war krank, liebe Mutter! . Ich habe viel Mid' und Not zu tragen gehabt . . . Ich hungerte all die Tage „Barmherziger Gott! Barmherziger Gott!" »Ich habe'Herzweh,' Mutter! . . . Nimm mich nach Hause, -zum Vater, zum Vater. . ." Die beiden. Alten standen da und fühlten ihre Augen feucht werden. Der Kamonenser ging hin und her mit feuerrotem Gesichte/während er. von Zeit zu Zeit ein undeutliches Knurren, vernehmen ließ. Schließlich trat er än die alte Frau heran, nahm ihr .den Milchkrug, ab und reichte ihn Josef. „Trink, elfi die Milch kalt wird." Gitel schlug sich mit der Hand auf die Brust und weinte bitterlich. X. Gegen Abend verließ der leichte Wagen mit. dem flinken Pferd das Städtchen unter hellem. . Schellenklang.- An der Seite des Wagens lief, der Kamonenser einher,' seine schief-, sitzenden Augen rolltenhin-..und/ her wnd sein Gesichhwär sehr rot. . ' > - — - . . t :; „Josef!" bat er mit zitterner Stimme. „Sobald Dü gesund Wirst, komme gleich wieder. -- Ich werde schon -wissen,. was zu tun. Du sollst nicht mehr hungern." „Ich werde kommen," flüsterte der Knabe. ' „An Geld solls nicht mangeln," schrie jener und sein häßliches Gesicht nahm einen heitern Ausdruck an. „Ich Hab/ Dir ja gesagt. .. Diesen Rock kann, ich noch ausbessern lassen. Und Stiefel ... Stiesel werde ich auch schon haben . Wirst Du kommen?" ' . „Wenn ihm Gottnur Leben und Gesundheit schenkt," antwortete die Mutter. - - „Ich - habe Dir noch etwas zu sagen," sprach der Kamonenser, „laß doch den Wagen ein wenig halten." Er übergab dem Knaben ein in Papier gewickelten Gegenstand. „Was ist das?" Der Kamonenser flüsterte dem Knaben ins Ohr: „Das Ringlein!" „Das hattest Du ja verkauft." „Nein," .. / , „Du gabst mir ja das -Geld!", „Ich? Nein . .. Ich .. gab Dir nichts . .." stammelte der andere. „Einen Rubel und fünfzig Kopeken gabst Du mir ja." . „Was? Ich . . . Nun, warum soll ich dann - ärger sein, als andere Leute . . . Kalman, der Schneider und Baruch, der Zimmermann . . ." „Wollen wir endlich aufbrechen?" rief der Kutscher ungeduldig. „Oder müssen wir hier nachten?" „Aber Du kommst bestimmt wieder! Josef!" schrie der Kamonenser mit schmerzerfüllter Stimme dem davoneilenden Wagen nach. .„Ich werde kommen!" bemühte sich der Knabe laut zu antworten. . Lange Zeit stand der Kamonenser am Wegrand und blickte dem Wagen nach, der in der Dämmerung verschwand.