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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-10 · Heft 10 (10.3.1905) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
Seite 115 (sequence 7)
Language
German
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besser geworden, und es wird noch' viele s auf diesem. Gebiete geschehen, des sind wir gewiß. Und nun geht der Religionslehrerverband daran, einen einheitlichen Lehrplan für den Religionsunterricht an allen Mittelschulen Oesterreichs zu schaffen. Am.13. Februar traten Delegierte des Verbandes zu diesem großen Werke in Wien zusammen. Möge ihre Arbeit zu einem gedeihlichen Ziele führend Sie ist schwierig, scheint schier unüberwindlich zu sein; denn die verschiedenartigsten Verhältnisse, wie sie an unseren Mittelschulen mit ihrer oft großen, oft auch kleinen Zahl f jüdischer.Schüler herrschen, sind hier zu berücksichtigen. Es ist ins Auge zu fassen, wie mannigfaltig die religiöse Vorbildung unserer Schüler ist, es ist die große und die kleine Stadt mit ihren eigenartigen Gestaltungen ein gewichtiges Moment,. das nicht übersehen werden darf. Und doch erfaßt uns ein Hochj gefühl, wenn wir bedenken, daß hier nicht von „oben", sondern j von „unten" ein Werk vollführt wird, das, es möge vollständig! sein oder nicht, nur Ersprießliches zutage fördern kann. Ein sogenannter Normallehrplan für den jüdischen Religionsunterricht wird an allen Mittelschulen zugrunde gelegt werden, und schließlich ist es ja doch die Persönlichkeit des Lehrers, der den Unterricht nach seinem besten Wissen und Gewissen? ersprießlich gestalten muß. „Setzt uns nur in den Sattel, das Reiten werden wir schon lernen." — Darum begrüßen wir mit Freuden die Tätigkeit des Neligionslehrerverbandes, der, rastlos und unermüdlich, nur das Wohl von Lehrenden und Lernenden im Auge hat. Der Religionslehrer hat es in seiner Hand, seine Schüler zu guten Juden und guten Menschen zu erziehen. Er schaue nicht nach rechts und nicht nach links, nicht nach oben und nicht nach unten, sein Auge schaue geradeaus auf das Ziel, und dieses ist: Unsere Jünglinge zu Männern zu erziehen, die den Namen von Juden stets in Ehren tragen. Mag manches dürre Reis von dem alten Stamme abfallen, der Stamm selbst ist ja doch gesund, und so wollen wir ihn . erhalten. Ein Priester der Religion, die sich die der Liebe nennt, hat dieser Tage in unserem Abgeordnetenhause davon gesprochen, die Juden seien es, die den Nationen und Bekenntnissen ihre Ideen suggerieren, wir Juden seien also daran schuld, daß der Gorki-Rummel jetzt ausgebrochen sei, wir seien , ( es, die den Alldeutschen die Idee der „Los von Nom"-Bewegung einimpfen, wir seien die Störenfriede, wenn in Oesterreich Deutsche und Slaven in Frieden leben wollen; nein,' hochwürdiger Professor der Theologie, wir sind es nicht! Wir : wollen den Frieden und streben ihm nach, wir kümmern uns;■ um fremde Schäden nicht, wir haben viel zuviel mit unseren? zu tun, und an unserem schadhaften Hause wollen wir bauen. 5 Was in Rußland, was bei uns geschieht, das sind die Folgen y von Sünden, die wahrlich nicht die Juden, sondern ganz andere begangen haben. Darum meinen wir, es sei Sache insbesondere des Religionsunterrichts,, unsere Jugend für die erhabenen s . Ideale des Judentums zu begeistern, welche die Ideale der Menschheit sind. Wir sind überzeugt, die jüdischen Religionslehrer an den Mittelschulen Oesterreichs werden trotz vieler Schwierigkeiten und gewaltiger, schier unüberwindlicher Hinder-! nisse, stets ihre Pflicht erfüllen, die ihnen anvertrante Jugend! zum Judentum, zum Patriotismus, zum Menschentum zu erziehen. Sie werden es tun trotz Feindseligkeit von außen, Nörgelei und Verkleinerungssucht im Innern. Mag man von mancher Seite spöttisch lächelnd auf diesen Stand herniederschauen, er ist sich seiner hohen Aufgabe bewußt und geht zielbewußt ihrer Erfüllung entgegen. " 15 —- Der Religionsunterricht hat heute auch vielfach das. zu tun, was das Haus vernachlässigt, er wird auch dies im Auge behalten und vielleicht wird es geschehen, daß durch die Schule das Haus erzogen wird. „Durch den Mund der Kinder hast du die Macht dir begründet" ein herrliches Wort, lange vor Nietzsche gesprochen. Dieses Psalmwort, es begeistere Lehrer und Schüler in ihrem Tun; und so rufen wir im Geiste dieses Wortes den Mitgliedern unseres Neligionslehrerverbandes an den Mittelschulen Oesterreichs ein kräftiges: Jejascher koach! zu. Seid stark! Iwri. Das Grundübrl. Von Dr. U. Brettholz-Trrest. en Leitartikel vom 27. Januar „Wohin" kann wohl nur der in seiner ganzen Bedeutung verstehen und ermessen, der selbst mit den armen Flüchtlingen aus Rußland in Berührung kommt, diese vor Pein und Schrecken noch zitternden Personen vor sich sieht, ihren Jammer, ihr Elend vom Gesichte herunterliest. Ihr ganzes Streben st, mit heiler Haut über die Grenze — gleichgültig, über welche — zu entkommen und frei aufzuatmen. Wie man und bis man nun über die Grenzen kommt, ließen sich noch viele Kapitel schreiben, aber ein Beispiel sei hier zum besten gegeben. Vier erwachsene Glaubensgenossen, werden von zwei Bauern über die Husiathner Grenze geschmuggelt; unglücklicherweise scheinen aber die Wachtposten » der Grenze nicht unterrichtet oder richtiger gesagt^— nicht bestochen worden zu sein, damit sie ein Auge zudrücken, und so wird ein alter Mann mit seinen beiden Söhnen und seinem Schwiegersohn mit den beiden Bauern in ein Gefängniß geworfen; im Gefängnisse werden alle Personen halb tot geprügelt, den Juden die Bärte ausgerissen und so glaubten die Armen, daß schon ihre letzte Stunde gekommen sei; — zu ihrem Glück ist aber der Wächter ein intelligenter Mensch, der, um die Leute zu retten, ihnen folgenden Vorschlag macht (vorausgesetzt natürlich, daß sie seinen Rat auch bezahlen können). Er sei bereit, andere, sechs Personen ins Gefängnis hineinzulassen, die mit Pässen versehen sein sollen, diese sechs Personen müssen die Gefangenschaft schon einige Tage ertragen, und so sie dann zu Verhör aufgefordert werden, können sie ja^angeben,. sie seien von der Grenzwache mit Unrecht zurückgehalten worden, und sie wüßten nicht, weshalb man sie ins Gefängnis gesteckt habe. Inzwischen konnten natürlich die vier Personen, die sich ihre Erfahrung teuer erkauft haben, sich über eine andere Grenze retten. Auf diese und ähnliche Weise passieren die meisten die Grenzen. Jetzt beginnt aber erst 'das drückende Bedürfnis, der Hunger, den verlassenen Flüchtling zu erinnern, daß zur Erhaltung des Lebens nicht nur die freie Luft gehört, nicht immer der Wille zur Arbeit genügt — man muß erst die Arbeit finden, und die Arbeitgeber sind in den kleinen galizischen Städten nicht zu häufig. So vergehen nun einige Wochen des .Durchhungerns, bis ihm endlich von den zu Hause in Armut und Elend Zurückgelassenen das notwendige Geld geschickt wird. (Aus ganz vernünftigen Gründen unterlassen es die Flüchtlinge, Geld mitzunehmen.) Jetzt beginnt der zweite Abschnitt. Bekanntlich gibt es zwei Linien, die sich, resp. die Agenten derselben in den Grenzstädten, um die das nötige Reisegeld besitzenden Flüchtlinge reißen. Es gibt auch unter diesen Agenten gewissenlose Individuen, die den Aermsten der Armen ihren letzten Groschen aus der Tasche rauben, sie buchstäblich auspressen und sie dann Gemeinden zuweisen, die

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