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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-10 · Heft 10 (10.3.1905) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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114 wollten. Und sie alle stehen zu gemeinsamer Abwehr zusammen. Während die Einen nur die Waffen des Geistes zum'Kampfe gegen ihre Unterdrücker schmieden wollen, während sie in geschichtlichen, literarischen Vereinen sich scharen, haben andere Korporationen, denen auch der Verfasser dieses nahe steht, außerdem auch die studentische Kampfesweise ihrer christlichen Gegner adoptiert: der Schläger in der Faust beweist dem jungen Studenten, der nicht überzeugt werden will, oft vielmehr als gute Gründe — und' mit dem Märchen von der jüdischen Feigheit dürste es bald ein Ende haben! Mögen so unsere jüdischen Korporationen auf verschiedenen Wegen und jede in ehrlichster Ueberzeugung dem Ziel entgegenstreben; marschieren sie auch häufig getrennt — sie schlagen vereint! Denn im letzten Grunde haben sie alle nur einen Feind und denselben redlichen Willen, ihn zu bekämpfen. Und da wagt man die Auflösung dieser Korporationen, deren Mitglieder sich in der bitteren Not der Zeit fest und treu zusammengefunden haben zu fordern! — mit der einfältigen Begründung, ihr Treiben sei antinational. Weil der Jude antinational ist, deshalb soll er m einer „christlichen Korporation nicht ausgenommen werden; weil er antinational ist darf er aber auch einer jüdischen Korporation nicht angehören? Und inwiefern ist er denn antinational? Das scheint bei den Herren als Axiom zu gelten. Alle denkenden ehrliebenden Juden, insbesondere jüdischen Akademiker, werden wohl wissen, wie sie sich dem dreisten Gebahren einer Anzahl junger Leute, wie es. sich in dem Ansinnen, die konfessionellen Korporationen abzuschaffen, kundgibt, gegenüber zu stellen haben. Jedenfalls werden wir, die jüdischen Akademiker, uns durch antisemitische Aufreizung die Freuden des. Studententums nicht vergällen lassen. Auch wir reiben unseren Kaisersalamander, auch wir schöpfen Lust und Begeisterung aus dem nägelgeschmückten Buche, und auch wir lassen uns kein Jota unseres Rechts auf Deutschtum rauben! Und wenn es uns tausendfach schwerer als den christlichen Kommilitonen gemacht wird, unser bischen Patriotismus uns zu wahren, so ist das unsere Sache und unser Verdienst. Wenn einst das geistige Ghetto gefallen ist, ist unsere Mission erfüllt. löriek aus Srltrrrrich. Ende Februar. ^^on keinem Geringeren als Nietzsche rührt das große Wort her: Das kommende Jahrhundert gehört dem Kinde. Uns Juden hat der gewaltige und unglückliche Denker mit diesem Satze, welcher die Bedeutung des Kindes für das ganze gesellschaftliche Leben ins rechte Licht setzen soll, gewiß nichts neues gesagt. Seitdem es Juden gibt, seit den urältesten Zeiten der Bibel bis auf unsere Tage, dreht sich bei uns alles um einen Mittelpunkt, und dieser heißt: das Kind. — Der Tag der „Zeugnisverteilung" zeigt uns dies so recht deutlich. Es ist nicht zu verkennen, daß wir Juden unsere Kinder viel studieren lassen, vielleicht zuviel. Doch — dies gehört in ein anderes Kapitel. Wir haben Mittelschulen, an denen die Zahl der jüdischen Schüler mehr als 50 Prozent beträgt. Was mit allen Studierenden dereinst geschehen soll, das wollen wir hier außer Betracht lassen. Sicher ist, daß unter ihnen sich viel unter Mittelgut befindet, und wenn er dann kommt, der Tag der Zensur- oder. Zeugnisverteilung, dann gibt es, wer würde dies-auch vielgeplagten und oft arg enttäuschten Eltern übel nehmen, viel Klage und Anklage? Bei der Anklage kommt der Religionslehrer nicht am besten weg. Ost ist er der Sündenbock oder Prügelknabe, auf den nicht grade lustig eingehaut wird — natürlich alles m effigie —, er muß die Sünden anderer tragen wie weiland einstens der Hohepriester. Wagte es der Religionslehver dem Söhnchen eine' schlechte „Note" zu geben, dann entdecken merkwürdigerweise Leute, die sonst an alles mögliche denken, nur nicht ans Judentum, ihr jüdisches Herz, sie meinen, der - Religionsunterricht sei nichts wert, ja er treibe sogar die < Jünglinge aus dem Judentum. Wie sagt doch der ewig junge Goethe in der Faustbibel: „Den Teufel spürt das Völkchen me, und wenn er sie beim Kragen hätte." Das heißt ins Gemeinverständliche übertragen, daß die heutige unreligiöse, ja antireligiöse Erziehung an den Mißerfolgen des Religionsunterrichts Schuld trägt, und das wollen diejenigen am allerwenigsten bekennen, die es am meisten angeht. Wir sind deshalb der Meinung, daß . alle Bemühungen, den Religionsunterricht ersprießlich zu gestalten, nichts nützen, werden, solange er nur zu dienen scheint, den "Herren Jünglingen „gute Noten" zu verschaffen, sie zu „Vorzugsschülern" zu erheben, und die „Auszeichnung" bei der gefürchteten „Matura“ zu erwerben. Nichtsdestoweniger begrüßen wir mit Freuden die wirklich rastlose Tätigkeit des Ausschusses des israelitischen Religionslehrerverbandes an den Mittelschulen Oesterreichs, dessen Leiter sich wahrhafte Verdienste erwerben und schon erworben haben, nicht nur um die Stellung der Religionslehrer an unseren Mittelschulen zu heben, die Versorgung ihrer Witwen und Waisen anzubahnen, sondern auch die Organisierung des Religionsunterrichtes selbst gedeihlich zu gestalten. Es ist eine wirklich vom erhabensten Idealismus erfüllte Tätigkeit, welche diese Männer entfalten, und man kann auch sehen, welche . herrlichen Früchte diese einem tiefgefühlten Bedürfnisse entstammende Verbindung trägt und noch tragen wird. Wir können aber nicht umhin, hier ausdrücklich zu bemerken, daß es nicht unsere geistlichen und weltlichen „Großen" waren, die bei der Begründung unseres Religionslehrerverbandes zu Gevatter gestanden, sondern daß es einige schlichte Jugendbildner gewesen, die diesen Verein ins Leben gerufen haben, dem jetzt viele Titel und Stellungen danken. Das sollten diejenigen am allerwenigsten vergessen, die sich zu beleidigenden Ausfällen hinreißen lassen, wenn man es einmal wagt, nicht ganz von ihrer Gottähnlichkeit überzeugt zu sein. Das Sprichwort ist richtig: „Einer für Alle und Alle für Einen", aber in dem Haupte „Eines" ist ja doch die Idee entsprungen, und daran sollten die denken, welche die Früchte dieser Idee einheimsen. Die Stellung der Religionslehrer an unseren Mittelschulen, wie sie heute ist, und wie sie vor 15 Jahren war, ist doch eine ganz andere, und gar mancher, der jetzt den schönen Titel „Professor" führt, weiß nicht oder scheint es zu vergessen, daß seine Vorgänger im Amte den nicht sehr schönen Titel „Nebenlehrer" führten. Das war einst in der liberalen Aera Oesterreichs. Unser erleuchteter Unterrichtsminister hat gewiß das Hauptverdienst daran, daß es anders geworden, aber alle diejenigen, die heute unter besseren Verhältnissen unterrichten, sollten sich doch auch fragen, wer denn zuerst darauf drang, die Stellung der jüdischen Religionslehrer, dieser einstigen Parias im Lehrkörper, zu verbessern und von . wem; . die Anregung dazu aus ging, unsere obersten Unterrichtsbehörden . ' auf die wahrhaft klägliche Lage dieser Lehrpersonen, im mündlichen und schriftlichen Wege, aufmerksam zu machen, Es ist.

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