Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-10 · Heft 10 (10.3.1905) · p. Seite 112

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228647--61536-3275362
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

■ ' ■ -— 112 vergreisen seiend Der--Gehilfe^ deK-iNUnistersr deS.c---Innern -.---DuLno.wo rierstnttete -über -l^en^Gegenstand^ Bericht nnb erklärte, - essei hochste ^Aeit,.die notwendige Dur chsicht -aller -die. Glaubens freiheit ..beschrLmkenden. Bestimmungen vprzunehmeu, und am besten ^.dieserBestimmungen in Bausch und Kogen abzuschaffen, mit Aus- . nähme derjenigen, die man als unentbehrlich erkenne..Das Ministerkomitee, war der Ansicht, daß diese letzteren Bestimmungen nur dann bestehen bleiben könnten, wenn siedurch den Reichsrat auf gesetzgeberischem - Wege ihre Bestätigung erhielten. - Erfolge diese v Bestätigung nicht, sosei dies gleichbedeutend mitihrer Abschaffung. ^Gleichzeitig fand: das Ministerkomite, daß-die Abschaffung der bisher , gegen- .Einzelpersonen angewendeten -Maßnahmen unentbehrlichsei <und-. schlug vor, daß; der .Minister des- Innern binnen einer -Frist Non höchstens drei . Monaten die Abschaffung aller Maßnahmen,, durch die das religiöse Bekenntnis beschränkt wird, anordne, mit Ausnahme der. von ihm als notwendig erkannten, die durch Vermittlung des Reichsrates die kaiserliche Genehmigung erhalten müssen. Das Komitee beschloß ferner, den-Minister zu beauftragen, künftig beider-Behandlung der-religiösen Fragen-nicht mehr die Anwendung der ^Vorschriften über die Sicherung der Staatsordnung muddie .Polizeiliche. Ueberwachung zu-'gestatten/-und alle diese bisher - .getroffenen Maßnahmen sofort außer Krast zu setzen." Wenn man's so hört, möcht's leidlich erscheinen — es --steht -aber doch -wohl, schief-darum — denn die. ganze- Geschichte bezieht -sich selbstverständlich nicht auf die Juden, sondern nur auf dis Bekenner der griechisch-orthodoxen Kirche! Gegen die Juden wird vielmehr mit verstärkter Kraft gehetzt. Die Ermordung des Großfürsten Sergius wird fortdauernd von antisemitischen Blättern Rußlands dazu benützt, ...um- Stimmung gegen, die-Juden zu.machen.. Einzelne ließen .sich, aus Moskau, melden, ., daß der Mörder des Großfürsten einem. Juden , ähnlich sei . . .. Die „Moskowskija. Wjedomosti" wußte:sogar, gu berichten,, daß der Attentäter mit. nichtrnssischem Akzent., spreche und selbst der „Negierungsbote" wiederholte . diese boshafte Bemerkung.?Jn. Feodosia. war ja. diese-Hetze schonvon -Erfolg gekrönt. Dort chaben sich die Behörden sichtlich bemüht, die allgemeine Unzufriedenheit der-Arbeiteraufdie Juden abzulenken, ----und . hinterdrein die Juden zum Sündenbock - für alles, was vor- ' gekommen ist, zu machen. Wir fürchten überhaupt, daß die russischen Juden den Sündenbock für. alle Unruhen und Niederlagen werden abgeben müssen. Um so anerkennenswerter ist die. mannhafte Gesinnung, mit derdiese, -für ihre Rechte kämpfen. So-haben jetzt, sogar - die sib iri sch en Juden eine Denkschrift, dem Präsidenten. - des russischen - Ministerkonritees überreicht,-der wir den folgenden -interessanten.Passus entnehmen: - - „In der im- Allerhöchsten Mas vom 12./26- Dezember 1904verkündeten -großem inneren Reorganisation--befindet sich auch ein kaiserlicher Befehl, „eine Durchsicht der jetzt wirkenden Bestimmungen, die dieRechte - der Andersgläubigen betreffen, vorzunehmen."' -Diese erfreuliche Kunde beleuchtete mit dem Lichte -der- Hoffnung die abgequälten-Herzen und-> den leidenden Geist der russischen Juden. Endlich ist. die Zeit angebrochen, daß jene - rechtlichen Fesseln - fallen - -sollen, unterderen Last das sünsmillionenzählende russische Judentum . stöhnt. - InvAllerhöchsten Mas vom H:/24. August 1904 ist der kaiserliche --Wunsch ausgedrückt) als-Basis der Entscheidungder jüdischen Frage, den Anfang „der Gerechtigkeit" zu legend-Diese Gerechtigkeit fordert laut die Basis des geheiligten Gewissens aller Kulturvölker, daß es „keine Pflichten und keine Abgaben ohne Pflichten" geben kann. Wenn das Recht der Existenz mit. Blut bezeugt .werden muß, so ist der. heldenmütige Tod der jüdischen Krieger in Port Arthur und in der Mandschurei eine würdige Antwort ans die Verleumdungen, daß den Juden - die Gefühle - der Ehre und Würde,* der Treue und Ergebenheit an ihre Pflicht fehlen. Auf dem Schlachtfelde-. wo alle im-Angesichte>des Todes -gleich werden/ ist wiederum der Befehl des menschlichen Gewissens -besiegelt, .-daß - „keine - Beschränkungen- und -Bedrückungen der Persönlichkeit ans religiösen Ueberzeugungen Platz -greifen dürfen." - Es 'ist die Zeit angebrochen, - auch für .denrussischen - Juden-,", diesenelendem Paria des - russischen, Landes, die Rechte der. --menschlichen Persönlichkeit anzuerkennen,- und ihn von den schweren Ketten zu befreien. - Dieselben erniedrigen nicht nur den Juden, sondern -.-..auch -das -russische-Bolk/.' --Sie drücken-nicht nurdie Juden,- sondern halten auch die Kulturentwicklung.Rußlands aus.,..,Die.Aushebung . der-Rechtsbeschränkungen. für die. Juden ist die.Lebensfrage, für fünf . Millionen Menschen. Dies verlaDen „die dringenden Interessen-des - Staates- undder.'ersichtliche Nutzen-des. russischen Volkes." .-Aber nicht , ultilitarische Erwägungen sind es,, sondern die Forderungen, der höchsten Gerechtigkeit rnüssen die rasche Aufhebung aller Beschränkungen der russischen Juden diktieren, die ihr ganzes Leben umstricken -und -- zusammenschmieden, dasselbe mit - einem ungreisbaren Netz tieser Erniedrigrmgen und. Beleidigungen erfüllen. - Wenn -aber die. Stunde noch nicht geschlagen hat,. -daß diese heilige Wahrheit als. die Basis der russischen Gesetzgebung hinsichtlichder Judenanerkannt sein soll, und swenn der Gesetzgeber das Prinzip - der Gradation annehmen wird, so', bitten die sibirischen Juden,- und hoffen, daß man jetzt schon -daran gehe, -wenigstens sie-soweit zu befreien, daß in.Zukunft -jener Paragraph vollkommen ausgeschlossen oder. die Bemerkung hinzugefügt wird,....daß ganz Sibirien für die.Juden, die gegenwärtig dort wohnen, offen bleibt, ein gleiches Territorium des immerwährenden ‘ Rayons sein soll, -wie jene Gouvernements des . Ansiedlungsrayons für die dort wohnenden-Juden." Ebenso haben die Juden in Riga eine -sehr würdige Ein- . gäbe abgeschickt. - Daß. derartige Kundgebungen auf den klugen Herrn Witte.' einen-gewissen Eindruck machen/ beweist feine im Ministerkomitee gehaltene- Rede, welche erst jetztim die Oessentlichkeit gedrungen ist. „Das feindliche Verhaltender Juden zu der Regierung," sprach der Vorsitzende des Komitees, „ist zweifellos durch die. schwere materielle Lage der Juden in Rußland bedingt. Der größte Teil der. russischen Juden lebt unter harten -Ausnahmegesetzen sowie unter dem . Drucke der grausamen Anwendung dieser Gesetze durch die Verwaltungsorgane. Daher.müssen die im Zarenmanisest vom 25. Dezember verkündetenErleichternngen - der Lage der Andersgläubigen - schleunigst verwirklicht werden, damit.die -lokalen-Behörden es nicht, mehr nötig haben-, ihre, ganze-Energie-gegen die'jüdischen -Gegener der Regierung eiuznsetzen.": So Herr von Witte. - Indessen versuchen es diese lokalen Behörden einstweilen noch mit den allen Mittelchen. Zum Glück verhallen solche verbrecherische Anschläge in den Wind. Die Zeiten sind auch in Rußland anders geworden! .? 4r»' .. Vor. kurzem berichteten wir, das; die Schaffung eines internationalen landwirtschaftlichen Institutes seitens' der italienischen Regierung auf die Anregung eines Juden zurückgehe. Das ist den antisemitischen Blättern natürlich nicht recht und sie erklären die ganze Sache,..für die sie kurz vorher noch begeistert waren, für einen „jüdischen Schächzng", bloß um „einen neuen Trust zu fördern": „Mag Amerika ruhig den Amerikanern bleiben, aber die tp europäische Landschaft darf am-wenigsten in ihre Abhängigkeit geraten, vielmehr heißt es hier: „Die Augen auf!" damit wir dem internationalen Bolke Israel nicht auf unsere Kosten zu einem neuen Rebbachverhelfen." Unglaublich, aber wahr. Dabei läuft -noch eine kleine Denunziationmit--unter,, indem es heißt: „Herr Davide Lubin!'hat, wie er in echt jüdischer Bescheidenheit bekannt gibt, -den > schönen Plan entworfen".. Das hat abernicht er - 'bekannt gegeben, sondern der König von Italienselbst! Auch - der - Mitteilung in unserem- Blatte stand-Herr Lubin völlig fern. - Aber - das hilft Alles. nichts. Auch dieser agrarische Jude -wird verbrannt! - 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.