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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-10 · Heft 10 (10.3.1905) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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der christlichen Kirche zufrieden geben kann. Und dann ist-das Verwerfliche, daß -man auf diese-Weise direkt zum unlauteren Wettbewerb auffordert, indem diejenigen, die, um vorwärts zu -..kommen,^.derr- Glauben'wechseln, wissen, daß sie den anderen,- die ihrem Glauben treu bleiben, .vorgezogen werden. -Diese Beförderung der Taufe unter den Juden ist aber auch ein Schlag gegen die Prinzipien des Liberalismus, nach' denen j^er Unterschied der -Religion und Konfession im öffentlichen LMen vollständig -verschwinden muß. Man kann dem Einzelnen nicht immer einen Vorwurf daraus machen, 'daß er sich schwächer als die Verhältnisse erweist und nicht den Märtyrer spielen will.- Gegen den Staat ist jedoch hieraus ein Vorwurf zu erheben. Diese ethischen und ideellen Schädigungen, die hieraus für das ganze Volksleben erwachsen/ veranlassen uns ganz besonders zur Entrüstung und Empörung^ Gerade die Männer, die an der'Wiege -des Vereins gestanden haben, vor allem Gneist und Rickert> und die Männer, die heute den Verein leiten, haben die ethischen Gesichtspunkte in der Politik stets besonders nachdrücklich betont gegenüber dem Materialismus, der infolge der Bismarckschen Politik Platz gegriffen hat. Wir können nur dann kräftig wirken, wenn wir von Optimismus beseelt sind, nnd ich möchte an das Dichterwort erinnern: - „Laßt, o laßt uns nicht ermatten, Nein, es sind nicht leere Träume, Diese Stangen werden Bäume, Geben einst noch Frucht und Schatten!" Unsere Aufgabe ist es, laut und in der Stille, bei Juden und bei Christen den Gedanken der Gleichberechtigung weiter zu verfechten, offen und'laut gegen die Verletzung dieses Grundsatzes Protest zu erheben und in der Stille durch Aufklärung der Massen zu wirken. Dann kann der Erfolg nicht ansbleiben, und ich möchte schließen mit dem Worte eines längst verstorbenen Frankfurter Geistlichen, der zu sagen pflegte: „Seitdem Gott sprach: Es werde Licht!, seitdem kann die Finsternis nicht dauernd zur Macht gelangen." ' Beide Referenten beantragten hierauf die Annahme folgender Resolution: „Der Grundsatz konfessioneller Gleichberechtigung wird in der Praxis der preußischen Justizverwaltung zuungunsten von Juristen jüdischen Glaubens fortgesetzt verletzt. Der Verein fordert die unzweideutige Anerkennung und Befolgung des Grundsatzes der Verfassung, wonach die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion keinen Grund für die Zurücksetzung bei der Besetzung einer Stelle bilden darf, für die der Betreffende an sich qualifiziert erscheint. Der Verein hält es für entsittlichend, daß die Regierung auf den Glaubenswechsel eine Belohnung setzt." Nach kurzer Diskussion wurde diese Resolution einstimmig angenommen und Dr. Theodor Barth, der Vorsitzende des Vereins, konnte zum Schluffe feststellen, daß alle Anwesenden somit entschlossen seien, den Kampf um die konfessionelle Gleichberechtigung mit vollster Entschiedenheit weiterzuführen. „Wir verlangen für unsere jüdischen Mitbürger nicht Wohltaten, sondern Rechte, und zwar alle Rechte und keine Teilrechte, und solange wir dieses Ziel nicht erreicht haben, haben wir nichts erreicht." Dir Woche. Berlin, 7. März. ie Beratung.des Kultusetats im Abgeordnetenhause hat wider Erwarten nur wenig gebracht, was registriert zu. werden verdient. In der Sitzung .vom 24. v. M. hat der Abgeordnete Rosenow die Tatsache zur Sprache gebracht, daß in Swinemünde eine sogenannte konfessionelle Gebäudesteuer existiere,,nämlich eine früher zu leistende Abgabe zu Zwecken der evangelischen Kirche, und zwar eine jährliche und eine solche, welche beim Besitzwechsel der Hausgrundstücke zu zahlen wa,r. Die Kirchengemeinde zu Swinemünde hatte nun eine große Erbschaft gemacht und beschloß, diese Steuer auszuheben. Das Konsistorium zu Stettin hat diesem.Beschluß nur hinsichtlich der ' evangelischen Hausbesitzer zugestimmt; die' Steiler wurde aber auch für katholische und jüdische Hausbesitzer aufrecht erhallen. Der evangelische Oberkirchenrat hatte die Entscheidung des Konsistoriums bestätigt. Der Regierungskommissar.erklärte, .daß der Minister den Oberkirchenrat bereits ersucht habe, die Steuer aufzuheben. Ein. hübsches Intermezzo fand in der Sitzung vom 1. d. M. statt. Der Abgeordnete Cassel hatte Herrn v. Zedlitz mit ..Bileam verglichen, dessen Fluch zum Segen gewordensei. Darauf erwiderte Herr v. Zedlitz, daß er dem Vorredner, der "eine Extratour aus das Gebiet der alttestamentarischem Citate gemacht" nicht folgen könne, da er darin nicht so bewandert sei. Die Rechte klaschte Beifall — obwohl am selben Tage der neue Dom von dein Oberhofprediger Dryander und dem Hosprediger Kritzinger fast ausschließlich „mit alttestamentarischen Zitaten" eingeweiht wurde. Die passendste Antwort gab aber in einer persönlichen Bemerkung der Abgeordnete Cassel selbst, indem er treffend bemerkte: „Wenn der Abgeordnete v. Zedlitz meint, in alttestarnentarischen Zitaten nicht so bewandert zu sein, so. gebe, ich ihm darin Recht. Denn mir liegen solche Zitate nach Abstammung und Glauben sehr nahe, und daraus bin ich stolz. (Lebhafter Beifall links.)" . . Die Landeskirchenkasse von Rumänien hat unter dem Titel „Die Geschichte und der gegenwärtige Zustand der Kulte in Rumänien" ein Werk veröffentlicht, das auch eine Anzahl interessanter Daten über die jüdische Bevölkerung enthält. .„Die erste religiöse jüdische Gemeinde — so heißt es in dem Werke — finden wir in Jassy im Jahre 1792, wo sie aus einer verhältnismäßig geringen Anzahl von Gläubigen bestand. Die letzten Teilungen Polens in den Jahren 1793 und 1795 hatten zur Folge, daß die Einwanderung der Juden in die Moldau derart stieg, daß es bereits im Jahre 1803 in alle^ Distriktshauptstädten mit Ausnahme von Fokfchani religiöse mosaische Gemeinden gab. Trotzdem betrug die Zahl der Juden in der Moldau im Jahre 1803 nicht mehr als 12000. Von da an'stieg ihre Zahl durch Einwanderung fortwährend und belief sich im Jahre 1900 auf 200000. In die Muntenia kamen die Inden spater und größtenteils aus der Moldau. Im Jahre 1860 gab es in der Muntenia nicht mehr als 9000 Juden, während im Jahre 1900 ihre Zahl 68 000 überstieg. Die rituelle Organisation der Juden ist bekannt. Ihre geistlichen Leiter sind, wie man weiß, die Rabbiner, und in Bukarest gibt es zwei Großrabbiner. . Dann gibt es als religiöse Rangstufen noch Prediger, Chachams und Kantoren. Die jüdische Kirche hat in Rumänien 303 Synagogen, und 240 Bethäuser, in denen 492.Rabbiner und 76 Rabbinatsgehilfen tätig such. Das Werk reproduziert hieraus die Ziffern der Volkszählung von 1899, denen es bloß einen approximativen Wert beimißt: Die Bevölkerung Rumäniens beträgt 5 956 690 Einwohner (nach der Behauptung des srühern Finanzministers Herrn Costinescu sieben Millionen), die sich der Religion nach folgendermaßen verteilen: 5 451 787 Orthodoxe, 266 652 mosaisch, 149 667 Katholiken, 22749 Protestanten, 44 732 Mohammedaner, 6787 Armenier, 15094 Lipowaner und 222 andere Religionen." % Die Entwicklung der Dinge in Rußland gestaltet sich immer seltsamer. Vor einigen Tagen brachte der offiziöse Telegraph die folgende Mitteilung über die Reformarbeit des Miyisterkomitees: * Das Ministerkomitee beriet am 28. Februar, über die Maßnahmen, die zur Abschaffung der in dem kaiserlichen Erlaß vom 25. Dezember vorigen Jahres erwähnten Beschränkrmgen religiöser Bekenntnisse zu

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