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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 13)
Language
German
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69. Jahrgang. No. 9, Der Gemeindevote. Berlin, 3. März 1905. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums" Lorrelponden?m und Sschrichtm. Deutschland. ^2 Berlin, 26. Februar. Im Aufträge des königlichen Provinzialschulkollegiums sind folgende Anfragen an die Eltern der jüdischen Schüler und Schülerinnen der höheren Schulen in Berlin gerichtet worden: 1. Gehören Sie der Berliner Synagogengemeinde an? 2. Gehören Sie einem anderen jüdischen Gemeindeverbande an? 3. Haben Sie Ihren Austritt aus der Synagogengemeinde erklärt? 4. Sind Sie aus dem Judentum ausgetreten? Es ist nicht recht ersichtlich, welchen Zweck diese Anfragen haben. Hoffentlich erfolgt bald eine Aufklärung. S£2 Berlin, 27. Februar. Der Hilfsverein der deutschen Juden hielt am Sonntag nachmittag im Hotel Prinz Albrecht seine diesjährige Versammlung ab. Den Geschäftsbericht erstattete der zweite Vorsitzende, Stadtverordneter Dr. Nathan-Berlin. Das Vermögen des Vereins beträgt nach dem Bericht 688030,48 Mark, der Spezialsonds für die russischen Juden beträgt allein 259 250,40 Mark. Der Geschäftsbericht behandelte besonders eingehend die Organisation der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa. Besonders die Auswanderung aus Rußland ist in letzter Zeit durch die dortigen Vorgänge, ganz außerordentlich gestiegen, besonders auch infolge des japanisch-russischen Krieges. Dr. Nathan nahm bei dieser Gelegenheit zu der Auswanderungssrage Stellung. Die Jndenfrage könne nie durch Auswanderung gelöst werden, dazu sei die Zahl der Juden viel zu groß. Es würde sich kein geeignetes Land finden, um sie aufzunehmen. Die Verwaltung wurde darauf entlastet. An den weiteren Verhandlungen, die sich hauptsächlich um Statutenänderungen drehten, beteiligte sich auch der Landtagsabgeordnete Justizrat Cassel. Mit Dankesworten an die Erschienenen schloß der Vorsitzende, Herr James Simon, die Versammlung. (Ausführlicher Bericht in der nächsten Nummer.) 22 Berlin, 23. Februar. Am 22. d. sprach Rabbiner Dr. Guttmann aus Breslau im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" über „Die Reformation und die Juden". Der ausgezeichnete Ruf, den der Vortragende in der Gelehrtenwelt genießt, hatte ein zahlreiches Publikum angelockt, dessen Erwartungen durch den Vortrag dann auch in der Tat vollauf befriedigt wurden. Der .Redner besprach zunächst die Frage: Was hat die Reformation den Juden zu verdanken? Ausgehend von dem Reuchlin-Pfefferkornschen Talmudstreit, wies er in überzeugender Weise nach, daß der Kampf um das jüdische Schrifttum der Vorbote der Reformation gewesen sei. Er schilderte sodann die Bedeutung, welche jüdische Gelehrte und die Wissenschaft des Judentums auf die Strömungen des Humanismus und der Renaissance ausgeübt haben, um dann im zweiten Teil seines klaren und interessanten Vortrags Luthers Stellung zu den Juden, die sich bekanntlich in zwei himmelweit von einander entfernten Schriften kundgibt, eingehend zu besprechen. Die übersichtliche Anordnung des Stoffes, die formvollendete Darstellung, die würdige Entschiedenheit, mit der der Redner zum Schluß für die Wahrheiten des Judentums eintrat, übten auf den großen Zuhörerkreis eine tiefe Wirkung aus, die sich auch in lebhaftem Beifall kundgab. Der Wunsch, Herrn Dr. Guttmann noch oft hier zu hören, wurde allgemein ausgesprochen. 8 Berlin, 21. Februar. Die ordentliche Mitgliederversammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens fand heute unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder des Vereins im Saale der Gesellschaft der Freunde statt. Den einleitenden Vortrag hielt Herr Landrabbiner Dr. A. Lewinsky aus Hildesheim über „Baron von Gvertz und die Juden-Emanzipation." In einem einstündigen interessanten Vortrage zeichnete der Redner den Baron von Goertz an der Hand der von diesem herausgegebenen Streitschriften als einen mutigen Verfechter der Menschenrechte für Israel, als den wahrhaft edlen Geisteshelden, der es verdient, in der Reihe derjenigen Männer genannt zu werden, welche, ausgerüstet mit dem Rüstzeug der Wahrheitsliebe und der Geistesschärfe, vor 70 Jahren in die Arena hinabgestiegen sind, um eine Lanze für die Gleichberechtigung der deutschen Juden einzulegen. In einem kernigen Schlußwort pries der Vortragende die vor 10 Jahren erfolgte Gründung der Zentralvereins als eine befreiende, rettende Tat und ermahnte die Zuhörer, da infolge der giftigen antisemitischen Saat, welche sich aus den verschiedensten Gebieten des öffentlichen Lebens bemerkbar macht, noch stets erneut die Inden — trotz der ihnen verfassungsmäßig gewährten Gleichberechtigung — den Kampf ums Recht führen müssen, treu zu stehen zu Kaiser und Reich, sich aber auch zu zeigen als tatkräftige Glieder der Glaubensgemeinschaft. — Im Anschluß an diesen mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag erstattete der erste Vorsitzende des Vereins, Herr Rechtsanwalt Dr. Horwi tz, den Jahresbericht. Er gedachte zunächst mit ehrenden Worten der vielen im Berichtsjahre verstorbenen Vereinsmitglieder, besonders des erst jüngst verewigten Konsuls Moritz Simon. Das Wachstum des Vereins ist, wie er ferner mitteilt, ein recht erfreuliches; aus den verschiedensten Gegenden des deutschen Vaterlandes sind neue Mitglieder dem Verein beigetreten, der mit Rücksicht auf die ungeheure Belastung .der Mitglieder des Vorstandes, welche bisher die Propagandareisen unternommen haben, nunmehr darauf bedacht sein nruß, Linen besoldeten Beamten zu diesem Zwecke anzustellen. Die Zahl der jährlichen Eingänge ist in den letztere fünf Jahren von 5000 auf 8000 gestiegen, die Auflage der' Vereinszeitschrift „Im - deutschen Reich" hat sich von 4000 aus 17 000 Exemplare erhöht. In diesem Jahre hat der Verein noch ein Flugblatt betreffs des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes erscheinen lassen, durch welches die Prinzipale warnend auf diesen Verband und beffen Endzweck, die jüdischen Prinzipale unschädlich zu machen, aufmerksam gemacht wurden mit Rücksicht ans die jetzt aktuelle Frage der Wahlen zu den Kaufmannsgerichten. In den Vorstand des Vereins ist Rechtsanwalt Dr. Brodnitz neu eingetreten, in die Rechtsschutzkommission wurden neu gewählt die Rechtsanwälte Chodziesner-Charlottenbnrg und S. Wreschn er-Berlin. Eine gewisse Entlastung auf verschiedenen Gebieten hat dem Verein die Gründung des Verbandes der deutschen Juden gebracht, der bekanntlich diejenige Organisation schaffen soll, welche seitens der Behörden den Juden geflissentlich vorenthalten wird. Trotzdem wird noch immer genug Arbeit für ben Zentratverein übrig bleiben. Ueberaus zahlreich sind die Fälle, in denen die Rechtsschutzkommission hat eingreisen müssen, teils aus dem Gebiete der Tätigkeit auf den Gerichten, teils in der stets an Umfang zunehmenden Tätigkeit bei den Verwaltungsbehörden. Als sein Verdienst nimmt der Zentralverein die im deutsch-russischen Handelsvertrag gewährleistete Besserstellung der jüdischen Handlungsreisenden nach Rußland in Anspruch, der vom Zentralverein verfaßten diesbezüglichen Denkschrift haben sich die meisten Handelskammern Deutschlands angeschlossen, auf deren Einwirkung hin alsdann die bisher geübte Differenzierung der jüdischen Handlungsreisenden von ihren christlichen Berufsgenossen beseitigt worden ist. Als eine besondere Aufgabe wird der Verein es betrachten, die künftigen politischen Wahlen in denjenigen Wahl-- kreisen vorzubereiten, in denen die Antisemiten günstige Aussichten haben. Die betreffs der Schächtfrage bei den Verwaltungsbehörden unternommenen Schritte sind leider ergebnislos verlaufen. Nachdem die Verwaltungsgerichtsbarkeit auf diesem Gebiete völlig versagt hat, soll nunmehr versucht werden. Schächtverbote gesetzlich ausschließen zu lassen. In einer gemischten Kommission arbeitet der Zentralverein gemeinsam mit dem Verbände der deutschen Juden an dieser Frage und wird sich schließlich an das Handelsministerium wenden, welches übrigens voll Verständnis für die Schutzbedürftigkeit der Juden in dieser religiösen Gewissensbedrängnis ist. Geringes Entgegenkommen haben die Eingaben an das Kultusministerium gefunden; einige Erfolge sind beim Justizreffort erzielt worden, so in der Frage der Zuziehung von jüdischen Geistlichen bei Sühneversuchen in Ehe-

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