Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · p. Seite 108

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228646--61527-3275352
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

108 „Er schreibt, er sei beschalom angelangt, und lernt mit großem Fleiß," erklärte Abraham. „Zeige mir das Wort „beschalom" im Brief,". bat Gitel. „Ach, Du Närrin!" rief Abraham. „Traust Du mir nicht? Sieh' her, da fteht's. Lies selber, da, wo ich den Finger halte." „Warum schreibt er nicht jüdisch?" „Ist er denn ein Am Haarez, ein gewöhnlicher Dorfjunge, daß er jüdisch schreiben sollte? Lernt er nicht in Keiwa?" „Lies nur," drängte die Frau, „nachher wirst Du reden?" „Im ersten Monat," fuhr Abraham zu lesen fort, „erlernte ich fünfzig Blatt vom Traktat Eruwin. . . Hörst Dn's, Gitel? In einem Monat erlernte er fünfzig Blatt vom schwierigsten Talmudtraktat. Wart' mal, fünfzig Blatt, das sind ja die ersten vier Abschnitte, also bis zum Abschnitt Kezad Meabrin.... Ei, ei! Gott gebe ihm Gesundheit, diesem Prächtigen Kleinen. . ." „Lies doch weiter! Lies!" rief Gitel ungeduldig. „Im zweiten Monat erlernte ich nur dreißig Blatt. .?' Im zweiten Monat vermochte er nur dreißig Blatt zu erlernen — Warum das? . . . Vermutlich konnte er die Zeichnungen im ' Abschnitt Kezad Meabrin nicht so leicht verstehen. Aber Raschi erklärt ja alles so deutlich. . ." „So lies doch schon! Nachher wirst Du philosophieren..." „ . . . Das Bethamidrasch ist voll von Peruschim, die alle * ungeheuer gelehrt sind . . ." Hab' ich's Dir nicht gleich gesagt?" rief Abraham, die Lektüre unterbrechend. „Dort wird er ein Mensch werden. Er schreibt, daß alle Peruschim dort so ungeheuer gelehrt sind, daß man ihn gar nicht beachtet." „Das macht nichts," tröstete sich Gitel. „Wenn er nur gesund bliebe, er wird schon auch gelehrt werden." „Gewiß. Er wird noch einmal eine Größe in Israel," '.bekräftigte der Vater und fuhr fort zu lesen: . . . „Das Bethamidrasch ist voll von Peruschim, [bie ungeheuer gelehrt so daß man mir nur mit schwerer Mühe einen Platz unter ihnen einräumte. Auch nachher war mir der Aufenthalt hier sehr schwer, denn seit ich von Euch gegangen bin, war ich keinen Tag satt." „Was?" fragte Gitel. „Nichts, nichts, wart' nur ein wenig, ich verstehe nicht recht, was er schreibt..." „So beeile Dich doch," bat Gitel, ich möchte ja so gern wissen, wie es ihm erging ..." „Darum solltest Du mich nicht jedesmal unterbrechen," Er neigte sich über das Blatt hinab und las die hebräischen Worte . . . „war ich keinen einzigen Tag satt. Ich nährte mich .mit trocknem Brot, bis ich sehr krank wurde. Gott sei Dank . . ." „Ah, jetzt versteh' ich's schon. Anfangs konnte er sich an die dortige Kost nicht gewöhnen, jetzt hat er sich, Gott sei Dank, schon daran gewöhnt, und sie bekommt ihm wohl." „Das liebe Kind!" seufzte die Mutter und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „ . . . Bis ich sehr krank wurde . . ." Abraham wiederholte diese seltsamen Worte und wandte sich an Gitel: „Was ist das? Kann er nicht mehr richtig hebräisch? Anstatt das richtige Wort zu schreiben, schreibt er ein ganz anderes, das gar^ nicht hierher gehört. . ." „Der arme Kleine! Er ist ja noch ein Kind!" beschwichtigte die Frau. „Aber lies erst weiter . . ." „Gott sei Dank," fuhr Abraham fort, jetzt hat inan ein Auge auf mich und nährt mich mit reichlicher Kost. . ." „Sehr gut!" rief er aus und wandte sich mit strahlendem Gesicht an seine Frau. „Jetzt hat er's gut dort, bekommt gute und reichliche Nahrung. Sieh selber hinein, lies: gesunde und reichliche Kost. . ." „Gott sei gepriesen!" flüsterte Gitel. ' „ . .Aber ich bin sehr krank . . ." las Abraham weiter . und ^eiü Herz fing heftig zu beben an. „Ich habe Herzweh, und der Arzt . . . Was? Noch einmal . . . Ich bin sehr krank, und der Arzt verbot mir das Lernen ganz. Denn ich darf meinen Köpf nicht eine Stunde anstrengen. Seit zwei Wochen gehe ich müßig umher und das Herz tut mir weh . . ." „Was schreibt er da?" rief Gitel von einer plötzlichen Angst übermannt. „Warum bist Du so blaß geworden? Zweimal hast Du das Wort Rose (Arzt) gelesen. Ich weiß es. Was ist das? Ist er krank? Wie? Ist er krank? Warum schweigst Du? So sprich doch!" Abraham stand da, verwirrt und betäubt und konnte kein Wort hervorbringen, im Kopfe hatte er ein Sausen; seine Hände, die den Brief hielten, zitterten wie im Fieber und mit Mühe las er die Worte zu Ende. . „Sobald ich mit Gottes Hilfe imstande sein werde äbzureisen, werde ich so schnell als möglich zu Euch, liebe Eltern, zurückkehren. Ich bin sehr bekümmert, daß Gott meinen Vorsatz nicht billigte, hier an der Quelle Thora zu lernen." „Schlimm!" sagte Abraham mit einem Seufzer. „Er fühlt sich unwohl und möchte nach Hause zurück. Schlimm!" „Er ist krank!" schrie Gitel. Ist er krank? Weh' mir!" „Er möchte nach Hause!" wiederholte Abraham. „Er soll nur kommen! Geschwind, Abraham! Wann kommt! er? Wann will er heimkommen? Vielleicht liegt er dort krank!" Sie brach in ein bitteres Weinen aus. \ „Schlimm! Sehr schlinnn!" flüsterte Abraham für sich und schüttelte den Kopf. „Und ich hoffte, er würde dort ein Mensch werden. . „Abraham!" rief Gitel unter Tränen. „Man muß hin. Gleich morgen geh ich hin. Vielleicht liegt er zu Bett, vielleicht braucht er einen Arzt!" „Ich will selber hin! Eine Strafe des Himmels!" „Du hast ja keinen Reisepaß, Abraham. Ich will's tun. j Ich brauche keinen Paß." „Eine Strafe des Himmels . . . Und ich hoffte, dort würde er ein Mensch werden ..." „Welch ein Unglück hat mich getroffen!" jammerte Gitel. „Mein einziges Kind! Meine Seele, mein Leben! Wehe mir." „Ach, sehr schlimm, sehr schlimm!" murmelte Abraham für sich, während er im Zimmer ans und abging. Dann blieb er vor Gitel stehen und fragte zaghaft: „Wirst Du den weiten Weg zurücklegen können?" „Und mein krankes Kind konnte den weiten Weg zurücklcgen?" fuhr sie auf. „Er konnte, und ich nicht? > „Aber, wie wirst Du ihn hierher bringen?" Vielleicht ' kann er den weiten Weg nicht zu Fuß machen?" „Ach, du Herr der Welt!" stöhnte Gitel. „Was soll ich nun anfangen? Gewiß kann er nicht zu Fuß gehen, er ist ja krank, das liebe Kind, krank ..." Was sollen wir nun machen?" murmelte Abraham. „Was wir machen sollen? Wir müssen ihn unbedingt nach Hause, bringen." „Aber wie?" Gitel sann eine Weile nach. „Ich gehe zur gnädigen Frau Gräfin und bitte um einen Wagen. Sie wird es mir nicht abschlagen, sie ist gut, sie hat auch Kinder und kann das Herzeleid einer Mutter nachfühlen." „Das ist ein guter Einfall," bestätigte Abraham. Gitel schloß die ganze Nacht kein Auge, und hörte nicht auf, des Los ihres Sohnes mit bitteren Tränen zu beweinen. (Schluß folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin. kIbs —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.