Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Kn Lrr Nuellk. Geschichte eines Knaben.' Von Esra Goldin. Aus dem Hebräischen. YIII: IP§ war ein heiterer, stiller Abend. Tiefes Schweigen hatte das Dorf umfangen. Die Bauernbevölkerung schlief schon, nach vollbrachtem schwerem Tagewerk. ' Der Wald stand reglos da, gleich einem in tiefes Sinnen versunkenen Helden. Die Nosj wälzte mit leisem Gemurmel ihre kleinen Wellen, Im Teich außerhalb, des Dorfes stimmte ein mächtiger Fröschechor sein Abendkonzert an. Im Haus des Schankwirtes Abraham funkelte ein matter Lichtsein, Die kleine Oellampe auf dem Tisch qualmte und erhellte nur schwach den Raum. Abraham saß beim Tisch vor einem äufgeschlagenen Buch, in dem er studierte, während er die Spitze seines schwarzen Bartes zwischen den Fingern zerknüllte, unter unaufhörlichen! leisen Kopfnicken die Stirn runzelte und unhörbar die Lippen bewegte. Nur von Zeit zu Zeit ließ er einen leichten Seufzer vernehmen. In einem Winkel saß Gitel und arbeitete emsig an einem Strickstrumpf; ihre Finger bewegten sich hurtig und flink, zuweilen jedoch hielten sie, wie ermüdet, inne und sanken schlaff herab, die Drähte ruhten Plötzlich; doch das dauerte nur eine Weile, denn sogleich ermannte sich die Frau, und nahm ihre Arbeit wieder auf. Schweigen erfüllte das düstere Gemach, doch war es keine friedliche und ruhige Stille, sondern wie ein gewaltsam zurückgehaltener Ausbruch eines Schluchzens..; Etwas Beklemmendes schwebte in der Luft. Gitels Gesicht war blaß und trug den Stempel tiefen Kummers, ihre Augen waren zurückgesunken und vom Weinen getötet. Sie starrte in die Dämmerung hinein, die das Zimmer umschattete, während ihre trockenen mageren Finger unaufhörlich die Drähte bewegten . Plötzlich fuhr sie zusammen. Abraham hatte einen herzbrechenden Seufzer ausgestoßen: ,-Aj, aj, o Herr der Welt," würzte er den Midrasch, den er studierte, mit Interjektionen im wehmütig singenden Tone. „Ich will kein Wundarzt sein — heißt es im Texte, darunter ist zu verstehen: ich will keiner von denen sein, die da im Lehrhause die Wunder der Unwissenheit heilen, dieweil — wie es weiter im Texte heißt — in meinem Hause weder Brot, noch Kleider sind — darunter ist zu verstehen: ich besitze weder die Kunde des Schriftwortes noch die Wissenschaft der Ueberlieferung . . . ach, ach, wehe . . . weder die — Künde — des Schriftwortes : . . hm, hm ... kehren wir zum Anfang zurück: Ich will kein Wundarzt sein ..." Jählings unterbrach er sich und schwieg eine kurze Weile. Dann richtete er seinen kummervollen Blick auf Gitel: „Werden wir auch heute keinen Brief von ihm erhalten?" fragte er mit zagender Stimme. „Mein Josef, mein heimatloses Vögelchen, mein einziges Kind!" brach die Frau in ein unterdrücktes Schluchzen aus, die, mageren Finger blieben plötzlich starr und die Hände mit dem Strickstrmnpf sanken auf ihren Schoß hinunter. „Mein Kind, mein Kind, mein-liebes, reines Seelchen . . ." „Philipp -ist aus der Stadt noch nicht zurück," suchte der Gatte sie zu trösten. „Ich habe ihn gebeten, aus der Post nachzufragen." : \ „AchtiWochen sind schon vorüber-" jammerte die betrübte Mutter, ohne sich an die Trostworte des Mannes zu kehren, „acht finstere Wochen voll Kummer und.Herzeleid — o, barmherziger Gott! Du allein magst wissen, was ans. meinem einzigen Kind geworden ist — Gott, Gott!" „Hör doch auf, liebes Weib!" bat Abraham mit weicher Stimme, „sei still! Klage nicht. Du kannst Dich darauf verlassen' daß ihm nichts Schlimmes zugestoßen ist. Er ist den Weg des Guten gegangen, zur Quelle der Thoraist er gewandert, ' und wenn er bis heute nicht geschrieben hat ... hm . . . Seine Stimme bebte und die Worte kamen ihn: stammelnd' von den Lippen. , ' „Wenn er bis heute nicht geschrieben hat," fuhr er nach einer Weile fort, während er den Blick auf-das vor ihm ausgeschlagene Buch senkte so beweist das — so ist das ein Zeichen — huch — hu —. Wie diese Lampe blakt — man kann kein Wort hervorbringen! — Der Qualm dringt in die Kehle. -- Ich will zu Philipp hinübergehen, er kann einen Brief gebracht haben — Und wenn er keinen gebracht hat — wenn er auch heute keinen gebracht hat —" Er sprang auf und stand eine Weile in Gedanken versunken da. „Ach, ja!" rief er plötzlich aus. „Das habe ich ganz vergessen, Dir zu sagen. Es kommt vor, daß Briefe unterwegs verloren gehen. Ja, das kouunt öfters vor, alle Welt weiß, das zuweilen Briefe unterwegs verloren.gehen. Du brauchst Dich nicht unnützerweise zu beunruhigen." - . ' Er verließ die Stube. Gitel warf die Handarbeit auf den Tisch, stürzte ins angrenzende Zimmer und warf sich, die Hände verzweifelt um das Haupt gerungen, weinend aufs Bett. „Mein Sohn,- wo magst Du wohl jetzt sein? Was ist aus Dir geworden, mein einziges Kind?!" ' Die Tür sprang geräuschvoll auf, Abraham kam atemlos hereingeflogen und schrie triumphierend : „Ein Brief! Frau! Ein Brief von unserm Josef. Ich Hab' einen Brief. Einen geschlossenen Brief!" Gitel vergaß, sich die Tränen zu trocknen,, wie sie das stets aus Rücksicht auf den Mann zu tun pflegte, eilte flugs herbei,- zerrte ihn den Brief aus der Hand, riß das Kuvert entzwei, während Abraham sie ob ihres mangelnden Gottvertrauens ausschalt. „Siehst Du. Hab' ich nicht recht gehabt?. Was? Ei, ei! Es gibt ja einen Gott im Himmel, und unser Sohn ging hin, um an der Quelle Lerne heilige Lehre zu studieren. Und die sitzt da und jammert und klagt. Tag und Nacht, daß er fort st! Was . ist da zu jammern und zu klagen? Du hättest ja bedenken sollen, wohin er ging." „Der Brief, ist ja hebräisch!" ries Gitel enttäuscht,. indem sie das Schreiben Abraham reichte. „Lies und übersetze es mir." „Ich werde Dir nachher den Inhalt erzählen." „Nein, nein, nein!. Wort für Wort mußt .Du mirs übersetzen." Abraham trat an den. Tisch, hielt das Papier an die Lampe, betrachtete die Schrift genau und fing an zu lesen. Nach den üblichen Titulaturen und Anredungen an Vater und Mutter, berichtete. Josef : „Ich bin glücklich in Keiwa an gelangt, fand Aufnahme im Bethamidrasch und lernte mit großem Fleiß." „O, o! Das ist schön!" ries Abraham erfreut. „Was? Was schreibt er?" . .