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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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vertraut war er nur mit dem Ghetto in Prag. Ueber Pilsen dürfte er auf Reisen nie hinäusgekommen sein. Dabei war« , seine Ladung an Bücherweisheit nicht umfangreich, da er der modernen Naturwissenschaft und der Philosophie, auch der nicht modernenfremd gegenüberstand. Ich mutmaße, daß er die literarischen Erscheinungen seit etwa 30 Jahren aus den Renzensionen kannte, die die Prager deutschen Tagesblätter . brachten. Wie sollte er nun in seinen Büchern ernste psychologische Probleme behandeln! In den ersten seiner Romane geschah dies noch. - „Gabriel" behandelt ein tiefes Problem . und behandelt es gut. „Kaddisob vor Kol .Nidre" hat Tiefe. In späteren Werken tritt an Stelle der Tiefe oft platte Kasuistik, so z. B. ob ein frommer Jude, der von der Not gezwungen, religiös verbotene Speisen genießen muß, das' Tischgebet sprechen soll. Statt der Tiefe eines Problemes bildet folgendes die Grundlage eines seiner Erzählungen -, Ein frommer Jude will die vorgeschriebene Benediktion über das Mondeslicht sprechen, kann es zufällig nur an einem einsamen, abgelegenen Orte tun; dort geschieht zufällig ein Mord und der Fromme gerät infolge rigoroser Ausübung . einer religiösen Handlung in den Verdacht, den Mord begangen zu haben. ' Wenn die handelnden Personen aus der Prager Juden - gasse stammen, ist ihre Charakterisierung eine ganz zutreffende, sehr oft nicht ohne guten Humor. Das sind dann wirkliche „Präger", wie man in Prag sagt. Dort gibt es nämlich eine Steigerung, die sonstwo nicht vorkommt: Prager, Proger und Präger. Diese „Präger" zu schildern, ist Kohns ureigenstens Gebiet, und hierin kommt ihm in Wahrheit keiner nach. Behandelt er aber Personen eines andern Kreises, fehlt jede Perspektive. Kaufleute, Statthalter, Generäle,' Beamte, Könige, Adelige' und Bauern stehen alle in einer Front und handeln alle auf gleiche Weise rührend einfach. Die Tugend ist lehrbar! meint Kohn mit Sokrates, und alle Judenfeinde geben ihre Feindschaft und ihre Vorurteile auf, wenn sie eines Besseren durch die Macht der Tatsachen belehrt werden. Die, welche durchaus keine Belehrung annehmen wollen, müssen eben das Strafgericht erdulden. Schade eigentlich, daß sie das Strafgericht überdauern und früher zugrunde gehen, sonst wären sie auch noch zur Tugend und Vorurteilslosigkeit erzogen worden. Das war auch seine Ueberzeugung im Leben. Er sagte oft, die Judenfeinde hassen nur die Juden im allgemeinen, die große Menge, die sie nicht kennen, die einzelnen Juden, die sie kennen, schließen sie vom Hasse aus. Ein Teil der Wahrheit ist in diesem Satze enthalten. Kohn und der viel viel früher verstorbene Kompert waren Zeitgenossen; beide empfingen ihre Eindrücke in der liberalen Epoche Oesterreichs, beider Gemüt beherbergte die ganze Poesie- ' des alten Judentums, des alten Sabbatäbends, der ehemaligen Feiertagsstimmung. Kohn lebte aber dieses Judentum immer bis zu seiner letzten Stunde, Kompert nur in , dichterischen Weihestunden, wenn er seine Erinnerungen in poetischer Verkörperung und Verklärung aufs Papier brachte. Das Ideal Kohns war die Anerkennung dieses Judentums innerhalb der europäischen Gesellschaft, das Ideal Komperts die vollständige Assimilation des Judentums mit dem Europäertum. Der größere Dichter war allerdings der hochgebildete Kompert, der bessere Jude Kohn, und er stand ratlos den Erfolgen Komperts als Ghettodichter gegenüber, ein Gebiet, auf dem er sich für den größten hielt. Daß Kompert und Kohn nur-gleichsam Vorläufer eines größeren, des genialen Zanguill waren, das hätte Kohn nie begreifen können. Wer aber auch seine Berühmtheit anzweifelte, mußte seine große Frömmigkeit und Herzensgüte ehren. Die geringste Vorschrift beobachtete er,-' 'dem talmudischen Grundsatz' gemäß, so genau wie''die - größte und die Erregung zitterte - in ihn; noch nach, als er einmal' an einem ersten Selichostag'e erzähltedaß er heute, weil die Uhr stehen geblieben war, fast Selichos verschlafen hätte, und der erste Selichostag wäre doch nur einmal im Jahre. Nie spöttelte er über einen religiösen Gebrauch, was oft auch von Frommen in aller Unschuld und Gutmütigkeit geschieht. , ' Erhaben fühlte er sich nicht nur durch -sein Schriftstellertum, sondern auch durch seine Observanz bei Erfüllung aller religiösen Vorschriften; da hätte er es mit den Orthodoxesten in Süddeutschländ, Ungarn oder Galizien ausnehmen können. Dabei studierte er fast täglich einige Zeit im Talmud und er konnte mit gutem Gewissen behaupten, daß er die zwölf Folianten wenigstens . einmal durchgenommen . habe.: Der modernen Wissenschaft des Judentums aber, deren Basis die Kritik bildet, war er gänzlich abgeneigt, obwohl Prag durch Rapoport eines der Zentren dieser Richtung geworden war? Dazu galt ihm Prag als die schönste Blüte des Judentumsdie-Mustergemeinde, zu der die Berliner und Wiener eigentlich aufschauen müßtet. Der konservative Mann verehrte den gelehrten Tälmudisten Rabbiner Samuel Freund mehr als den bahnbrechenden Rapoport, obwohl Rabbiner Samuel Freund für die Geschichte des Judentums ganz bedeutungslos blieb. Mit leuchtendem Auge erzählte er oft und gern, das; er von Rabbiner Samuel Freund kurze Zeit vor dessen Ableben gesegnet wurde. Kohn war beim Ableben Rabbiner Freunds selbst schon nahezu 50 Jahre alt. Ein litterarisches Denkmal hat er meines Wissens weder Freund noch Rapoport in seinen Erzählungen gesetzt.- Beide waren als zu komplizierte Naturen dem Schaffensgebiete Kohns nicht gelegen, wie der technische Ausdruck lautet. Kohn holte seine Figuren am liebsten aus ' der Vergangenheitdie seiner Phantasie erlaubte, die Charaktere so einfach darzustellen, wie er sie brauchte. Die Rabbiner in seinen Erzählungen sind alle so, wie er sich einen Musterrabbiner vorstellte : hochgelehrt, sehr fromm, selbstlos bis zur' Aufopferung, demütig, dabei aber nur Beschützer und Bewahrer des Heiligtums und durchaus keine Bahnbrecher, die etwa der Wissenschaft oder dem Leben neue Wege zeigen. Köhn verwechselte Bahnbrecher ^mit Umstürzler und darum war er Gegner jeder Reform. Dieser treueste Sohn seiner Gemeinde und einer der treuesten Söhne des Judentums saß — selbstverständlich könnte man sagen — etwa 40 Jahre im Vorstand der Kultusgemeinde, im Vorstand unzähliger jüdischer Vereine; besonders die Humanitätsvereine schloß er in sein gutes Herz ein. Er fehlte bei keiner Vorstandssitzung der Kultusgemeinderepräsentanz, bei keiner Vorstandssitzung der Vereine, nicht beim Talmudschiur, wie er auch der regelmäßigste Besucher des Morgen- und Abendgottesdienstes in der kleinen Winkelsynagoge war, in der er seinen Sitz hatte. Fünf Jahre sind seit dem Tode seiner Frau, seiner größten Verehrerin, vergangen; ihr Tod muß eine große Lücke in sein Leben gerissen haben, denn er blieb allein. Kinder besaß er, der große Kinderfrennd, keine. Auch darüber half er sich in seinem Optimismus hinweg. „Gott gab mir keine Kinder," entschied er, „damit mein Stamm mit mir würdig abbreche. Ich war ein einziges Kind meiner Eltern und bin ein frommer Mann. Wer weiß, ob meine Kinder, wenn ich diese gehabt hätte, würdige Menschen gewesen wären." S. Kohn war mehr als ein würdiger Mann; denn wie selten sind die Menschen, die, wie er, bei vielen großen Tugenden nur wenige kleine Schwächen besitzen. -

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